CREATIVE.Talk

Peter Schreck ist Dipl.-Volkswirt und arbeitet freiberuflich als systemischer Organisationsberater, Identity-Coach und Dialog-Facilitator. Seit seinem Business Design MBA an der Zollverein school of management & design in Essen im Jahr 2005 arbeitet und forscht er in diversen Projektkonstellationen zur Frage „An was für Orten werden Kreative in Zukunft arbeiten?“ Da er immer wieder gefragt wurde, wie sich die kreative Kultur der Zusammenarbeit, der Spirit, den man aus Coworking Spaces kennt, in großen Wirtschaftsunternehmen entfachen lässt, hat er Anfang 2018 im interdisziplinären Verbund mit weiteren BeraterInnen und KünstlerInnen das New-Work-Forschungsprojekt „Creative Habitat – Lebensräume für kollektive Kreativität“ initiiert. Peter Schreck kuratiert am 30. August im Rahmen des von CREATIVE.NRW gehosteten INTERACTIVE-Themenstrangs „The Future of Spaces“ auf der c/o pop Convention in Köln einen zweistündigen Dialog-Workshop zum Thema „Räume für neue Arbeit“.

Herr Schreck, was verbindet Sie mit dem Thema „Neue Arbeit“?

Ich habe 2006 im Rahmen meiner MBA Masterthesis an der Zollverein school of management & design in Essen zur Frage geforscht „An welchen Orten werden selbständige Kreativarbeiter in Zukunft arbeiten?“ Damals gab es noch keine Coworking Spaces. Es war die Zeit, in der immer mehr Menschen ihre Laptops in Cafés aufgeklappt haben. Heute, im Jahr 2018, findet man Coworking Spaces in nahezu jeder Stadt und zunehmend auch auf dem Land. In Metropolen wie Berlin, London, New York und Paris wachsen das Angebot und die Nachfrage mittlerweile so enorm schnell, dass Prognosen der Immobilienbranche, die zum Teil davon ausgehen, dass im Jahr 2020 bereits 15 Prozent und im Jahr 2030 bis zu 30 Prozent aller Büroarbeitsplätze in „Serviced Offices“ zu finden sein werden, gar nicht mal so unrealistisch klingen. Dazu muss man wissen, dass es im Jahr 2017 gerade einmal 2 Prozent gewesen sind. Ich habe diesen, mittlerweile voll im Mainstream und damit natürlich auch in der Welt der großen Unternehmen angekommenen, Trend hin zum „flexiblen Mietbüro für kreatives Arbeiten“ also von Anfang an als aufmerksamer Beobachter und in den Jahren 2009 bis 2011 auch als aktiver Mitgestalter in Köln – ich war einer der Initiatoren von Coworking Cologne, einer Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hatte, ein vernetztes Ökosystem von Coworking Spaces und FabLabs in Köln aufzubauen – mitverfolgt. Aufgrund meiner in diesem Kontext gesammelten Expertise wurde ich dann auch immer öfter zu Podiumsdiskussionen und später dann auch von Wirtschaftsförderungen und Unternehmen als Dialogpartner und Berater angefragt. Die immer gleiche Frage lautete: Wie können wir in unseren spezifischen Kontexten, also z.B. einer Stadt mit 200.000 Einwohnern oder einem Großkonzern mit einer bisher eher klassischen, geschlossenen Unternehmenskultur, einen Coworking Space aufbauen und diesen so mit Leben füllen, dass der Ertrag in Form von Euro, aber vor allem auch in Form von Vernetzungseffekten und Innovationssteigerung den nicht unerheblichen Kosten- und Zeitaufwand rechtfertigt?

New Work ist derzeit in aller Munde, jeder hat schon einmal davon gelesen, was dazu gesagt. Aber meinen wir alle das Gleiche? Was ist für Sie der Kern von New Work?

Ich glaube nicht, dass wir alle das Gleiche meinen, wenn wir den Begriff New Work hören. Wie auch? Es gibt einfach viel zu viele unterschiedliche Zukunftsszenarien Konzepte, Modelle, Beratungsansätze und Best-Practice-Beispiele, die alle gleichzeitig um unsere Aufmerksamkeit ringen. Was bleibt, und das eint uns dann wohl alle wieder, ist der Eindruck, dass sich in der Welt, in der wir leben, eine Menge verändert und ein großer Handlungsdruck besteht.

In meiner Beratungs- und Forschungsarbeit geht es mir deswegen darum, den Begriff New Work, der heutzutage in der Tat in aller Munde ist, wieder etwas konkreter und begreifbarer zu machen, indem ich die Aufmerksamkeit zunächst einmal wieder ganz bewusst auf die Stimmungslagen, die bereits artikulierbaren und auch die latenten Bedürfnisse der jeweils betroffenen Menschen richte. 

Haben Sie ein aktuelles Beispiel für uns, das aufzeigt, wie die Idee des New Work besonders gut funktionieren kann?

Ich glaube nicht, dass es uns wirklich weiterhilft, ständig zu schauen, was andere bereits unter dem Label New Work machen. Ich glaube vielmehr daran, dass wir uns alle in unseren jeweiligen Kontexten immer öfter die Frage stellen sollten, wie wir eigentlich wirklich leben und arbeiten wollen – und was wir gemeinsam und was jeder alleine dafür tun kann, damit wir dieses von uns erwünschte Zukunftsbild von Arbeit co-kreieren können. Meiner Meinung nach verstellen wir diesen Raum der Möglichkeiten noch viel zu oft mit schon bereits gedachten Gedanken, die immer wieder aufs Neue aufgewärmt werden. Mit der Zeit stellt sich dadurch, meiner Wahrnehmung nach, bei vielen Menschen ein Gefühl von Schalheit ein und eine damit verbundene Unlust, sich wirklich auf das Thema Zukunft einzulassen.

