CREATIVE.Talk

Mads Pankow ist Journalist, Politikberater und Herausgeber der Zeitschrift für Gegenwartskultur DIE EPILOG, die einen kulturtheoretisch informierten Blick auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen wirft. Einmal im Jahr veranstaltet er den Digital Bauhaus Summit, eine Boutiquekonferenz zu politischem Design in Weimar. Er hat in Marburg, Malmö und Weimar Medien-, Kultur- und Organisationswissenschaft studiert und sich auf technikphilosophische und -soziologische Fragen spezialisiert. Zusammen mit Dr. Leonard Novy hat Mads Pankow unser Leitthema „Hidden Values“ mitentwickelt. Die Konferenz „Hidden Values – Mehr wert als Geld?“ bot im Herbst 2017 den Auftakt. Darauf folgt nun die ebenfalls von Mads Pankow und Dr. Leonard Novy mitkonzipierte Publikation „Hidden Values – Die Währungen der Zukunft“. Den Launch der Publikation feiern wir am 24. April 2018 im NRW-Forum Düsseldorf und am 25. Mai 2018 im Rahmen einer kleinen Konferenz in der NRW Landesvertretung in Berlin – erste Einblicke liefert unser CREATIVE.Talk:

Foto: Steven Haberland

Hidden Values – versteckte Werte wie Aufmerksamkeit, Beziehungen und Netzwerke, Daten und Informationen sind das Kerngeschäft der Kultur- und Kreativwirtschaft und deren Kapital, wenn es um die digitale Umwälzung der Wirtschaft geht. Der Schwerpunkt verschiebt sich, das Immaterielle, Kreativität und Innovation rücken immer mehr in den Fokus. Die Kreativwirtschaft hat hier nach Ihrer Einschätzung einen klaren Startvorteil. Warum?

Die Kreativwirtschaft musste immer schon mit immateriellen Werten handeln. Kreative Projekte brauchen Ressourcen, die sich teilweise nicht mit Geld kaufen lassen: die richtigen Beziehungen, Aufmerksamkeit in den richtigen Kreisen, originelle und einzigartige Ideen. Diese Werte lassen sich nur indirekt erwerben, denn eigentlich entstehen und verbreiten sie sich in ihren eigenen Handelssystemen: Beziehungen erhält man durch andere Beziehungen, einzigartige Gedanken führen zu einzigartigen Gesprächen, die wiederum in einzigartige Projekte und Produkte münden; Aufmerksamkeit lässt sich nicht nur tauschen, sie lässt sich sogar investieren und verzinsen. Diese „immateriellen Werte“ werden wichtiger, je mehr Überschuss eine Wirtschaft produziert. Mit der Digitalisierung verschiebt sich fast jede Branche in die Überschussökonomie, denn digitale Güter sind immateriell und lassen sich deshalb beliebig vervielfältigen und verbreiten. Sie kennen gar keine Knappheit mehr, Digitalgüter existieren immer nur im Überschuss. Damit eine bestimmte Software genutzt wird oder auch ein Musikstück gehört und ein Film gesehen wird, müssen sie durch Aufmerksamkeit, Beziehungen und Einzigartigkeit, aber auch durch Daten, wie gute Bewertungen, möglichst attraktiv gemacht werden. Der Preis zählt am Ende am wenigsten bei der Frage, was gekauft wird und was nicht. Es sind die immateriellen Werte des Produkts, die entscheiden.

Andreas Reckwitz, Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina, nimmt in seinem Interview den Standpunkt ein, dass die Singularität, also die Einzigartigkeit, den wichtigsten Stellenwert innerhalb der heutigen Wirtschaft und Gesellschaft einnimmt. Würden Sie dem zustimmen? Oder gibt es einen „versteckten Wert“, dem Sie persönlich eine größere Bedeutung zumessen würden?

Die Werte, über die wir vornehmlich sprechen, Aufmerksamkeit, Beziehungen, Daten und Einzigartigkeit, sind alle miteinander verwoben, gehen auseinander hervor und bedingen sich wechselseitig, deshalb lässt sich schwer sagen, was der entscheidendste immaterielle Wert der modernen Wirtschaft ist. Aber am Ende geht es immer um die eine oder andere Form der Aufmerksamkeit. Sie ist das knappe Gut der modernen Wirtschaft, sie bestimmt den Markt. Denn die Aufmerksamkeit von Menschen ist durch unsere physischen Kapazitäten beschränkt. Man kann nicht ständig alles im Blick haben, sondern nur einen winzigen Ausschnitt aus der Welt pro Moment. Und in diesem Moment in diesem Aufmerksamkeitsfenster aufzutauchen, ist der Antrieb der Überschusswirtschaft.

