Das Zeitalter der Kollaboration

„Gleich und gleich gesellt sich gern.“ In privaten Partnerschaften mag das heute noch ein glücksbringendes Prinzip sein, wenn auch um den Preis, sich möglicherweise vor lauter Gleichheit zu Tode zu langweilen. Geht es aber um kreative Prozesse, um Innovationen für Unternehmen, Wirtschaft oder gar die Gesellschaft, kommt man damit nicht weiter: Stillstand ist vorprogrammiert, wenn der immer gleiche Kreis Gleichgesinnter und gleich Denkender unter sich bleibt.

Ein Blick auf die vielen Me-too-Produkte in den realen und virtuellen Regalen zeigt, dass man in der Wirtschaft nach wie vor nur selten dazu neigt, aus seiner Kategorie herauszudenken. Das muss sich ändern, in allen Bereichen. „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“, wusste schon Albert Einstein. Aber wo sollen denn die anderen Denkweisen herkommen, wenn nicht von außen, aus ganz anderen Fachgebieten als denen, in denen man sich selbst üblicherweise bewegt?

Hinzu kommt: Die „wicked problems“ (Horst Rittel) unserer Zeit – z.B. Klimawandel, Ressourcenknappheit, wachsende Weltbevölkerung, demographischer Wandel – sind zu komplex und zu schwerwiegend, als dass sie von Spezialisten eines Gebietes alleine gelöst werden könnten. Stichwort Mobilität: Das Öl ist ziemlich bald aus, so viel ist sicher. Was dann kommt, ist höchst unsicher. Für die lange als Alternative geltenden Biokraftstoffe braucht man Pflanzen, viele Pflanzen. Das hat Auswirkungen auf die Landwirtschaft und auf die Umwelt – und ist es überhaupt moralisch vertretbar, Pflanzen, also potenzielle Nahrungsmittel, im großen Stil nur zum Verbrennen in einem Automotor anzubauen? Das Elektroauto wiederum braucht Strom, der irgendwo herkommen muss. Ist das alleine mit „sauberen“ regenerativen Energien machbar? Müsste man das alles nicht überhaupt größer denken, das Prinzip der Auto-Mobilität in Frage stellen, die Mobilität im Kontext von zukunftsfähiger Stadtentwicklung neu erfinden? Die Lösung solcher Probleme sollte man nicht den Ingenieuren und Technokraten alleine überlassen, denn sie betreffen uns alle – und die auf uns folgenden Generationen.

Ob es um Produktinnovationen geht oder um die großen gesellschaftlichen Fragen: Wirklich Neues entsteht nur, wenn man Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen mit ihren je eigenen Gedanken und Ideen, aber auch Ansprüchen und Wünschen zusammenbringt. Natürlich braucht man die Fachleute aus allen relevanten Disziplinen; man braucht aber auch und gerade Nicht-Fachleute. Denn Fachleute wollen fachgerechte Lösungen. Etwas Neues ist aber oft gerade nicht dem Fach gerecht; es kann erst dann fachgerecht werden, wenn man ihm eine Chance gibt und es zum ersten Mal macht. Manchmal muss dafür nur ein Prinzip aus einem Bereich in einen anderen übertragen werden, oder es werden vorhandene, aber bislang unverbunden existierende Konzepte miteinander kombiniert.

Den Kreativen kommt in diesen Prozessen eine besondere Rolle zu; sie sind es oft, die visionäre, utopische, scheinbar unrealisierbare Ideen oder auch Vorstellungen aus gänzlich anderen Gedankenwelten einbringen – und damit idealerweise die Fachleute anstacheln, diese Ideen doch realisierbar zu machen. Denn genau dafür brauchen wiederum die Kreativen die Fachleute.

Es macht Hoffnung, dass sich kooperative Konzepte wie Open Innovation, Design Thinking und Crowdsourcing in Wirtschaft und Gesellschaft weiter ausbreiten: Das 21. Jahrhundert wird und muss das Zeitalter der Kollaboration werden. Natürlich werfen auch solche Prozesse Fragen auf, etwa die Frage der Autoren- oder Urheberschaft, die bei einer wirtschaftlichen Verwertung nicht ganz unerheblich ist, aber auch für manches „Ego“ eine Rolle spielen könnte. Man wird am Ende eines solchen crossdisziplinären Prozesses keinen eindeutigen „Erfinder“ benennen können. Aber das sind vergleichsweise einfache Probleme, über die man sich leicht wird verständigen können – wenn denn alle Beteiligten wirklich den Willen haben, das eigentliche Problem zu lösen. Bei aller Ungleichheit, die für einen fruchtbaren kooperativen Prozess nötig ist: Diesen Willen, diese Motivation muss jeder mitbringen.

In diesem Sinne: An die Zusammenarbeit!

Christian Boros