VI. SzenarIoProzess

Der Szenarioprozess gliedert sich in mehrere Schritte, die systematisch ineinander greifen. Nachdem man die wichtigsten Einflussfaktoren und Treiber identifiziert hat, geht es darum, daraus die zwei kritischen Schlüsselfaktoren zu generieren, die die Achsen der Szenario-Matrix bilden. Im nächsten Schritt werden namen für die einzelnen Szenarios gefunden und die jeweiligen Quadranten mittels einer dichten Beschreibung plausibel gemacht. Diese Schritte wurden im Rahmen eines ganztägigen Szenario-Workshops am 15. November 2010 in den Räumen der ständigen Vertretung in Dortmund von zehn Experten absolviert. Die Namen finden sich am Ende der Publikation. Anschließend erfolgte lediglich eine redaktionelle Aufarbeitung und Ergänzung.

1. Einflussfaktoren und Treiber

Einflussfaktoren werden ermittelt aus den Größen, die die zukünftige Entwicklung des Szenariofeldes direkt oder indirekt bestimmen. Wichtig in diesem Stadium ist es, ein breites und möglichst vollständiges Spektrum der Einflussfaktoren aufzuzeigen, da sich in Zukunft auch vermeintlich nachrangige Faktoren als zentrale Schlüsselgrößen heraus kristallisieren können. Von den Szenario-Experten wurden folgende zwölf Einflussfaktoren benannt und skizziert:

Demographischer Wandel

Die Wohn- und Erwerbsbevölkerung schrumpft. Viele Städte werden zu Shrinking Cities und Leerstände haben. Die Situation am Arbeitsmarkt wird sich umdrehen. Eine alternde Bevölkerung lässt den Gesundheits- und Pflegesektor wachsen. Bekommen Alter und Berufserfahrungen dadurch eine neue Wertschätzung?

Klima und Ressourcen

Die Klimaerwärmung und die Zunahme extremer Wetterphänomene bringen ein neues Designparadigma mit sich, das alle Produktions- und Lebensbereiche umfasst. Neue Märkte entstehen, die auf ökologische Anforderungen und knappe Ressourcen reagieren. Wie stark wird dadurch der Stellenwert von regionalen Kreisläufen wachsen?

Globale Wirtschaftsentwicklung

Die weltwirtschaftliche Lage, globale Finanz- und Handelsströme beeinflussen die Wachstumsraten und Volatilität der deutschen Wirtschaft. Der Aufstieg der Schwellenländer bedeutet neue Konkurrenz aber auch potentielle neue Absatzmärkte. Bleibt die Weltwirtschaft krisenanfällig und volatil oder kehrt sie zum Stabilitätspfad zurück?

Öffentliche Haushalte
Trotz aktuell guter Konjunktur bleibt die öffentliche Hand hochverschuldet. Wachsende Zins- und Tilgungslasten und ein hoher Fix-Anteil bei Sozialausgaben und Rente reduzieren die Spielräume der öffentlichen Haushalte. Wie entwickelt sich die Staatsquote und das künftige Selbstverständnis des Staates zwischen Big State und Deregulierung?

Strukturwandel
Mit dem Übergang von der Industriegesellschaft zur Wissenswirtschaft wächst der Anteil von Dienstleistungssektor und immaterieller Wertschöpfung. Dadurch gewinnen neue, flexible Arbeitsformen an Bedeutung, neue Handels-, Teilhabe- und Tauschkulturen entstehen. Hat das verarbeitende Gewerbe noch eine Zukunft als Motor der Wirtschaftstätigkeit?

Bildungsmarkt
Etablierte Bildungs- und Forschungseinrichtungen werden durch neue Orte der Bildung und des Wissenstransfers ergänzt. Privatisierung und lebenslanges Lernen machen Wissen zum eigenständigen Wachstumsmarkt. Neue On- und Offline-Bildungsformate entsteht. Wie wird die zukünftige Bildungs- und Forschungslandschaft aussehen?

