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„Kreative Quartiere“ – Resümee der Tagung in Dortmund

Sind kreative Quartiere eine Chance für die Immobilienwirtschaft und die Stadtentwicklung in der Metropole Ruhr? Dieser Frage ging im Vorfeld des Kulturhauptstadtjahres RUHR.2010 eine hochkarätig besetzte Tagung am 20. November 2009 in Dortmund nach. Die einhellige Antwort: ja – die Voraussetzungen sind jedenfalls vorhanden.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist eine Wachstumsbranche mit hohem Zukunftspotenzial.

Über die Chancen, die sich daraus für die Metropole Ruhr ergeben, sprachen Experten aus dem In- und Ausland, so unter anderen Prof. Dieter Gorny, Direktor für Kreativwirtschaft von RUHR.2010, Jeroen Saris, „Urban Consultor“ aus Amsterdam, und Charles Landry, britischer Städteforscher und Publizist.
Eine der Besonderheiten der Kultur- und Kreativbranche liegt in ihrer Zusammensetzung: Es sind viele Selbstständige und kleine Unternehmen darunter. Diese haben besondere Ansprüche an die Immobilien, Quartiere und Städte, in denen sie leben und arbeiten. Sie wollen in der Regel keine zu gut sanierten oder technisch perfekt ausgestatteten Räume haben; wichtiger ist ihnen eine Umgebung, die eine „Verortung“ (Dieter Gorny) ermöglicht. Besonders beliebt seien „endgültig unfertige“ (Jeroen Saris) Gebäude und Quartiere, die einen besonderen Charakter, eine Seele, einen Mythos, eine „Geschichte der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ (Charles Landry) haben – und für die man nicht zu viel zahlen muss.

Idealerweise sollten die Büro- oder Atelierräume mitten im städtischen Geschehen liegen, und es sollten auch andere Kreative in der Nachbarschaft leben und arbeiten, mit denen man bei Projekten kooperieren oder sich einfach in den – ebenfalls möglichst charaktervollen und zahlreichen – Szenegaststätten treffen kann. Denn die Vertreter der Generation Laptop könnten zwar theoretisch von überall aus alleine arbeiten, wie Prof. Dieter Gorny ausführte, de facto neigen sie aber dazu, sich an besonderen Orten, kreativen Hotspot, zusammenzufinden und zu verankern. Wer in der Kommunikationsbranche arbeitet, will eine „Heimat“ haben, will auch von Angesicht zu Angesicht mit anderen Menschen kommunizieren und nicht nur virtuell über das Web – Stichwort „Glokalismus“.

Die Chancen des Ruhrgebietes, dieser Zielgruppe eine Heimat zu geben, sind gut, so waren sich die Referenten einig. Denn die Städte hier sind reich an mythischen Orten, an traditionsreichen Gebäuden, an zukunftsoffenen Frei-Räumen, deren Entwicklung man noch selbst mitgestalten kann – und deren Mietpreise bezahlbar sind. Rund fünf Millionen Menschen aus 170 Nationen leben hier; die Kulturlandschaft ist reichhaltig, der Freizeitwert hoch. Und: Kreative finden hier einen Markt; viele erfolgreiche Industrieunternehmen, Energieversorger und Dienstleister haben hier ihre Standorte.

Vielfach betont wurde aber auch, dass man „kreative Quartiere“ nicht aus dem Nichts erfinden kann. Man muss auf etwas aufbauen oder an etwas andocken, das bereits da ist. Dabei sind immer die in der Stadt lebenden Menschen einzubeziehen, und zwar nicht nur die „kreativen 30 %“, sondern auch die übrigen 70 % der Bevölkerung. „Kreative Quartiere müssen in die Kultur ihrer Stadt eingebettet sein“, erklärte etwa Charles Landry, der das Konzept der „kreativen Stadt“ entwickelt hat.

Immobilienbesitzer müssten sich auf die besonderen Anforderungen der Kreativen einlassen, ihnen Möglichkeiten zur Gestaltung von Räumen und Gebäuden lassen – und im Zweifelsfall einer zunächst niedrigeren Miete gegenüber einem anhaltenden und weiter wertmindernden Leerstand den Vorzug geben. Dieter Gorny wies auf die besondere Rolle und Verantwortung der öffentlichen Hand hin: Sie müsse Erfolg versprechenden Entwicklungen durch Anschubinvestitionen eine neue Dynamik verleihen, die dann auch private Investitionen nach sich ziehe.

Ab 15.12.2009 soll die Tagung auf der Homepage www.kreative-quartiere.de umfassend dokumentiert werden.