Chemieindustrie

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Über die Kunst zum ­nachhaltigen ­Geschäftsmodell

Die Reckhaus GmbH und Co. KG produziert Insektenbekämpfungsmittel in Bielefeld mit 50 Mitarbeitern und rund 20 Millionen Euro Jahresumsatz. Auf der Suche nach einer spektakulären Idee lässt sich der Geschäftsführer Dr. Reckhaus im Herbst 2012 auf eine gemeinsame Kunst­aktion mit dem Schweizer Atelier für Sonderaufgaben ein: „Fliegen retten in Deppendorf“. Die Aktion wird ein voller Erfolg und setzt bei der Reckhaus GmbH einen Innovationsprozess in Gang, an dessen Ende ein Geschäftsmodell für das erste ökologisch neutrale Bekämpfungsprodukt der Welt steht.

Dr. Hans-Dietrich Reckhaus, der das Traditionsunternehmen seit den neunziger Jahren leitet, ist ein innovativer Kopf. Beispielsweise löste er vor einigen Jahren das Problem der Ekelästhetik bei Fliegenfallen, indem er die Klebefolie unter einem Fliegenpilz versteckte und damit die toten Fliegen aus dem Sichtfeld verschwinden ließ. Dr. Reckhaus nannte seine neue Fliegenfalle „Flippi“, ließ sie patentieren und wollte sie groß herausbringen. Da er wie die meisten mittelständischen Unternehmen nicht über ein riesiges Marketingbudget verfügt, entschloss er sich, unkonventionell an die Vermarktung heranzugehen. Er kontaktierte die Schweizer Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin vom „Atelier für Sonderaufgaben“, die vor einigen Jahren mit ihrer Kunstinstallation „Null Sterne Hotel“ in einem Luftschutzbunker seine Aufmerksamkeit erregt hatten.

Reckhaus: „Ich dachte, so eine Idee brauche ich für Flippi!“ Ihm war jedoch klar, dass ein Künstler-Duo keine Werbeagentur ist. Was er erwartete, war eine spektakuläre Kunstaktion und keine Marketingkampagne. Die Riklin-Brüder ließen sich auf den Deal ein und brüteten zweieinhalb Monate über der Problematik der Insektenbekämpfung im Allgemeinen und des Fliegentötens im Besonderen. Das Ergebnis war allerdings erst einmal ein Schock für Dr. Reckhaus. „Ich sehe es noch genau vor mir. Frank und Patrik Riklin kamen zu mir und sagten: ‚Wir können keine Kunst für Produkte machen, die Fliegen töten. Aber wie wäre es denn, wenn Sie einmal den Spieß umdrehen und Fliegen retten würden?‘“

Anstatt die Kunstbrüder achtkantig vom Hof zu werfen, hörte der Biozidhersteller genau zu, überlegte eine Nacht lang hin und her und willigte am nächsten Morgen ein. Zu dritt gingen die frisch gekürten Fliegenretter auf die Suche nach einem geeigneten Ort und fanden Anklang im ostwestfälischen Deppendorf. Die Aktion „Fliegen retten in Deppendorf“ fand am 1. September 2012 statt. Mit Hilfe der freiwilligen Feuerwehr, Schankbier und Bratwurst wurden 902 Fliegen gerettet. Als Motivationshilfe wurde unter den Teilnehmern an der Aktion ein großzügiger Preis verlost: ein dreitägiger Aufenthalt in einem Fünf-Sterne-Wellnesshotel in Bayern und zwar in Begleitung einer der geretteten Fliegen. Die wurde auf den Namen Erika getauft und reiste zusammen mit dem menschlichen Gewinner-Ehepaar erst per Helikopter zum Flughafen Paderborn-Lippstadt und dann weiter mit der Lufthansa nach München. Für den Unternehmer Reckhaus ging die Gleichung an dieser Stelle insoweit auf, als das Medieninteresse für seine Aktion enorm war.

Allerdings war dies lediglich der Anfang. Nach Abschluss des erfolgreichen Kunstmarketings kam das ungewöhnliche Trio wieder zusammen. Reckhaus erinnert sich:

„Dann ging alles wahnsinnig schnell. Mir war klar, dass ich jetzt nicht einfach so mit den Bioziden weitermachen konnte. Frank und Patrik Riklin schlugen vor, das Fliegenretten nach dem Vorbild von Corporate Social Responsibility zu verstetigen, durch 5 Cent pro Produkt in den Naturschutz zu investieren oder etwas dergleichen. Allerdings war mir das zu wenig!“

„Durch die Arbeit mit den Künstlern hat bei mir ­tatsächlich ein
­Bewusstseinswandel ­stattgefunden.“