Migration
Mobilität, sprich, nationale und internationale Wanderungsbewegungen, beeinflussen die demographische Zusammensetzung der Bevölkerung und die Diversität lokaler Kulturen. Die Notwendigkeit von Zuwanderung konfligiert mit der Adaptionsfähigkeit und der Akzeptanz der Bevölkerung. Wird die Politik Migration ermöglichen oder eindämmen?

Mindset
Allgemeiner Wertewandel, sowie das dominierende kulturelle und politische Leitbild schlagen sich im Maß geistiger Flexibilität und Toleranz nieder. Eine Vermehrung individueller Freiheitsoptionen geht mit größerer Eigenverantwortung und dem Zwang zum Selbstmanagement einher. Inwieweit sind die Menschen bereit, auch bewusstseinsmäßig die Ära des Industrialismus hinter sich zu lassen?

Wandel der Demokratie
Das Verhältnis zwischen Bürger und Staat wird neu austariert; staatliche Institutionen, der Föderalismus und das Verhältnis zwischen kommunaler und suprastaatlicher Ebene werden neu definiert. Findet Partizipation stärker in Form von Open Government statt oder ziehen sich die Bürger in den selbstorganisierten Kommunitarismus zurück? digitalisierung Offline- und Online-Welten wachsen zusammen. Das Digitale hält über mobiles Internet und Fabbing-Technologien verstärkt Einzug in die reale Welt. Die analoge Raumordnung bekommt eine digitale Haut und Atome lassen sich wie Daten prozessieren. Führt das zu einem stärkeren digitale divide zwischen Standorten, Regionen und Arbeitskulturen?

Digitalisierung
Offline- und Online-Welten wachsen zusammen. Das Digitale hält über mobiles Internet und Fabbing-Technologien verstärkt Einzug in die reale Welt. Die analoge Raumordnung bekommt eine digitale Haut und Atome lassen sich wie Daten prozessieren. Führt das zu einem stärkeren digitale Divide zwischen Standorten, Regionen und Arbeitskulturen?

Raumnutzung
Trotz Digitalisierung bleiben reale Räume – umbaute Fläche, öffentlicher Raum und Ballungszentren – wichtig und werden in ihren unterschiedlichen Potentialitäten bespielt. Welche Rolle werden Third Spaces zwischen öffentlich und privat zukünftig spielen? Und welche neuen Raumangebote und Raumqualitäten kommen ins Spiel?

Copyright
Wissen, Patente, Urheberrechte und Lizenzen sind Ressourcen und Währungen der Ideenwirtschaft. Dabei werden die Spielregeln zur Honorierung von Urhebern zwischen Piraterie und Patentschutz neu ausgehandelt. Open Source für alle oder Ausdehnung der Copyright-Sphäre?

2. Schlüsselfaktoren und Szenariomatrix

Schlüsselfaktoren identifizieren heißt Einflussfaktoren ausfindig machen, die einerseits einen starken und nachhaltigen Einfluss auf das Szenariofeld haben, deren Entwicklung aber tatsächlich heute noch völlig unklar ist und auch extreme Formen als Möglichkeit zulässt. Einflussfaktoren haben unterschiedlich starke Effekte auf das Szenariofeld, hemmen oder verstärken sich gegenseitig. Bei einigen ist die Entwicklung kontinuierlich und absehbar, andere entwickeln sich sprunghaft und völlig unvorhersehbar. Es sind die kritischen Schlüsselfaktoren, die anschließend zu den beiden Szenario-Achsen verdichtet werden.

Dabei ist einiges Fingerspitzengefühl erforderlich, denn die Anforderungen an diese Achsen sind hoch: Sie müssen erstens möglichst viele Eigenschaften der Schlüsselfaktoren in aggregierter Form abbilden, ohne dabei zu diffus zu werden. Zweitens müssen sie Pole aufweisen, die beide realistisch und in etwa gleich wahrscheinlich sind und dabei keine implizite normative Wertung vornehmen. Drittens müssen die Achsen unabhängig voneinander sein, das heißt: eine Bewegung auf der einen Achse impliziert nicht automatisch eine gleichgerichtete oder gegenläufige auf der zweiten.

