3 Fragen an ...

Axel Stinshoff

Jazz thing, Köln

1. Ihr Geschäftskonzept in 140 Zeichen.

Vom reinen Jazzmagazin zur Marke für Jazz, die dem Jazzfreund in der analogen und digitalen Welt an vielen Stellen begegnet.

2. Um als Kreativer Erfolg zu haben, braucht man…

…eine gute, authentische Grundidee, ein überzeugendes, flexibles Konzept zur Umsetzung und Ausdauer und Leidensfähigkeit bei Einbrüchen und Rückschlägen.

3. Es könnte alles so einfach sein, wenn in NRW…

…eine noch bessere Vernetzung und Kooperationsbereitschaft unter den vielen jazz-verwandten, einzelkämpferischen „Anbietern“ (Clubs, Festivals, Medien) in den diversen Metropolen bestünde.

Mut zur Nische!

Axel Stinshoff, Jazz thing, Köln

Am Rheinland schätzt er vor allem die „Vielfalt an guten Kreativen aus allen Bereichen, auf die man zurückgreifen kann“, und die damit verbundenen kurzen Dienstwege. Mit einem Team aus freien Autoren, Fotografen und Designern produziert Axel Stinshoff in Köln das auflagenstärkste deutschsprachige Jazzmagazin. In diesem Jahr feiert Jazz thing das 20-jährige Bestehen und die 100. Ausgabe des Printmagazins, das zunehmend auch den digitalen Raum erobert.

Nein, das sind keine verspäteten Weihnachtsgeschenke, die der Paketbote da abliefert – es ist nur ein Stapel Promo-CDs, wie ihn Axel Stinshoff, Verlagschef, Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift Jazz thing, fast täglich in Empfang nimmt. Das neue Jahr hat gerade erst angefangen, doch hier in Köln-Sülz herrscht schon Hochbetrieb. Die 97. Ausgabe des fünfmal jährlich erscheinenden Magazins wird gerade vorbereitet, und da gibt es viel zu tun: Themen mit Autoren und Fotografen besprechen, Interviewtermine mit Labels abstimmen, Gespräche mit Anzeigenkunden führen, die Gestaltung der fertigen Artikel überwachen – und natürlich vor allem: viel Musik hören!

Die Liebe zur Musik im Allgemeinen und zum Jazz im Speziellen war es, die Stinshoff 1993 auf die Idee brachte, eine Jazzzeitschrift zu gründen – was auch lange, bevor die Worte „Zeitschriftensterben“ und „Printkrise“ in den allgemeinen Sprachgebrauch übergingen, von Familie und Freunden als reichlich wagemutige bis verrückte Entscheidung bezeichnet wurde. Stinshoff meinte aber, eine Marktlücke entdeckt zu haben: Denn während in angesagten Musikclubs plötzlich wieder zu Jazz getanzt wurde und HipHopper längst vergessene Jazzklassiker sampleten, kamen die deutschen Jazzmagazine noch reichlich puristisch, akademisch und verstaubt daher. Stinshoff fand, dass es Zeit war für ein Magazin, das die Definition von Jazz weiter fasste und ihn in Wort und Bild moderner präsentierte. Der Erfolg gibt ihm recht: Das Magazin war von der ersten Ausgabe an profitabel, die Auflage konnte von 20.000 auf 26.000 bis 30.000 gesteigert werden. Auch das Anzeigengeschäft hat sich nach einem durch die Krise der Musikindustrie bedingten Einbruch wieder erholt und stabilisiert – die Mischung hat sich allerdings verändert. Waren es in den ersten Jahren vor allem die Anzeigen der damals noch gut verdienenden Major Labels, sind es nun zu 90% Independent-Labels, Konzert-Promoter, Festivals und auch Musiker selbst, die Anzeigen schalten. Die Akzeptanz in der Kernszene, der Jazz thing am Anfang teilweise zu „bunt“ und kommerziell erschien, ist im Laufe der Jahre gewachsen: „Es gibt nur noch wenige klassische Jazzlabels, die auf eine Anzeige bei Jazz thing verzichten“, freut sich Stinshoff.