Die zentralen Werte von New Work sind Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an der Gemeinschaft. Glauben Sie, dass das auch zur Überforderung führen kann? Ist unsere Gesellschaft schon dafür bereit?

Einer der zentralen Ideen in der New-Work- bzw. der Coworking-Begriffswolke ist ja der Begriff des „Community Building“, also der Gemeinschaftsbildung. Wenn ich mir aus der Distanz anschaue, wie unglaublich intensiv, konfliktreich und emotional aufgeladen sich die extreme Form von Gemeinschaftsbildung in den diversen experimentellen Lebensgemeinschaftsprojekten darstellen kann, dann stelle ich mir in der Tat die Frage, wie viel von echter Gemeinschaftsbildung wir in beruflichen Zusammenhängen erwarten und vertragen können. Auch wenn der Umgang miteinander in alternativen Lebensgemeinschaften sicherlich sehr weit von der aktuellen Wirklichkeit in Wirtschaftsunternehmen entfernt ist, so glaube ich doch, dass ein Blick dorthin, also in Kontexte fernab der New-Work-Konzepte von Konzernen und ihren Beratungshäusern, sehr inspirierend sein kann, um überhaupt mal ein Gefühl dafür zu bekommen, wie anders Sozialräume gestaltet sein können und zu welchen, auch durchaus positiven, Ergebnissen das führen kann.

Wo liegt Ihrer Meinung nach eine besonders große Herausforderung der zukünftigen Arbeitswelt?

Bleiben wir doch beim Thema Gemeinschaftsbildung. Ich glaube, dass wir in der zukünftigen Arbeitswelt, um wirklich kreativer und produktiver zu werden, was ja der Wunsch von so vielen Unternehmen ist, lernen müssen anders miteinander in Kontakt zu treten. Damit meine ich, dass wir in Zukunft neben dem zumeist eher oberflächlichen Austausch über Sachthemen auch einen tiefergehenden Austausch über persönliche Wertvorstellungen, Ideale und persönliche und kollektive Entwicklungsfelder benötigen. Denn dann, wenn wir in der Arbeit, die wir tun, einen tieferen, mit den persönlichen Wertvorstellungen verbundenen Sinn erkennen können und in den KollegInnen an unserer Seite Verbündete sehen, dann sind wir meiner Erfahrung nach wesentlich kreativer und können flexibler auf unerwartete Veränderungen in der Umwelt reagieren, als wenn diese gemeinsame Basis fehlt. Eine Herausforderung besteht meiner Meinung nach also darin, wie wir in beruflichen Kontexten, in denen das bisher, aus welchen Gründen auch immer, nicht vorstellbar scheint, soziale Räume gestalten können, in denen wir uns als „ganze“ Menschen eingeladen und willkommen fühlen.

Mit dem Dialog-Workshop auf der c/o pop Convention bauen Sie ja einen ersten solchen sozialen Raum und starten damit Ihr aktuelles Forschungsprojekt „Creative Habitat – Lebensräume für kollektive Kreativität“. Was ist Ihre Intention für den Workshop und für das Forschungsprojekt?

2006 waren es die Flucht aus den eigenen vier Wänden, das latente Bedürfnis nach sozialem Kontakt und die Vision, dass es da noch etwas Passenderes zum Arbeiten geben könnte als Cafés, die den Coworking-Trend ausgelöst haben. Als ich vor ein paar Monaten von CREATIVE.NRW angefragt wurde, ob ich etwas zum Thema „Räume für neue Arbeit“ im Rahmen der c/o pop Convention anbieten möchte, habe ich mich sofort gefragt, was denn eigentlich 2018 das latente Bedürfnis ist, das noch darauf wartet, entdeckt und von einer immer größer werdenden Gruppe von Menschen benannt zu werden. Meine Intention für den Workshop ist es demnach, gemeinsam mit den Teilnehmern in einen offenen Dialograum einzutreten, in dem einmal genau das zur Sprache kommen kann, was in den sogenannten professionellen Zusammenhängen heute zumeist noch nicht benannt werden kann. Was ist der Elefant im Raum, über den aktuell noch kaum jemand spricht, wenn in Organisationen an der Umsetzung von New-Work-Konzepten gefeilt wird? Was brauchen wir eigentlich wirklich, um kreativer und produktiver miteinander arbeiten zu können? Und warum scheint es so schwer zu sein, diesen Rahmen für wirklich neue Arbeit, diese neue Kultur, in den gewachsenen Strukturen von großen Organisationen zu etablieren? Diesem ersten Dialog-Workshop sollen weitere folgen. Wir planen mit unserem Projekt „Creative Habitat“ eine Tour durch Deutschland und wollen unser Workshop-Format, welches die Kunst des Dialogs mit künstlerischen Impulsen verbindet, dazu nutzen, unser kollektives Bewusstsein und unsere kollektive Handlungsenergie auf die wirklich wesentlichen Fragestellungen im Kontext von New Work auszurichten.  

Zum Dialog Workshop auf der c/o pop Convention 2018

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