Creative.Talk

Jedes Jahr werden von der Bundesregierung 32 Kreativunternehmen als sogenannte „Kultur- und Kreativpiloten“ ausgezeichnet. Gesucht werden Menschen, die für ihre Ideen leben, die „MEHR wollen“. Norbert Krause wurde dieses Jahr für seine Projekte in Mönchengladbach ausgezeichnet, unter anderem für das Projekt „200 Tage Fahrradstadt“. Krauses Projekte vereinen künstlerische Denke mit den Herausforderungen urbaner Mobilität und zeitgemäßer Stadtentwicklung, zeigen Potenziale auf und machen aus Städten lebenswertere Orte.

Was war Ihre Motivation für dieses Projekt? Was hat sich geändert?

Meine Heimatstadt Mönchengladbach war eine traditionell dem Auto sehr zugewandte Stadt. Das Fahrrad spielte in der Verkehrspolitik kaum eine Rolle. Wenn über Radverkehr gesprochen wurde, dann eher als lästiges Beiwerk, denn als Chance. Kurz, das Fahrrad hatte keine Lobby. Für mich hatte die Situation einen gewissen Reiz. Einmal persönlich, da ich selbst gerne das Rad als Verkehrsmittel nutze, dann aber auch auf der professionellen Ebene, weil sich eine Gelegenheit bot zu schauen, ob sich eine künstlerische, interventionistische Denke auch auf das Themengebiet der Stadtentwicklung anwenden lässt.

Ziel des Projekts war es nicht, die Stadt über einen gewissen Zeitraum mit Fahrradgaudi zu bespaßen, sondern eine Umgebung zu schaffen, die es den Akteuren in der Stadt, die eigentlich für das Thema Radverkehr zuständig sind, leichter macht, sich diesem anzunehmen. Ich habe das „Vormachen Mitmachen Selbermachen“ genannt.

Und wenn ich mir anschaue, was mittlerweile in Mönchengladbach für den Radverkehr getan wird, ist die Stadt auf einem guten Weg. Auch wenn es natürlich noch sehr viel Rückstand aufzuholen gilt. Der ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club) ist aktiv wie nie, die Politiker haben gerade eine Verdopplung des Fahrrad-Etats beschlossen, und der Oberbürgermeister hat die Autos aus dem historischen Rathausinnenhof verbannt. Da ist sehr viel „Selbermachen“ in der Stadt an Stellen, wo es vor dem Projektstart im Frühjahr 2013 gar nichts gab.  

Die meisten Ihrer Projekte haben etwas mit Bewegung zu tun, die zu Begegnungen führen sollen. Was kann durch Bewegung ausgelöst werden? 

Bewegung kann eigentlich nie schaden. Sei es physisch oder auf geistiger Ebene. Mir geht es darum, mit meinen Interventionen Situationen zu schaffen, die es den Menschen leichter machen, neuen Sichtweisen zu begegnen. Ich sehe die Kunst da eher als Mittel zum Zweck, eher als eine Art Technik, denn als eine für sich selbst stehende Disziplin. Da ist z.B. meine Intervention „FELD“. 2011 habe ich ein Stück Brachfläche besetzt und abgezäunt, ein Schild mit der Aufschrift „FELD“ dort aufgestellt, später „geerntet“, was dort so rumlag, und die Ernte dem Oberbürgermeister zum Kauf angeboten. Es war ja schließlich sein Land. Er hat zugeschlagen, und wir sind ins Gespräch über Zwischennutzungskonzepte gekommen. Heute wächst und gedeiht an eben jener Stelle ein interkultureller Gemeinschaftsgarten. 

Sehen Sie sich als Teil der KreativWIRTSCHAFT? Wie essentiell schätzen Sie die Rolle der Kreativwirtschaft ein, solche Begegnungen zu erschaffen bzw. zu ermöglichen?

Der Begriff der Kreativität ist ja eigentlich nicht mehr wirklich nutzbar. Aber wenn ich einmal davon absehe, kann ich natürlich sagen, dass ich mit Kreativität Geld erwirtschafte und somit Teil der Kreativwirtschaft bin.

Jeder Berufsstand bringt eine gewisse Sicht auf die Dinge mit sich. Den Kreativwirtschaftenden fällt es oft leicht, frische Blickwinkel einzunehmen. Aber letztendlich werden die wirklich wichtigen Dinge unserer Gesellschaft nicht in der Kreativwirtschaft verhandelt. Es ist also vor allem wichtig, einen Austausch herzustellen und mit anderen Bereichen wie Politik, Verwaltung oder der klassischen Wirtschaft zu kooperieren und so den eigenen Einflussbereich zu erweitern. Ich denke, dass wir in unserer Gesellschaft sehr viel Wissen, oder besser Weisheit haben, das immer noch nicht gehört wird, nur weil es nicht im schickem Anzug daher kommt. 

Sind Ihre Ansätze für die freie Wirtschaft übertragbar? Was kann ein Industrieunternehmen oder Mittelständler aus Ihrer Arbeit für sein Unternehmen mitnehmen?

Wenn man das, was ich mache, in Wirtschaftssprache übersetzen möchte, könnte man vielleicht sagen, dass es sich bei meiner Arbeit um eine Art krauses Change Management handelt. Das ist erst einmal interessant für alle, die etwas verändern wollen, aber nicht wissen, wie. 

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