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Katja Wickert | Ins Blaue e.V.

Foto: Caroline Schreer 

Katja Wickert, Jahrgang 1964, hat zwei sehr unterschiedliche Studiengänge absolviert – zum einen ein Studium der Pharmazie, zum anderen das der Malerei und Graphik an der fadbk - Freie Akademie der bildenden Künste in Essen. Dieser Vielfalt ist sie sich treu geblieben, nach wie vor ist sie mit Hingabe in ganz unterschiedlichen Bereichen kreativ, sei es als selbstständige bildende Künstlerin, als Mitbegründerin und Gesamtprojektleiterin der als CREATIVE.Space ausgezeichneten Kulturwerkstatt Ins Blaue e.V. in Remscheid-Honsberg oder ganz aktuell als Teamleiterin beim internationalen Architektur-Wettbewerb Solar Decathlon Europe 21/22 in Wuppertal, der im Juni zu seinem 20-jährigen Jubiläum erstmals nach Deutschland kommt. „In meinem Kunstschaffen bin ich gerne alleine“, sagt Katja Wickert, „in der Entwicklung und Durchführung von Projekten bin ich ein Fan von Teamarbeit. Beides ist für mich eine perfekte Ergänzung.“

Sie sind seit über 20 Jahren als bildende Künstlerin tätig. In unserem CREATIVE.Space Ins Blaue in Remscheid sind Sie Leiterin des gesamten Projekts. Wie ist das Projekt durch die letzten zwei Jahre gekommen? Welche aktuellen Projekte werden gerade umgesetzt?

Unser Verein Kulturwerkstatt Ins Blaue e.V. hat acht ursprünglich zum Abriss vorgesehene Häuser auf dem Remscheider Honsberg angemietet. Davon nutzen wir 1/3 für unsere kunst-, kultur- und gemeinwohlorientierten Projekte, 2/3 der Fläche vermieten wir an Menschen, die unser Projekt mittragen. Das sind u.a. bildende und darstellende Künstler:innen, Musiker:innen, Handwerker:innen, IT-Profis, Designer:innen. Durch diese Vermietungen können wir die Kosten, die der Verein aufbringen muss, finanzieren. Dieses Konzept hat uns ermöglicht, die letzten zwei Jahre weitestgehend gut zu überstehen.

Aktuell haben wir uns zwei Schwerpunkte gesetzt – zum einen die Weiterentwicklung unserer Gesamtprojektstruktur und Einbindung von neuen Akteur:innen, die wir bei der Größe unseres Projektes inzwischen dringend benötigen, zum anderen Kunst- und Kulturprojekte mit den Bewohner:innen unseres multikulturellen Quartiers. In dem Zusammenhang starten wir im Rahmen des Projekts „Stadtbesetzung“ vom NRW-Kultursekretariat ein Artist-in-Residence-Projekt, zu dem drei Künstler:innen aus Deutschland und den Niederlanden eingeladen sind, einen Monat im und mit dem Quartier zu leben und zu arbeiten. Über die Heimat-Werkstatt, ein weiteres Förderprojekt, werden wir mit den Bürger:innen ihre Honsberger Geschichten sammeln, damit eine gemeinsame Ausstellung in unserer Ins Blaue Art Gallery gestalten und als Streetart auf Fassaden im Quartier umsetzen – und zum Abschluss feiern wir gemeinsam ein Straßenfest!

Beim Hochschulwettbewerb Solar Decathlon Europe 21/22 in Wuppertal betreuen Sie eines der internationalen Teams von Studierenden, die vor Ort nachhaltige Gebäude planen und errichten werden. Wie genau läuft der Wettbewerb ab, was erwartet die Besucher:innen des Solar Campus? 

Insgesamt 18 Hochschulteams aus der ganzen Welt zeigen ihre Ideen, wie nachhaltiges Bauen und Wohnen in der Stadt an ganz konkreten Beispielen aussehen kann. Die zentrale Frage ist: Wie kann eine Stadt gut für die Umwelt und die Bewohner:innen sein? Dazu gehört, neben der sensiblen Beobachtung und Beachtung der vorgefundenen sozialen Gefüge, zum Beispiel nachhaltiges und recyclinggerechtes Bauen, Schaffung eines guten Raumklimas nach dem Motto „Low-Tech vor High-Tech“, Einsatz erneuerbarer Energien, Berücksichtigung neuer, urbaner Mobilitätskonzepte. Insgesamt: Erhaltung und Verbesserung von Lebensqualität. In Wuppertal bauen die Teams innerhalb eines knappen Monats einen repräsentativen, voll funktionsfähigen Ausschnitt aus ihrem Gesamtgebäudeentwurf, der dann auch von den Teams betrieben wird. Anhand von zehn Disziplinen werden die Teams bewertet, und am Ende kommt der spannende Augenblick, welche Teams für ihre Ideen und Umsetzungen ausgezeichnet werden.                                                                                            

Vom 10. bis 26. Juni sind die Besucher:innen eingeladen, die Gebäude zu besichtigen und gemeinsam mit den Teams die innovativen Ideen kennenzulernen (zu den genauen Öffnungszeiten siehe unsere News hierzu – Anm. d. Red.). Zusätzlich stellt sich jedes Land an einem Country&Culture-Day vor. Das heißt, dass auch Kunst und Kultur nicht zu kurz kommen.  