So erhält man eine Vier-Felder-Matrix, in der alle Kombinationen von Zuständen auf den Achsen vorstellbar und darstellbar werden und in deren Quadranten die Szenarios liegen. Aus der Expertendiskussion ergab sich folgendes Achsenpaar, das die beiden für das Szenariofeld kritischen und voneinander unabhängigen Dimensionen Ökonomie und Mindset abbildet. Beide lassen sich jedoch – passend zu Nordrhein-Westfalen – auf den Begriff Strukturwandel zurückführen.

X-Achse: Ökonomie
Diese Achse fragt nach dem wirtschaftlichen Strukturwandel zwischen den Polen sekundärer und tertiärer Sektor. Stimmt es wirklich, dass in Zukunft Wertschöpfung in einem Hochlohnland wie Deutschland einzig im Wissens- und Dienstleistungssektor stattfinden kann, während die Produktion physischer Güter nach China und Asien abwandert? Oder ist das verarbeitende Gewerbe nicht auch in NRW die Zukunft, indem es sich auf das Know-How-intensive und innovative Feld der flexiblen Spezialisierung verlagert? Zweifellos wird der Anteil von Wissen in den Wertschöpfungsketten wachsen, aber es ist noch nicht ausgemacht, in welchem Sektor sich dieser Trend am stärksten ausspielt und was er für die Kultur- und Kreativwirtschaft bedeutet. Damit verbunden ist auch die Frage, ob die kulturelle Wertschöpfung zukünftig stärker im Bereich Business-to-Business (B2B) – etwa in Form von Service-Dienstleistungen – ansiedelt, oder im Bereich Business-to-Consumer (B2C) in Form konsumierbarer Endprodukte. Für die Politik erwächst daraus die Frage, welchen Ausschnitt der Kultur- und Kreativwirtschaft es besonders zu stärken gilt.

Y-Achse: Mindset
Diese Achse fragt nach dem mentalen Strukturwandel zwischen den Polen offen und geschlossen. Offenheit würde bedeuten, dass eine Mehrheit mental bereit ist, mit dem Tempo des technologischen und ökonomischen Wandels Schritt zu halten und progressive Formen des Umgangs damit zu kultivieren. Herrscht also eher ein Klima von Aufgeschlossenheit, Zukunftsoptimismus und Toleranz, was auch Neugier auf andere Kulturen, die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen und die Akzeptanz gegenüber neuen Lebens- und Arbeitsformen mit einschließt? Oder kippt die allgemeine Stimmung aufgrund von Krisen und Zukunftsangst in Richtung abschottung? Auf ökonomischer Ebene schlägt sich Offenheit nieder in einem Bekenntnis zum Freihandel und intensiven Außenhandelsbeziehungen. Auf der politischen in einer liberalen Einwanderungs- und progressiven Kulturpolitik. Geschlossenheit dagegen bedeutet Protektionismus und restriktive Zuwanderungspolitik. Auf unterschiedlichen Ebenen ist die Frage des Mindsets und der inneren Einstellung also kritisch für das Feld und die zukünftige Rolle der Kultur- und Kreativwirtschaft.

3.Naming und Fleshing-Out
Die Namensfindung und Narration zu den Szenarios – das so genannte Fleshing-out – findet im logischen Rahmen der Szenariomatrix statt. Das heißt, es wird eine Geschichte der zukünftigen Entwicklung unter Annahme der jeweils extremen Merkmalsausprägungen beider Achsen in einem Quadranten erzählt. Diese Erzählung beschreibt den Endzustand unter den gefällten Annahmen, muss aber gleichzeitig plausibel machen, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte bzw. was bisher geschah. Im Zuge dieser plausibel erzählten Geschichten wird dann der Zustand der Welt heruntergebrochen auf das Szenariofeld, die ursprüngliche Fragestellung: Wie sieht die Kultur- und Kreativwirtschaft Nordrhein-Westfalens in diesem Szenario aus?

