CREATIVE.Talk

Sigrun Brunsiek ist promovierte Kunsthistorikerin und betreut Projekte und Öffentlichkeitsarbeit für die Stiftung Künstlerdorf Schöppingen, eine internationale Stipendiatenstätte, 2017 von CREATIVE.NRW als CREATIVE.Space ausgezeichnet. Seit 2013 widmet sie sich als 1. Vorsitzende zusätzlich einem neuen anspruchsvollen Projekt: Das ostwestfälische Wasserschloss Reelkirchen wird nach langem Leerstand zu einem Kreativstandort mit viel Raum für experimentelle Kunstprojekte abseits urbaner Standorte. Gemeinsam mit Dr. Josef Spiegel, dem Wasserschloss Reelkirchen e.V., zahlreichen begeisterungsfähigen Künstlern und vielfältiger Unterstützung der Renovierungsarbeiten ist es gelungen, sich diesem Ziel bereits ein Stück weit zu nähern. Dank der Förderung durch die regionale Kulturpolitik konnten interessante Veranstaltungen, Workshops, Lesungen und Kunstprojekte durchgeführt werden. Auch das Wasserschloss Reelkirchen e.V. wurde nun in 2018 von CREATIVE.NRW als CREATIVE.Space ausgezeichnet. Dort startet am 2. August die neue Veranstaltungsreihe „CREATIVE.Spaces exploring Hidden Values“ unter dem Motto „Unique – Einzigartigkeit als Währung der Zukunft“. Mit einer Konferenz und der Publikation „Hidden Values – Die Währungen der Zukunft“ ist das Thema der „Hidden Values“ von CREATIVE.NRW in der Öffentlichkeit platziert worden und hat bereits Impulse in die Branche gegeben. In der Veranstaltungsreihe „CREATIVE.Spaces exploring Hidden Values“ werden die NRW-weit ausgezeichneten Netzwerke das Thema individuell für sich aufgreifen und handhabbar machen.

Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „CREATIVE.Spaces exploring Hidden Values“ möchten Sie sich dem Thema Einzigartigkeit widmen: Was macht Ihren Wirkungsort, das Wasserschloss Reelkirchen e.V., einzigartig?

Ich glaube, dass es kaum ein vergleichbares Projekt gibt. Da ist zum einen dieses schön verwunschene Ambiente mit dem historischen Herrenhaus von 1755, den immer noch renovierungsbedürftigen Nebengebäuden, dem Park und dem Wassergraben, der einem das Gefühl gibt, sich auf einer aus der Zeit gefallenen Insel zu befinden. Quasi im Kontrast dazu, aber auf eine besondere Art auch passend, stehen unsere Aktivitäten, die sich am internationalen künstlerischen Geschehen orientieren, ja eigentlich eher zukunftsorientiert sind, aber keinesfalls elitär. Beide Aspekte zusammen ergeben eine Mischung, die ungewöhnlich ist, man könnte sagen, vielleicht auch etwas verrückt, aber auf jeden Fall recht spannend.

Was braucht es neben der Einzigartigkeit noch, um Kunst- und Kulturprojekte in der Fläche erfolgreich zu vermitteln und möglichst vielen zugänglich zu machen? Was ist das Besondere, abseits des Urbanen?

Unserer langjährigen Erfahrung nach haben sich besonders drei Strategien bewährt:

a) Unsere Projekte finden zumeist nicht in „Kunsträumen“ statt, bei denen eventuell eine gewisse „Schwellenangst“ aufkommen könnte, sondern für den ländlichen Raum entwickeln wir Aktionsformate, die entweder mit mobilen Einheiten die Kunst zum Betrachter bringen oder im öffentlichen Raum stattfinden, so dass sie vom Betrachter überraschend entdeckt werden können. Sie richten sich somit nicht an ein spezielles „Kunstpublikum“, sondern an alle Menschen der Region. Ob sie als „Kunst“ wahrgenommen werden oder nicht, ist für das Ereignis im Grunde irrelevant und kann von jedem selbst entschieden werden, wichtig ist die eigene Erfahrung jenseits des Alltäglichen.