Der Solar Decathlon ist ein internationales, aber auch ein interkulturelles Projekt, innerhalb dessen verschiedene Sparten, Forschungs- und Bildungseinrichtungen sowie Unternehmen und Verwaltung zusammenfinden. Welches Potenzial sehen Sie hier für eine nachhaltige Vernetzung untereinander und auch für die vielbeschworenen Cross-Innovationen?  

Spannend ist in jedem Fall, dass sich beim Solar Decathlon junge Menschen aus der ganzen Welt mit einem gemeinsamen Thema begegnen und nicht nur über etwas reden, sondern es auch ganz konkret umsetzen. Die Fragen der Zukunft brauchen, nicht nur im Bereich des Bauens, essenziell Cross-Innovationen. Ein gutes Beispiel ist ein Ansatz des deutsch-türkischen Teams Deeply High, das ich begleite. Zu ihrem Konzept gehört Wasserreinigung durch Algen, die gleichzeitig Kohlendioxid in Sauerstoff umwandeln können – ein Crossover von Forschungen der Biotechnologie mit Architektur und Bauen. Der Grundgedanke der ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft ist ebenfalls ein Komplex, der Verknüpfung von verschiedenen Sparten erfordert. Urban Mining ist ein weiteres Stichwort, bei dem z.B. auch Verwaltung eine Rolle spielen kann. Die zehn verschiedenen Disziplinen, die der Solar Decathlon fordert, machen eine Vernetzung der verschiedenen Sparten notwendig, und er ist daher mit Sicherheit auch Impulsgeber für weiterführende, nachhaltige Vernetzungen. 

Das Wettbewerbsgelände grenzt direkt an den Mirker Bahnhof, wo die 2011 gegründete Initiative (und ebenfalls CREATIVE.Space) Utopiastadt zu Hause ist. Was können die Student:innen von diesem Reallabor direkt vor Ort lernen?   

Utopiastadt ist, wie praktisch alle CREATIVE.Spaces, ein Beispiel dafür, dass Initiative im gemeinschaftlichen Kontext unglaublich viel bewirken kann. Es werden mit viel Engagement Möglichkeits- und Freiräume geschaffen, die sich kontinuierlich, unkonventionell weiterentwickeln. Diese Atmosphäre ist spürbar, und das ist das beste Lernen.

Die Architektur ist einer von elf Teilmärkten der Kreativwirtschaft in NRW. Welche Brücken kann ein Event wie der Solar Decathlon auch innerhalb der Kultur- und Kreativwirtschaft bauen? Gerade beim Thema Nachhaltigkeit und Stadtentwicklung sind neue Ideen, die aus diesem Bereich kommen, doch essenziell?

Die Verknüpfung der Kultur- und Kreativwirtschaft mit den Themen Nachhaltigkeit und Stadtentwicklung sehe ich als ebenso essenziell wie die Verbindung der verschiedenen Sparten, die vorhin schon angesprochen wurde. Die unterschiedlichen Denkansätze und -strukturen im Kunst- und Kulturbereich können neue Blickwinkel und alternative Ansätze einbringen. Die Vermittlung der Inhalte über die kreativwirtschaftlichen Teilmärkte wie Presse, Film, Radio, Literatur und nicht zuletzt die Software- und Gamesindustrie ist die Basis dafür, dass diese Themen Verbreitung finden und immer mehr in das Bewusstsein der Gesellschaft gelangen. Daraus entstehen wiederum Rückmeldungen, die die Bedarfe und Wünsche widerspiegeln und Entwicklungen mit den Menschen gemeinsam möglich machen.

Kann der Solar Decathlon dabei Brücken schlagen? Ein Ansatzpunkt ist die Aufgabe der Teams, ihre Arbeiten auf möglichst unterschiedlichen Kanälen zu veröffentlichen. Die Country&Culture-Days sind ebenfalls Ansätze, die eine Verknüpfung möglich machen. In diesem Zusammenhang ist auch meine Zusammenarbeit als bildende Künstlerin mit dem Team Deeply High entstanden. Diese „Crossovers“ sollten allerdings noch viel stärker von Seiten der Hochschulen unterstützt werden. Mein Eindruck ist, dass die Hochschulteams des SDE schwerpunktmäßig  noch sehr stark in den jeweiligen technischen Fachbereichen verortet sind. 

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