V. SzenarIometHode

Szenarios helfen uns dabei, die Zukunft klarer zu imaginieren und bessere Entscheidungen zu fällen. Szenarios entwerfen bedeutet gewissermaßen: „denken auf Vorrat“. Szenarios sagen die Zukunft nicht voraus, aber sie markieren die äußeren Eckpunkte der zukünftigen Entwicklung und legen die kritischen Einflussfaktoren und deren Effekte offen. Sie liefern ein Rahmenwerk, um das Spektrum aller möglichen Zukünfte sichtbar und anschaulich zu machen. Je mehr man damit hantiert, desto mehr wird man feststellen, dass viele wichtige Faktoren heutiger Entscheidungen darin bereits angelegt sind. In der Übersetzung eines erweiterten Innovationsbegriffs in vier anschauliche Szenarios für die Kultur- und Kreativwirtschaft in NRW steckt das Potential, ein besseres Verständnis der im Feld anzutreffenden Dynamiken zu erlangen, eine Diskussionsgrundlage für wünschenswerte Entwicklungsrichtungen zu schaffen und etwaige Hemmnisse oder Limitationen ausfindig zu machen.

1. Szenariotechnik

1. Innovationsverständnisse in der Kultur- und Kreativwirtschaft Die Szenariotechnik ermittelt in einem mehrstufigen Prozess die verschiedenen Außenposten der Zukunft eines bestimmten Szenariofeldes – in unserem Fall der Kultur- und Kreativwirtschaft in Nordrhein-Westfalen. Durch eine möglichst anschauliche Beschreibung bekommt man ein Gefühl dafür, was im veranschlagten Zeithorizont – in unserem Fall bis zum Jahr 2020 – an Entwicklungen in diesem Feld möglich ist.

Natürlich gibt es immer völlig außerplanmäßige Ereignisse und externe Schocks, in der Szenariotechnik Wild Cards genannt, die die Koordinaten so grundlegend verschieben, dass die Realität außerhalb der Szenarios stattfindet. Auch damit muss man rechnen. Verläuft die Entwicklung aber kontinuierlich, behaupten sich die identifizierten Einflussfaktoren tatsächlich als die ersten Außenposten unter jeweils idealtypischen Annahmen. Diese Extremzustände plausibel zu schildern und mit Leben zu füllen, ist die hohe Kunst der Szenariotechnik, die mit strenger Wissenschaftlichkeit weniger gemein hat als mit Phantasie und Intuition. In Reinform wird keines der beschriebenen Szenarios jemals eintreten, aber die Zukunft wird sich irgendwo innerhalb des Feldes abspielen, das von den vier entwickelten Szenarios aufgespannt wird – vorausgesetzt, dass zwischenzeitlich nichts völlig Unvorhergesehenes passiert.

2. Szenariofeld und Zeithorizont

Bevor man in den Szenarioprozess einsteigt, ist es wichtig, das Szenariofeld zu definieren: Über welches Feld spricht man? Was ist Teil des Untersuchungsgegenstandes? Was gehört nicht mehr dazu, sondern bereits zum Umfeld oder zu den Einflussfaktoren? Wie ist der Zeithorizont? Unsere Fragestellung lautet: Welche Gestalt hat die Kultur- und Kreativwirtschaft in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2020? Wie funktioniert sie? Und was sind ihre Schnittstellen mit anderen Branchen und Industrien?

Ausgehend vom Konzept der Innovationsökologien geht es dabei weniger um das trennscharfe Porträt einer abgeschotteten Kreativbranche, sondern um die dichte Beschreibung der Wechselwirkung von Kreativwirtschaft und anderen Feldern der Innovation, sprich: dem Ökonomischen, dem Politischen und dem Sozialen. Wie greifen die unterschiedlichen Akteure und Aktivitäten ineinander und befruchten sich gegenseitig? Welche Produkte und Dienstleistungen stehen dabei im Vordergrund?

Die regionale Eingrenzung auf Nordrhein-Westfalen ergibt sich einerseits aus dem Fokus des Kreativclusters Creative.NRW, andererseits ist es aber auch eine sinnvolle Ebene der Beschreibung zwischen Makro- und Mikro-Perspektive. Die Meso-Ebene des Bundeslandes bietet eine hinreichende Komplexität, um zu interessanten, eventuell kontraintuitiven Ergebnissen zu gelangen, ohne dabei die konkreten und spezifischen Gegebenheiten eines real existierenden Standortes aus dem Blick zu verlieren.

Schließlich erscheint der Zeithorizont 2020 sinnvoll gewählt, da politische Entscheidungen, die das heterogene Feld der Akteure betreffen, langfristige Festlegungen beinhalten, die sich nicht ad hoc rückgängig machen oder anpassen lassen. Gleichzeitig leidet die Prognosekraft von Szenarios, je weiter der Zeithorizont nach hinten verschoben wird. Die kommenden zehn Jahre erscheinen hingegen noch als überschaubarer Zeitraum. Insofern hoffen wir, dass die hier beschriebenen Szenarios auch etwas über die Gegenwart erzählen und akute Hilfestellung geben. Denn die entscheidenden Weichen für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Nordrhein-Westfalen 2020 werden ohnehin heute gestellt.