b) Verbindung von Bekanntem mit Neuem: Hergebrachte Veranstaltungsformate sind auf dem Land gut besucht und allgemein akzeptiert, werden jedoch von den Teilnehmern selbst zum Teil als etwas starr und aufgrund der turnusmäßigen Wiederholung des Gleichen als wenig spannend empfunden. Deshalb wurden künstlerische Ergänzungen und Neuansätze erfahrungsgemäß sehr gut akzeptiert und als Bereicherung empfunden.

c) Anknüpfen an und Arbeit mit den Menschen vor Ort: Da unsere Kunstprojekte direkt an die Lebenswelt der Menschen vor Ort anknüpfen, ist deren Mitwirkung bereits im Erarbeitungsprozess erwünscht und führt zumeist auch zu einer stärkeren Identifikation mit dem künstlerischen Ergebnis.

Sie engagieren sich im besonderen Maße für Ihre Region. Neben dem Wasserschloss arbeiten Sie auch im Künstlerdorf Schöppingen. Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf Suburbanisierung: Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach Kunst und Kultur im ländlichen Raum?

Ich denke, dass es ein extrem wichtiges Zukunftsthema ist, wie auch mehr und mehr erkannt wird. Aus Sicht der Kunst- und Kreativszene ist es so, dass es in den letzten Jahrzehnten einen gewaltigen Zug in die Metropolen gab, der sich aber inzwischen ein wenig umkehrt. Die Mieten sind so hoch, die Konkurrenz unter den Kreativen aufgrund der hohen Dichte so groß, dass manch einer den Umzug erwägt. Andererseits gibt es auf dem Land, aber auch in Klein- und Mittelstädten eine Menge Probleme. Stichworte sind Landflucht, Leerstand von Gewerbe- und Wohnimmobilien, demografischer Wandel, Probleme der Infrastruktur, Mobilität und Netzversorgung. Die Herausforderung besteht darin, an diesen Problemen zu arbeiten, aber auch die besonderen Qualitäten, die ein ländliches Umfeld bietet, herauszuarbeiten und sichtbar zu machen, um sowohl für die Einwohner als auch nach außen hin ein lebendiges, inspirierendes und attraktives Lebensgefühl zu schaffen. Kulturelle Teilhabe ist auf jeden Fall eine Grundvoraussetzung dafür, dass das Stadt-Land-Gefälle sich nicht noch mehr verschärft.

Gibt es einen Schwerpunkt, auf den Sie sich bei der Auswahl und Umsetzung von Projekten im und am Wasserschloss konzentrieren?

Wir sehen die Kunst vor allem als letzte Bastion des ergebnisoffenen Experiments in einer ziel- und ergebnisorientiert strukturierten Welt. Unsere Projekte sind deshalb in der Regel temporär, experimentell, spartenübergreifend, partizipativ und innovativ.

Was erhoffen Sie sich von der Auszeichnung als CREATIVE.Space 2018 für das Wasserschloss Reelkirchen?

Wir sind darüber besonders dankbar, weil dieser Preis nicht nur eine Ehre für uns ist und ein gutes Argument gegen letzte Zweifler, sondern vielleicht auch eine schöne Ermutigung für andere, dass man auch mit einem ländlichen Standort wahrgenommen werden kann. Außerdem sind wir durch diesen Preis Teil eines tatsächlich funktionierenden Netzwerkes der interessantesten Kreativstandorte in NRW geworden, das sicher auch weiter im Austausch stehen und hoffentlich viele Kooperationen erzeugen wird.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Für die Zukunft wünschen wir uns, dass sich das Wasserschloss Reelkirchen weiter zu einem Knotenpunkt entwickelt, der exemplarisch beweist, dass Kultur in der Fläche ein ebenso zukunftsträchtiges wie spannendes Thema ist.

Wasserschloss Reelkirchen e.V.

Stiftung Künstlerdorf Schöppingen