Jana Costas, Professorin für Arbeit, Personal & Management an der Europa-Universität Viadrina, beschreibt das Phänomen eines sich wandelnden gesellschaftlichen Beziehungsmodells von authentischen Kontakten hin zu flüchtigen Bekanntschaften, welche hauptsächlich zur Steigerung des eigenen Marktwertes genutzt werden. Was bedeutet diese Entwicklung für unsere Gesellschaft?

Tja, auch das hat mit einer Überschusswirtschaft zu tun. Wenn es mehr Anbieter für bestimmte Leistungen, besonders kreative, gibt, als wir überblicken können, halten wir uns an die Menschen, die wir kennen. Von denen meinen wir wenigstens zu wissen, ob sie gute Arbeit leisten oder nicht. Das ist ja vor allem für Menschen in beispielsweise nicht gestalterischen Berufen schwer nachzuvollziehen. Ob eine neue Klospülung etwas taugt oder nicht, lässt sich in Sekunden für jeden Laien prüfen. Ob aber die neue Homepage-Gestaltung für mehr und längere Aufmerksamkeit beim Kunden oder am Ende gar zur Umsatzsteigerung führt, ist – realistisch gesehen – nicht zu überprüfen. Jede Form von Evaluation halte ich da für Kaffeesatzleserei. Vor diesem Hintergrund werden Beziehungen natürlich auch karrieretechnisch und wirtschaftlich wichtig. Das war zwar schon immer so, aber je größer das Dienstleistungsüberangebot wird, desto mehr zählen die richtigen Kontakte. Ich sehe da vor allem zwei Probleme. Erstens vervielfältigen sich Kontakte ab einem bestimmten Punkt von selbst. Wer viele Menschen kennt und die Bekanntschaften pflegt, lernt auch immer mehr kennen. Das heißt, es gibt dann am Ende ein paar Networker, die alles abgreifen und wenig Raum für Leute lassen, die erst neu in der Branche sind. Und zweitens werden Beziehungen instrumentalisiert. Das ist zwar nicht neu, nimmt aber zu. Wir müssen stärker unterscheiden, warum Menschen sich für uns interessieren: wegen unseres Jobs oder wegen unserer Persönlichkeit. Das muss man lernen und dann entscheiden, auf welcher Ebene man mit bestimmten Menschen „bekannt“ sein möchte. Es spricht ja nichts dagegen, Menschen, mit denen man arbeitet, auch persönlich zu mögen, aber ob man jemandem diese Zuneigung vorspielen will und ob man vorgespielte Zuneigung glauben will, das ist eine persönliche Entscheidung.

Auch die Daten, Informationen über Nutzer und Produkte, gewinnen in Zeiten von Big Data und künstlicher Intelligenz immer mehr an Bedeutung. Das sieht auch Viktor Mayer-Schönberger, Professor für Internet Governance an der Universität Oxford, und beschreibt die größte Herausforderung dieser Entwicklung in der Monopolisierung großer Datenkonzerne, wie beispielsweise Google. Sie sind, unter anderem, als Politikberater tätig: Glauben Sie, dass es für die Politik möglich sein wird, diese Monopolisierung mit Hilfe von Gesetzen zu stoppen? Und was können Kreative tun, um das „Recht an ihren Daten“ zu behalten?

Puh, die Regulierungsfrage ist eine schwierige. Ich befürchte, die Winner-takes-it-all- oder zumindest Winner-takes-the-most-Dynamiken von Aufmerksamkeits-, Beziehungs- und Einzigartigkeitsmärkten lassen sich sehr schlecht regulieren. Man kann nicht sagen: „Es kann nicht sein, dass jeder nur dein Produkt kennt, Google, wir verteilen jetzt um, du musst Teile deiner Aufmerksamkeit auch an andere Suchmaschinen abgeben.“ Eigentlich müssten wir Aufmerksamkeitsmonopole zerschlagen, aber das wollen ja auch die Nutzer nicht. Es sind ja alle froh, dass sie ihre Freunde auf Facebook finden und nicht noch zu Google+ müssen oder zu Ello.

