Creative Talk

Omid Hashemi studierte Allgemeine Informatik an der Hochschule Furtwangen mit Spezialisierung auf Künstliche Intelligenz. Heute ist er Geschäftsführer der 42DP Labs GmbH und entwickelt verschiede Spiele mit pädagogischem Hintergrund für Museen und Startups. Neben dem Agentur-Geschäft berät er mit seinem Team Startups in ihrer Gründungsphase aus technologischer Sicht.

Wie wird Virtual Reality (VR) die Wirtschaft verändern?

VR wird neue Arbeitsformen hervorbringen. Es wird das erste Mal sein, dass wir zum Arbeiten die reale Welt verlassen und eine virtuelle betreten werden. Im Extremfall muss das Konzept eines Büros/Arbeitsplatzes neu überdacht werden. VR wird zum einen bei der Visualisierung komplexer Vorgänge, wie bei der Aus- und Weiterbildung von Soldaten oder zur Schulung oder Reparatur komplexer Maschinen, zum anderen als ein Werkzeug bei der Konstruktion und Simulation komplexer Gebilde, wie Maschinen und Bauteile, zum Einsatz kommen. Natürlich kann man sich auch virtuelle Städte und Gesellschaften vorstellen, die parallel zu unserer realen Welt existieren und somit neue Wirtschaftszweige eröffnen und auch kulturell einiges umkrempeln werden.

Inwiefern müssen wir gesellschaftlich und politisch umdenken, um dieser Entwicklung positiv zu begegnen?

Eine solche Entwicklung wird nicht nur neue Einnahmequellen für die Wirtschaft und Industrie eröffnen, sondern zwingt uns auch, politisch neu zu denken. Denn die physikalischen Ländergrenzen, an denen wir so festhalten, werden wegfallen: Was bedeutet dann Emigration? Wie wird strafrechtlich vorgegangen? Welche Gesetze kommen zum Einsatz, wenn man in einer virtuellen Gesellschaft lebt? Wird es eine parallele Währung geben, und wird das globale Wirtschafts- und Bankensystem dazu gezwungen sein, auf digitale Währungen, wie z.B. Bitcoin, umzustellen? Das sind alles Fragen, über die man zumindest konzeptionell nachdenken muss, denn VR, Augmented Reality (AR) und die Digitalisierung im Allgemeinen werden unser Leben sowohl privat als auch kulturell/gesellschaftlich ändern – vor allem dann, wenn Künstliche-Intelligenz-Systeme sich aktiv in unsere Gesellschaft einbringen. Es wäre sicherlich falsch, all diese Szenarien negativ zu bewerten – weil wir uns dadurch aus dem “realen Alltag” zurückziehen oder Arbeitsplätze durch Maschinen und andere intelligente Systeme ersetzt werden. Dennoch dürfen wir genausowenig aufhören, darüber nachzudenken und zu diskutieren, wie weit und wie schnell wir eine solche Transformation zulassen wollen und welche Konsequenzen sich daraus ergeben würden.

Birgt diese Welt auch Gefahren?

VR bringt ein Vielzahl an Vorteilen mit sich, sei es im Beruf oder in der Freizeit. Durch die VR-Technologien werden wir viele Dinge anders erleben können: virtuelle Museen, virtuelle Touren zu den Pyramiden usw. Mögliche Nachteile wären in der Tat Realitätsverluste. Wenn man nicht mehr weiß, wie sich Schmerz anfühlt, weil man im virtuellen Raum solche nicht spürt oder “kräftig” genug ist. Denkbar sind aber auch psychologische Krankheiten. Aber genauso, wie die Technologie noch nicht so weit ist, ist es schwer abzusehen, welche Probleme und Gefahren sie mit sich bringt. In diesem Zusammenhang ist es genauso schwer zu sagen, wie der „richtige“ Umgang mit VR aussehen könnte. Das ist etwas sehr Individuelles.

Welche Zukunftsszenarien wären denkbar, was wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir eine Miniaturisierung der Technik. Zurzeit sind die Geräte – abgesehen davon, dass das Meiste nicht marktreif ist – groß, kabelgebunden und klobig. Ich denke, je kleiner und “kabelloser” diese Geräte werden, umso mehr Akzeptanz werden sie auch in der Gesellschaft und in der Wirtschaft finden. VR ist zurzeit vor allem in der Games-Branche gut angekommen – das liegt mitunter aber auch daran, dass Gamer solche neue Technologien schneller adaptieren und auch die Spieleentwickler offener sind, neue Ideen und Konzepte zu entwickeln. Sie können wesentlich kreativer mit der VR-Technologie umgehen und müssen sich nicht unbedingt an Real-Bedingungen halten.
Die VR-Brillen-Hersteller im Gegensatz dazu werden in erster Linie ihre Geräte iterativ verfeinern, seien es die Displays oder andere Komponenten. Ein extremes Zukunftsszenario, neben dem der virtuellen Städte, wäre die Verschmelzung von Mensch und Maschine, zum Beispiel durch die Übertragung kognitiver Fähigkeiten auf Maschinen.

Omid Hashemi ist Speaker auf der Next Level Conference 2015: „Trag mich! Wie Virtual Reality die Spielewelt, Bildung und Wirtschaft verändert“.