Dr. Hans-Dietrich Reckhaus

Angestachelt von dem konzeptionellen Salto, zu dem die Kunst ihn soeben verführt hatte, war es nun Reckhaus, der mit einer kreativen Glanzleistung überraschte. Er erfand „Insect Respect“, eine Art Gütesiegel für Biozide: Wer ein Produkt mit dem Label kauft, zahlt einen Obolus, der dazu verwendet wird, draußen Ausgleich für den Schaden zu schaffen, den das Mittel drinnen anrichtet. „Denn“, so die neue Erkenntnis des Unternehmers, „Insekten sind faszinierende Tiere, die einen großen Wert für uns und das Ökosystem haben.“ Er ging die Sache wissenschaftlich an und beauftragte Biologen, ein recht komplexes Modell auszuarbeiten. Es geht unter anderem darum, die Biomasse der getöteten Insekten zu ermitteln – Flippi soll beispielsweise im Schnitt 200 Fliegen das Leben kosten – und einen adäquaten Ausgleich in der freien Natur zu schaffen. Reckhaus schritt gleich selbst zur Tat und ließ erst das Flachdach seines Verwaltungsgebäudes verstärken, um dann darauf ein 200 Quadratmeter großes Biotop anzulegen, das 35.000 seiner Flippi-Fliegenfallen neutralisieren soll.

Glaubt man dem überaus authentisch auftretenden Herrn Dr. Reckhaus, dann „geht es gar nicht darum, das, was wir machen, zu verharmlosen. Ich will stattdessen aufklären. Durch die Arbeit mit den Künstlern hat bei mir tatsächlich ein Bewusstseinswandel stattgefunden. Und deshalb vertreibe ich die „Insect Respect“- Produkte auch unter einer Marke, die meinen Namen trägt: ‚Dr. Reckhaus‘.“

In der Tat hat der Bielefelder „Herr der Fliegen“ damit das erste ökologisch neutrale Bekämpfungsprodukt der Welt auf den Markt gebracht. Er ist damit auf einen Trend aufgesprungen, den man beispielsweise vom Angebot des CO2-freien Flugverkehrs kennt. Und obwohl Dr. Reckhaus durchaus glaubhaft versichert, dass es ihm um viel mehr als einen Marketinggag geht, muss man auch anerkennen, dass die durch die Initiative „Insect Respect“ erzeugte Resonanz dem mittelständischen Unternehmer eine mediale Reichweite beschert hat, die selbst Markting- abteilungen von Großkonzernen vor Neid erblassen lässt. Hier zeigt sich, was möglich ist, wenn sich Mittelständler ihrer Agilität bewusst werden und den Mut haben, diese auch auszuspielen.

Doch wie bereits erwähnt, ist Marketing nicht die Motivation des Dr. Reckhaus. Er will seine neue Geschäftsidee an den Mann bringen und ist zu diesem Zweck derzeit im Gespräch mit einigen Großhändlern. Im Moment besteht seine Strategie darin, sein Gütesiegel „Insect Respect“ auf der Ebene der Händler durchzusetzen:

„Was ich erreichen möchte“, sagt Dr. Reckhaus und lächelt dabei ein wenig spitzbübisch, „ist, dass die Großhändler „Insect Respect“ im großen Stil einführen. Das würde bedeuten, dass meine Konkurrenten, deren Produkte die Händler in ihren Märkten verkaufen, mir eine Abgabe zahlen müssten, damit ich die Ausgleichsflächen schaffen kann, um deren Produkte ökologisch neutral zu machen.“

Klar ist: Dr. Reckhaus hat den Impuls des Schweizer Künstlerduos auf eine Art und Weise aufgenommen, die die Aktion „Fliegen retten in Deppendorf“ hinsichtlich ihrer Kreativität bereits jetzt völlig in den Schatten stellt. Betrachtet man die Marktentwicklung rund um das Thema Nachhaltigkeit, dann wird deutlich, dass die Geschäftsstrategie absolut im Trend liegt. „Insect Respect“ könnte durchaus zum Wegbereiter für ökologisch neutrale Biozide werden.

Reckhaus GmbH & Co. KG

Reckhaus produziert als Familienunternehmen Insektenbekämpfungsmittel mit 50 Mitarbeitern und rund 20 Millionen Euro Jahresumsatz. Der Hauptsitz der Firma ist in Bielefeld.

Atelier für Sonderaufgaben

Das klein-künstlerische Unternehmen „Atelier für Sonderaufgaben“ wurde 1999 von den Zwillingen Frank und Patrik Riklin gegründet mit dem Ziel, unabhängige und kompromisslose Kunst zu produzieren und Sonderaufgaben wahrzunehmen, für die sich niemand so richtig zuständig fühlt. Für sie gilt: Dort, wo alle gehen, wächst kein Gras! Oder: Nicht der Kunde, sondern der Inhalt ist König. Die Gebrüder Riklin absolvierten beide eine Lehre als Hochbauzeichner und studierten danach an verschiedenen Instituten Kunst. Mit dem Projekt und der Schaffung der Marke „Null Stern Hotel“ bzw. „Null Stern – the only star is you“ (in Kooperation mit Daniel Charbonnier von Minds in Motion SA, Lausanne) erreichten sie in den letzten Jahren internationale Bekanntheit als Konzeptkünstler.