CREATIVE.Talk

Im Rahmen der C’n’B 2012 diskutierte Clustermanager Christian Boros die Frage „Radical Thinking – Tun wir noch das Richtige?“ gemeinsam mit Daniel Hug (ART COLOGNE), Katja Kullmann (Autorin), Prof. Dr. Heike Sperling (Institut Fuer Musik Und Medien), Jörn Hendrik Ast (fluidnetwork).

Im Rahmen der C’n’B 2012 diskutierte Clustermanager Christian Boros in einem hochkarätig besetzten Panel die Frage „Radical Thinking – Tun wir noch das Richtige?“ Das Bedürfnis, die Dinge nicht nur anders, sondern radikal neu zu machen, ist der Motor für kreative Innovationen. Doch woher kommen neue Impulse und was ist überhaupt noch radikal? Es diskutierten Daniel Hug (Direktor ART COLOGNE), Katja Kullmann (Autorin), Prof. Dr. Heike Sperling (Professorin für Visual Music / Digitale Bildmedien, Institut Fuer Musik Und Medien), Jörn Hendrik Ast (fluidnetwork). Moderiert wurde das Panel von Jonathan Imme.

Imme: Wann ist etwas radikal zu Ende?

Hug:
Meiner Meinung nach wird etwas sehr behäbig, wenn alle in eine einzige Richtung ziehen. Um radikal zu sein, muss man in andere Richtungen gehen. Besonders in den letzten fünf Jahren ist dies bei jungen Künstlern und Nachwuchs-Galerien zu beobachten. Es geht wieder in eine radikalere und konstruktivistische Richtung mit vielen abstrakten Formen.

Ast:
Ich glaube, dass sich vieles verändern wird und dass wir vieles verändern müssen, wenn wir über Arbeit reden. Gerade kreative Arbeit hat im Moment noch in Büros stattzufinden. Das ist nicht mehr aktuell.

Imme:
Was ist radikales Denken und wie kann man es fördern?

Sperling:
Die Forderung nach Autonomie und Selbstverwirklichung ist ein Kind der 1960er Jahre und wird uns heute durch den Kapitalismus zurückgespiegelt. Wir sollten erst einmal über den Begriff Radikalität nachdenken. Radikales Denken unterscheidet sich erst einmal grundsätzlich von der Norm. Wir haben das Jahr 2012 und 90 bis 95 Prozent junger Kreativer denkt, dass er/sie radikal sei. Wir sind alles Einzelkämpfer und damit fehlt es an Strukturen wie einem Betriebsrat für Freiberufler oder ähnlichen absichernden Institutionen.

Kullmann:
Der Schlüssel dabei ist, dass man keine Scheu haben darf sich selbst zum Gegenstand der Beobachtung zu machen. Nur dann kann man radikal denken. Ich finde das Thema Social Entrepreneurship ganz interessant. Die kreative Klasse in Detroit beispielsweise ist oft sehr gut ausgebildet, hat aber nicht viel Geld. Dennoch sind sie wachsam genug und bemühen sich die ganz jungen Leute und die Verprellten unserer Gesellschaft in ihre Projekte zu integrieren. Es ist ein unglaublich politisches Herangehen der Kreativen, was uns auch hier in vielerlei Hinsicht helfen könnte.

Sperling:
Integratives Denken spielt eine große Rolle. Es geht nicht darum sich immer nur zu unterscheiden und möglichst einzigartig zu sein. Wir sollten eher nach Ähnlichkeiten und Mustern suchen. Das funktioniert auch bei konträren Positionen. Aus den Schnittmengen entsteht dann Neues.

Imme:
Der Radikale in 2012 ist also ein Integrationsmeister und legt seine Autonomie völlig ab?

Boros:
Die Kunst lehrt uns wieder Autor unseres eignen Handelns zu sein. Ein Künstler steht morgens auf, malt ein Bild und kann dann sagen: „Das habe ich gemacht!“. Der Künstler malt nicht weil der Betriebsrat es ihm auferlegt oder die Marktsituation es erfordert.

Ast:
Bei Zappos, einem Schuhhändler in Amerika, wurde jedem Mitarbeiter nach der Einarbeitungszeit 100 Dollar gezahlt, wenn er geht. Es geht darum eigenständig zu  entscheiden, was man will und die Konsequenzen zu ziehen.

Sperling:
Die Aufforderung „Seid kreativ!“ löst doch eher Angst aus. Der Duktus „Werde was du bist, dann können wir dich gebrauchen!“ überfordert. Das resultiert dann letzten Endes nur darin, dass sich meine Studenten auf Facebook eine Identität basteln, auf ihrem Blog die nächste und letzten Endes gar nicht mehr wissen wo sie hingehören. Daher befürworte ich den Blick auf die Gemeinsamkeiten zu schärfen.

Imme:
Was muss die Kreativbranche noch lernen?

Kullmann:
Die Branche muss sich selbst besser kennen lernen, gerade im ökonomischen Zusammenhang. Nachdem ich als glückliche Kreative ein Jahr lang von Hartz-IV in Berlin gelebt habe, bekam ich eine Stelle als Ressortleiterin in einem Großverlag. Das hat mich saniert und aus diesem fiktiven Lebensentwurf heraus geholt. Meine polemische These dazu ist mittlerweile, dass Berlin als Creative City zu zwei Dritteln von der Vorgängergeneration finanziert wird. All das Geld für die kleinen Start-Ups kommt dann schlussendlich doch aus dem Sauerland.

Hug:
Die Branche sollte lernen, dass Produktentwicklung nicht radikal ist! Das ist doch immer wieder das gleiche.

Kullmann:
Nicht das Produkt an sich ist radikal, sondern der Einsatz der Produktionsmittel und die Produktionsweise, wie etwa das buy one, give one Prinzip. Man kauft ein Produkt und spendet damit automatisch Decken oder Kleidung an Hilfsbedürftige.

Hug:
Was wesentlich radikaler ist, sind Micro-Kredite für entwicklungsschwache Regionen. Selbst 500,- oder 1000,- Euro können für Kleinstunternehmer viel bewirken.

Imme:
Wie ortsgebunden ist Kreativität?

Hug:
Als ich nach Deutschland kam, ging die Kunstszene nach Berlin. Heute wissen wir, dass es auch beides geben kann. Köln ist wieder zurück. Dafür ist Berlin die Galerien-Stadt. Im Falle des Erfolgs der ART COLOGNE sieht man, was Tradition bewirken kann. Als älteste Kunstmesse der Welt lebt die Messe von dieser Tradition.

Imme:
Wie bringt man radikale Ideen in den Umlauf?

Boros:
Wir haben in den letzten Jahrzehnten gelernt, dass es nur darauf ankommt unserer Individualität größtmöglichen Raum zu geben. Im Umkehrschluss bedeutet das ein Überangebot radikaler und kreativer Ideen. Deshalb ist es essentiell darüber nachzudenken, wie wir mit diesem riesigen Potenzial umgehen und wie man dieses Potential auch außerhalb artverwandter Branchen wie der Verlags- und Werbewirtschaft einsetzen kann. Jedes Wirtschaftsunternehmen braucht in Zukunft einen Radikalitätsabteilungsleiter. Vor allem das produzierende Gewerbe wird es in Zukunft nur durch radikale Ideen, durch Design Thinking und andere kreativwirtschaftliche Ansätze schaffen sich weiterhin erfolgreich am Markt zu positionieren.