Ein Großteil der freien Mitarbeiter, die zum Teil seit der ersten Ausgabe dabei sind, stammt aus Köln und Umgebung. Nicht zuletzt dank des WDR, mit dem Jazz thing auch bei Konzertveranstaltungen ab und an kooperiert, sind hier viele Jazzjournalisten ansässig. Aber auch Fotografen, die jazzaffin sind und ein „gutes Auge“ haben, finden sich hier, etwa Lutz Voigtländer, der ursprünglich aus der Clubmusik-Szene kommt und sich durch seine Arbeiten für Jazz thing als Jazzfotograf einen Namen gemacht hat. Auch bei der Gestaltung arbeitet Stinshoff stets mit Designern aus Köln zusammen, seit Ausgabe 87 gestalten Swantje Hinrichsen und Patricia Scheuvens das Magazin. „Ich arbeite mit diesen Leuten natürlich vor allem deshalb zusammen, weil sie gut sind“, stellt Stinshoff klar, „die kurzen Dienstwege sind aber auch wichtig. Denn auch wenn ein Großteil der Zusammenarbeit ‚virtuell’ abläuft, ist es doch unerlässlich, sich ab und an mal persönlich zu treffen.“ Mit dem Stadtgarten, dem Alten Pfandhaus, dem Loft und dem Club Bahnhof Ehrenfeld gibt es zudem in Köln auch Spielstätten und Kommunikationszentren für alle Spielarten des Jazz.

Ein besonderes Anliegen ist Stinshoff die Förderung von Talenten aus dem deutschsprachigen Raum. Dafür hat er gemeinsam mit dem Kölner Label Double Moon die CD-Nachwuchsreihe „Jazz thing Next Generation“ ins Leben gerufen, die sich als Sprungbrett für herausragende Jazztalente erwiesen hat – und ihrerseits 2013 das zehnjährige Bestehen und die 50. Veröffentlichung feiern kann. Der Standort Köln mit der angesehenen Hochschule für Musik und Tanz ist auch hier von Vorteil: Gut ein Drittel der Protagonisten hat hier studiert, darunter Namen wie Sebastian Sternal, Frederik Köster, Benjamin Schäfer und Klaus Heidenreich, die sich nach ihren „Jazz thing Next Generation“-Veröffentlichungen in der Jazzwelt etablieren konnten. „In Sachen Nachwuchs ist Köln auf Augenhöhe mit Berlin – mindestens“, urteilt der Kenner Stinshoff.

Für ihn ist sein Magazin ein Beweis dafür, dass Print auch heute noch seine Berechtigung hat, wenn man die spezifischen Vorteile des „Holzmediums“ nutzt. Gute, großzügige Gestaltung, nach Möglichkeit eigene exklusive Fotos und ebenso kompetent wie unterhaltsam geschriebene Texte, die selbst Themen setzen und nicht nur der Veröffentlichungspolitik von Labels folgen, sind für Stinshoff die entscheidenden Erfolgsfaktoren. Das Printmagazin ist nach wie vor die Stütze des Geschäfts – mit seiner Coffeetable-Qualität trifft es den Nerv einer Klientel, die sich an visuellen wie an haptischen Reizen erfreut. Doch auch im digitalen Raum verbreitet sich Jazz thing immer mehr – für Stinshoff eine unverzichtbare Investition in die Zukunft der Marke. Dass man via Facebook ständig in Kontakt mit der Szene ist, sieht Stinshoff im 21. Jahrhundert als essenziell für jedes Medium an. Schon seit 1995 präsentiert man auf der Homepage ein multimediales Angebot, das stetig erweitert wird, u.a. mit Podcasts und Webradio. Als weltweit einziges Print-Jazzmagazin hat Jazz thing auch ein eigenes IPTV-Angebot, das in Kooperation mit dem Kölner Web-TV-Anbieter putpat.tv verbreitet wird und über dessen App auch auf dem iPad verfügbar ist. Neben Videos präsentiert man hier auch eigene Mitschnitte und selbstgedrehte Interviews. Eine eigene iPad-App ist in Planung.

Die „Markenerweiterung“, wie Marketingfachleute das wohl nennen würden, wird sich 2013 auf weitere Kategorien erstrecken. Im April wird Stinshoff das erste Buch in seinem Verlag herausgeben, das zunächst exklusiv über die eigenen Netzwerke vertrieben werden soll: „American Jazz Heroes“ mit Fotos und Texten von Arne Reimer ist auch ein Testlauf für weitere geplante Buchprojekte. Im Sommer und Herbst wird eine 9-köpfige Band, darunter etliche Musiker aus der Kölner Szene, unter dem Namen The Big Jazz thing auf Festival- und Clubtour durch Europa gehen. Und auch ein Jubiläumsfestival ist für den Herbst geplant, rechtzeitig zum Erscheinen des 100. Heftes – natürlich in Köln.

„Jazz war, ist und bleibt wohl auch immer eine Nische“, resümiert Stinshoff, „aber es ist eine Nische, in der ich mich wohlfühle – und die noch einiges an Potenzial bietet.“ Und so stehen die Chancen nicht schlecht, dass Jazz thing nach dem anstehenden 20. Jubiläum noch viele weitere feiern kann.

www.jazzthing.de