Zügelt die Euphorie!

Manchmal muss man die eigene Euphorie ein bisschen zügeln: die Welt und die Wirtschaft werden in naher wie ferner Zukunft nicht nur aus Kreativen und der Kultur- und Kreativwirtschaft bestehen. Manchmal hat man allerdings den Eindruck,wir  wären auf dem besten Weg dahin. Das liegt sicherlich auch daran, dass im allgemeinen Verständnis Kultur und Kreativität in einer Opposition zu Wirtschaft stehen. Gerade in Nordrhein-Westfalen – unter dem allgegenwärtigen Motto „Kultur durch Wandel / Wandel durch Kultur“ – ist vielerorts der Eindruck entstanden, die Kreativwirtschaft werde den produzierenden Sektor des Landes bald ersetzen und das Bruttosozialprodukt des Landes schon „rocken“.

Das hat auch Bodo Hombach, der neue Präsident des Initiativkreises Ruhr erkannt und will die Menschen an Rhein und Ruhr wieder mit Industrie und Wirtschaft versöhnen. "Es gibt eine erkennbare Renaissance der Industrie, und wir müssten extrem stolz darauf sein. Sind wir aber komischerweise nicht. Und das muss anders werden", erklärte er kürzlich in einem Interview der Welt am Sonntag.

Diese Renaissance aber - gleichzeitig auch die Zusammenführung von Kreativität hier und Wirtschaft dort - zeigte sich in einem CREATIVE.NRW Experten-Workshop zum Thema Innovationsökologien, zu dem das Clustermanagement vor kurzem in Dortmund eingeladen hatte.

Innovationen, so die Erkenntnis, die sich zunehmend durchsetzt, kommen nicht mehr nur aus den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Industrieriesen. Über technologische Neuerungen hinaus entwickeln sich immer stärker Innovationen kultureller und sozialer Dimension zu den Treibern unseres Wirtschaftswachstums. Akteure und Unternehmen der Kreativwirtschaft verschaffen sich über die Gestaltung von Open Innovations einen Platz in der Riege der Innovatoren und sind längst nicht mehr Ornament, sondern Grundierung im Bild der bundesweiten Wirtschaftsentwicklung.  

Industrie und Kreativwirtschaft Hand in Hand?
 
Achtung, hier kommt die Zukunft - Co-Fabbing in NRW im Jahr 2020:
Mittelständische und kleinere Firmen haben einen wachsenden Anteil der Wertschöpfung übernommen. Auch bislang größere Unternehmen haben durch Outsourcing ihre Organisation zu kleineren Einheiten umgestaltet und lernen von
außen. Unternehmen organisieren sich als kompakte, flexible Einheiten in einer
eher unübersichtlichen Weltwirtschaft, die neue Ideen in einem organischen Transformationsprozess umsetzen. Produziert werden vor allem Kleinserien und Prototypen, Costumizing hat Massenproduktion abgelöst, insofern spielt Kreativität eine immer größere Rolle. Heimarbeit wird mit High-Tech kombiniert, altes Wissen trifft auf Neues. Bürgerwerkstätten treten neben die immer noch vorhandenen hierarchisch organisierten Produktionsstätten. Kulturschaffende und Kreative erfüllen darin eine wichtige Funktion als Schnittstellenakteure. Sie sind von Natur aus neugierig und dadurch per Definition innovativ.

Ist das die Zukunft des Kreativ- und Industrielandes Nordrhein-Westfalen? Es ist zumindest eines von vier Szenarios aus den Köpfen unserer Experten, die wir unserem Buch ‚Innovationsökologien’ vorstellen. Mit dem Output des Workshops und weiteren Überlegungen zum Thema treiben wir den Diskurs für ein erweitertes Innovationsverständnis voran. Dass dieser Impuls aus Nordrhein-Westfalen kommt, der Wiege der Kreativwirtschaft, liegt uns dabei besonders am Herzen.

Wir sind der Überzeugung, dass neue Methoden zum Lösen komplexer Probleme und zur Entwicklung innovativer Ideen aus der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Industrie und Kreativen entstehen werden und dass sich im Umkehrschluss für die Kreativwirtschaft neue Anwendungsgebiete und Märke erschließen werden. Wenn wir diesen Prozess effizient in Gang gesetzt haben, dürfen wir getrost wieder euphorisch sein.

Werner Lippert
Clustermanager Kultur- und Kreativwirtschaft NRW