Umsonst oder draußen

 

Ina Köhler leitet den Ausbildungsgang  Modejournalismus/Medienkommunikation an der AMD Akademie Mode & Design Düsseldorf. Als Autorin und Chefredakteurin eines Fachmagazins schreibt sie über Mode, Trends und Strategien von Mode- und Designunternehmen. Beim Thema Nachwuchsförderung fallen ihr zuallererst die ausbeuterischen Praktiken der großen Arbeitgeber der Kreativ-Branche ein.

Die Kreativbranche wird schon lange von einer Eigenart begleitet, die sich in den vergangenen Jahren sprunghaft ausgeweitet hat. Es geht um das Phänomen, junge Menschen, die einen kreativen Beruf ausüben wollen, ohne Bezahlung zu beschäftigen. Frei nach dem Motto: Arbeite umsonst, ansonsten bist Du draußen. Viele spielen mit und so hat es etwas Alltägliches bekommen, junge kreative Menschen als Dauerpraktikanten, Assistenten oder Hospitanten anzustellen, ohne ihnen zumindest eine kleine Anerkennung zukommen zu lassen. 

Besonders verbreitet ist das Phänomen in Verlagen, Werbe- und PR-Agenturen, Design-Unternehmen, Architekturbüros und im Kulturbetrieb von Museen oder Theatern. 
Da sucht ein Verlag „kreative Köpfe – Menschen, die Herausforderungen lieben und Mitarbeiter, die maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens beitragen möchten.“ Klingt auf den ersten Blick fantastisch und nach einem tollen Angebot. Doch der Alltag gestaltet sich leider einseitig herausfordernd. Redaktionspraktikanten, die über Monate hinweg täglich mehr als zehn Stunden arbeiten, um den Erfolg des Unternehmens zu steigern, erhalten als Bezahlung null Euro – dafür vielleicht ein positives Praktikumszeugnis. Vor dem Hintergrund, dass gerade große Unternehmen ihre Rendite nach den Krisenjahren wieder steigern konnten, hinterlässt das einen faden Beigeschmack. Ob Journalisten oder Grafik-Designer, Kuratoren oder Stylisten - die Liste der Berufe ist lang: Junge Modedesigner schuften Tage und Nächte in den Ateliers der internationalen Luxusmarken, Nachwuchsarchitekten befördern den Umsatz der Büros durch ihren unentgeltlichen Rund-um-die-Uhr Einsatz. Je größer das Büro und je imageträchtiger der Name, desto schlechter die Bezahlung, scheint die Devise. 

Keine Frage, die Beschäftigung mit Nachwuchs kostet Zeit, die Ausbilder zwischen all ihren Projekten oft nicht übrig haben. Doch welches Image erzeugt die Null-Euro-Strategie wirklich für die Unternehmen? Und was impliziert es dem kreativen Nachwuchs? Erstens: Meine Arbeit ist nichts wert. Zweitens: Mit dieser Form von Arbeit kann ich meinen Lebensunterhalt nicht sichern. Drittens: Ich muss mir überlegen, ob ich in dieser Branche überhaupt richtig aufgehoben bin. Und wir alle wissen, dass Kreative ihren Beruf wirklich lieben und gerne viel dafür arbeiten. Doch von etwas muss der Mensch leben.  

Noch ist es groß, das Heer des begeisterten und willigen Kreativnachwuchses. Aber in den kommenden Jahren werden schrittweise weniger Absolventen Schule und Hochschulen verlassen. Die Praxis, Berufseinsteiger gar nicht oder sehr schlecht zu entlohnen, hinterlässt Spuren bei jungen Menschen, die sich für oder gegen einen Beruf, für oder gegen ein Unternehmen entscheiden. Vor diesem Hintergrund sollten sich Personalentscheider überlegen, ob es zukunftsorientiert ist, den Einsatz des kreativen Nachwuchses nicht zu honorieren.