Co-Fabbing
Zwischen den Polen sekundärer Sektor und offen ist dieses Szenario dadurch geprägt, dass vorwiegend physische Produkte in einem Klima der Offenheit und des kollektiven Aufbruchs entstehen. Der Name leitet sich ab von Co-Creation, also kollaborativen Formen der Zusammenarbeit, und Fabbing, also dem Trend zur individualisierten Produktion mittels digitaler Rapid-Technologien. Die nächste industrielle Revolution besteht darin, dass sich die Regeln des sozialen Webs hier auch in der Welt der Atome ausspielen und Produktinnovationen auf der Basis kollaborativer Designprozesse entstehen. Die Disziplinen der Kultur- und Kreativwirtschaft werden hier buchstäblich zu kollektiv produzierenden Creative Industries, in denen kein Backstein auf dem anderen bleibt und nichts mehr an die Industriekultur rauchender Schlote erinnert.

Closed shop
Dieses Szenario zwischen den Polen sekundärer Sektor und geschlossen geht von einer stärkeren Schließung regionaler Räume und Kreisläufe bei gleichzeitiger Blüte des verarbeitenden Gewerbes aus. Der Name closed Shop beschreibt eine gewisse Abschottungstendenz, gleichzeitig gibt er mit „Shop“ in seiner Ursprungsbedeutung als Werkstatt einen Hinweis auf die dominierende Produktionsform kleinteiliger Manufakturbetriebe. Die Kultur- und Kreativwirtschaft wird zum regionalen Wissensspeicher und Identitätsstifter. Auf den ersten Blick vertraut und altbekannt eröffnen sich hier doch interessante Kombinationen aus Tradition und Moderne. Lore und Laptop könnten die Schlagworte sein, mit denen sich dieser Strukturwandel im Sinne einer Reinvention of Tradition beschreiben lässt.

Clone Culture
Aufgespannt durch die Kombination aus tertiärem Sektor und geschlossen ist diese gekennzeichnet durch einen voll entfalteten Dienstleistungssektor und die Industrialisierung der Wissensökonomie. Clone Culture meint: was erfolgreich ist, wird multipliziert und in großem Stil ausgerollt, wobei das Regime des Kopierschutzes in vollem Umfang greift und zur Anwendung kommt. In Wissensfabriken werden Innovationen buchstäblich wie am Fließband produziert. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist einerseits Schrittmacher für Basisinnovationen im Bereich immaterieller Produkte, andererseits wichtiges Marketing-Tool, um regionalen Playern in der Aufmerksamkeitsökonomie Mind Share zu verschaffen. Proprietäre Software, Patente, Geschmacksmuster und Copyrights sind hier die Kohle des 21. Jahrhunderts.

Cloudsourcing
Dieses Szenario zwischen offen und tertiärem Sektor markiert ein real gewordenes Wolkenkuckucksheim aus Deindustrialisierung und Digitalisierung. Cloud Sourcing setzt sich zusammen aus dem Crowdsourcing, also nutzbar gemachter Schwarmintelligenz, dem Open Source-Gedanken und Cloud Computing, also der Idee einer permanenten digitalen Wolke in der alle Information abgelegt ist und Kommunikation stattfindet. Es herrscht eine Kultur des Teilens: Wissen und Ideen können frei zirkulieren und werden so zu fruchtbaren Innovationen angereichert, deren Erträge wiederum allen Beteiligten zugute kommen. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist zu einer virtuellen Wanderdüne vaporisiert, die die Menschen auf Schritt und Tritt begleitet. Der Himmel über Rhein und Ruhr hängt hier voller Daten.