Das Recht an ihren Daten ist ja zumindest für Kreative durch das Urheberrecht einigermaßen gut gesichert. Die Frage ist, auf welche Spielchen sie sich mit den großen Plattformen einlassen. Allerdings wird das alte Mittel von künstlicher Verknappung durch Kopierschutz wohl auslaufen, das widerspricht der Netzwerktechnologie so fundamental, dass es immer wieder umgangen werden kann. Für zukunftsfähiger halte ich Modelle wie Spotify oder Netflix, die gar nicht erst künstlich verknappen, sondern die unbegrenzte Verfügbarkeit von Medienprodukten für sich nutzen. Sie wissen, dass die eigentlich knappe Ressource die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer ist. Man kann ja nicht den ganzen Tag Filme schauen oder Musik hören. Für Kreative wird es wichtig, sich von diesen Plattformen angemessene Vergütungen zu erstreiten. Aber auch diese werden wieder nach Aufmerksamkeit gemessen werden: Wie oft wurde dein Track gehört? Das heißt: Das harte Aussondieren durch den Markt werden wir durch Flatrates nicht auflösen. Und die Verhandlung mit Monopolen ist natürlich schwierig. Die Frage ist, warum die Dienstleistungen dieser Monopole eigentlich noch privatwirtschaftlich organisiert sein müssen. In der Presse ist der Großhandel zwar auch monopolisiert, aber staatlich stark reguliert. Das garantiert, dass jeder Zugang zum Printmarkt hat und bestimmte Vergütungen dafür nicht unterschritten werden. Amazon, Google, Netflix und Spotify wären ja auch gut als öffentlich-rechtliche Institutionen denkbar. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen entwickelt sich mit den Mediatheken in die Flatrate-gegen-Beitrag-Richtung.

Christian Schüle, Buchautor und Journalist, beschreibt in seinem Text „Die Währung Zeit“ ein Szenario, welches in seinen Grundsätzen bereits in den 1950er Jahren von dem Sozialphilosophen Frithjof Bergmann entwickelt wurde. Die sogenannten Luxuskommunisten sehen dabei in der ganzheitlichen Automatisierung durch Roboter eine Möglichkeit, den Menschen von der Erwerbstätigkeit vollständig zu befreien, um ein völlig selbstbestimmtes Leben in Reichtum zu führen, und sehen darin eine große Chance für die Menschheit. Halten Sie dieses Szenario für realistisch und vor allem: für erstrebenswert? 

Die Grundannahme ist plausibel: Ein Großteil der Produktion lässt sich automatisieren. Ich denke an Entwurf, Fertigung, Logistik und Verkauf von Produkten, vielleicht sogar auch Teile der Vermarktung und Werbung. Das können Algorithmen und Roboter alles leisten. Insofern wäre ein Luxuskommunismus denkbar, aber auch asozial und furchtbar langweilig. Zu meinen, wir hätten nichts mehr zu tun, wenn materieller Wohlstand für alle zur Verfügung stünde, ist ja eine furchtbar materialistische Sichtweise. Tatsächlich sind ein Großteil der Probleme und auch Hoffnungen unserer Gesellschaft keine materiellen. Viel mehr Arbeit liegt ja im sozialen, künstlerischen und forschenden Bereich. Da gibt es tendenziell beliebig viel zu tun, und viele dieser Tätigkeiten lassen sich nicht automatisieren. Zumindest nicht ohne eine emotionale und bewusste KI, für deren Entwicklung es bisher keinerlei Anzeichen gibt.

Durch den „Vormarsch“ der versteckten Werte verliert das Geld immer mehr an Bedeutung und damit schlussendlich auch an Wert. Wie sollte, vor diesem Hintergrund, die „Altersvorsorge 4.0“ für einen Kreativen Ihrer Meinung nach aussehen?

Geld mag an vielen Stellen nicht mehr das marktbestimmende Mittel sein. Bei Flatrates beispielsweise entscheidet nicht der Preis darüber, was konsumiert wird oder nicht, sondern das Angebot, bzw. die Bewertungen bestimmter Angebote. Aber Geld in seiner Funktion, Bedarfe gegeneinander abzuwägen (ist mir der Urlaub wichtiger als das neue Auto?) bleibt vorerst unersetzbar. Kluge Algorithmen könnten zwar anhand unseres Verhaltens darauf schließen, was uns wahrscheinlich wichtiger wäre, aber die würden sich ja immer nur auf vergangene Entscheidungen beziehen. Wenn wir ab morgen nichts mehr auf teure Autos hielten und den Rest unseres Lebens in Yoga-Retreats verbringen wollten, würde der Algorithmus diese Entscheidung nicht vorhersehen. Und selbst wenn er das könnte, wären die wenigsten Menschen wohl damit einverstanden, dass ein Algorithmus für sie entscheiden würde, was ihnen wichtig wäre und was nicht, bzw. was sie verdient hätten und was nicht.

Die Altersvorsorge hängt also vorerst weiterhin vom Geld ab. Es sei denn, Sie wollen gar nicht aufhören zu arbeiten, dann sollten Sie Ihre Energie darin investieren, sich eine Marke, ein Netzwerk und die nötige Bekanntheit aufzubauen, die sie lange im Geschäft hält. Das klingt banal, aber kaum jemand hat die Energie, sich als Kreativer, vor allem als Freischaffender, immer wieder einen neuen Ruf aufzubauen. Da ist es ökonomischer, frühzeitig Teil einer Institution zu werden, oder sich selbst zur Institution zu machen. Dann können Sie an ihrem Berufsabend von dem zuvor erarbeiteten Ruf und Kontakten leben, also von den Zinsen früherer Leistungen.

 

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