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Tim Betzin | Rausgegangen

Tim Betzin ist Gründer und Geschäftsführer der Eventplattformen Rausgegangen und ASK HELMUT. Über die Websites und Apps werden täglich die spannendsten Ideen zum Rausgehen in Köln empfohlen. Zudem sind aus dieser Plattform ein eigenes Ticketingsystem, ein Marketing-Tool sowie ein eigenes Festival gewachsen. All diese Projekte wurden durch die Coronakrise gestoppt, und das Team um Tim Betzin hat als Antwort auf den Event-Shutdown die Plattform Dringeblieben ins Leben gerufen, durch die Künstler*innen und Veranstaltungsstätten über Livestreaming eine digitale Bühne gestellt wird. 

Seit dem 15. März sind als Maßnahme zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie alle Kultureinrichtungen geschlossen. Neben den Kultur- und Kreativschaffenden betraf dies vor allem auch eure Arbeit für Rausgegangen. Was hat das für euch in dem Moment bedeutet und wie habt ihr reagiert?

Dies bedeutete mehrere Dinge: Wenn die Branche, mit der man eng verzahnt ist, wegfällt, wird auch die eigene Arbeit nicht mehr gebraucht. Wenn es keine Events mehr gibt, müssen auch keine Events mehr empfohlen werden, sprich: Auf der einen Seite hat man ein Identitätsproblem. Auf der anderen Seite bekommen wir natürlich ein wirtschaftliches Problem, wenn all unsere Umsatzkanäle, die wir aufgebaut haben innerhalb weniger Tage wegbrechen. Wie wir reagiert haben? Erstmal haben wir uns dann mit dem „Identitätsproblem“ beschäftigt, denn wir haben es immer als Auftrag verstanden, unsere Leser für neue besondere Dinge in der Stadt zu begeistern, und dachten dann, wenn Leute nicht mehr zur Kultur können, bringen wir die Kultur zu ihnen. Das war der Leitgedanke hinter der Livestreaming-Plattform Dringeblieben. 

Was bietet sie für Künstler*innen, Veranstalter*innen und das kulturinteressierte Publikum?

Für Künstler ist sie eine digitale Bühne. Wir wollen aber mehr sein als das, nämlich eine Möglichkeit für Kulturschaffende darstellen, in Zeiten von geschlossenen Bühnen auch neue Umsatzkanäle zu erschließen. Für das Publikum wollen wir einen direkten Zugang zu Künstlern bieten, mit denen sie zum Beispiel auch über unseren Chat direkt kommunizieren können, während die Künstler live auf der Bühne sind. 

Zu Dringeblieben gehört ja auch ein Spendensystem. Eine digitale Veranstaltung ist nicht mit einem Live-Konzert zu vergleichen. Sind die Leute trotzdem bereit, für die künstlerische Leistung zu bezahlen? Und kann eine Spende überhaupt einen Ersatz für eine ausgefallene Gage liefern? Wie läuft euer System, und wie kommt es an?

Man kann pro Livestream spenden, und derzeit haben wir eine Spendenbereitschaft von im Schnitt mehr als 0,30 Euro pro Zuschauer, was ein sehr hoher Wert ist. Natürlich ist eine digitale Veranstaltung nicht dasselbe wie eine Live-Veranstaltung. Ganz im Gegenteil: Wenn mich ein Künstler digital richtig begeistert, dann habe ich auch Lust, in ein paar Monaten vielleicht mal auf ein Offline-Konzert zu gehen. 

Manche Stimmen sehen es auch kritisch, wenn Künstler*innen zunächst einmal kostenlos und gegen freiwillige „Trinkgelder“ streamen, und befürchten, dass kreatives Schaffen dadurch entwertet wird. Wie steht ihr zu solcher Kritik?

Kann ich komplett nachvollziehen. Wir arbeiten gerade an weiteren Umsatzmodellen, zum Beispiel über Abonnenmentzahlungen und auch exklusiven Content gegen Zahlung. Damit würde der Content an sich weiter aufgewertet. Wir denken aber, dass freier und exklusiver Content auch weiterhin beide ihre Berechtigung haben  – der freie produziert mehr Aufmerksamkeit, der exklusive eventuell mehr Umsatz. Wir wollen beides anbieten und begreifen diese für die Szene ja undenkbar katastrophale Situation auch als mögliche Chance, langfristig digitale Umsatzkanäle aufzubauen. 

Gibt es Programmangebote, die besonders gut von den User*innen angenommen werden? Und von welchen Sparten würdet ihr euch noch mehr Content wünschen? 

Es gibt keine klaren „Gewinner“ – von Konzerten über Vorträge, Workshops oder auch Partys ist alles bei unseren top-geklickten Videos zu finden. In der Masse würde ich mich persönlich noch mehr über „alternativen“ Content zu Musik freuen, die alternativeren Sparten sind noch ein wenig unterrepräsentiert. 

Seit dem 30. April bietet dringeblieben.de Streams aus ganz Nordrhein-Westfalen an, und es sind bereits jetzt viele Städte und Künstler*innen dabei. Wie erlebt ihr die hiesige Kulturszene, und wie gehen die Akteur*innen mit der Krise um?

Bisher sehr positiv, und wir erleben über Städte und Genres hinweg einen großen Zusammenhalt. Dass wir alle ein Problem haben, ist uns bewusst, wir arbeiten entsprechend gemeinsam an Lösungen. 

Neben der Plattform Dringeblieben seid ihr nun auch Teil des United-We-Stream-Netzwerks. Was genau verbirgt sich dahinter?

Wir finden die United-We-Stream Initiative sehr gut und unterstützen daher gerne mit unserer Infrastruktur. Das heißt konkret: Wir sind neben Arte der technische Partner für Streaming und nutzen dabei unseren Videoplayer, wir wickeln die Unterstützer-Transaktionen über unser System ab und helfen bei der medialen Reichweite.

In Zeiten des allgemeinen Kontaktverbots ist der Schritt ins Digitale eine logische Folge. Für innovative digitale Start-ups bietet die Krise eine Chance, die auch ihr genutzt habt. Lassen sich darauf dauerhafte Geschäftsmodelle aufbauen?  

Die Antwort auf diese Frage wissen wir alle nicht. Ich würde mich freuen, wenn eine Branche, deren Monetarisierung zu einem ganz großen Teil offline stattgefunden hat, sich durch diese Krise ein digitales Umsatz-Standbein aufbauen kann. Wenn wir das schaffen, könnten manche aus der kreativen Szene sogar gestärkt und unabhängiger aus der Krise wieder rauskommen.

Wie wird sich die digitale Landschaft im Verlauf der Krise entwickeln? Wird das Digitale weiter an Bedeutung gewinnen, oder werden das Live-Erlebnis und der direkte soziale Kontakt wieder einen höheren Stellenwert einnehmen?

Wir betreiben ein Portal wie Rausgegangen aus Leidenschaft und weil wir Live-Erlebnisse und direkte Begegnungen für wahnsinnig wertvoll halten. Trotz allem zwingt die Krise uns als Gesellschaft ohne Ausnahme, uns weiterzuentwickeln und eine Lernkurve im Digitalbereich raufzuklettern. Und dieses Wissen um die Möglichkeiten, die der digitale Bereich bietet, das wird bleiben und, so denke ich, auch nach der Krise weiter genutzt werden. 

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