Creative.Talk

Dirk Helbing, Computational Social Science, Professor für Soziologie an der ETH Zürich, trat als Speaker auf der Cologne Conference unter der Reihe Futures – Annual Symposium on Media Evolution auf. Dort sprach er über das Thema „Ferngesteuert oder selbst gesteuert? Perspektiven der digitalen Dynamik“. Wir interviewten ihn zu den Veränderungen der virtuellen und realen Welt, den Risiken der Digitalisierung und künstlicher Intelligenz.

Welchen Einfluss hat die sogenannte virtuelle Welt auf die reale Welt und wie wirken sich solche erheblichen Veränderungen auf das Individuum aus?

Generell wird die virtuelle Welt für uns immer wichtiger. Wir verbringen immer mehr Zeit mit ihr bzw. in ihr. Zum Beispiel loggen sich Nutzer durchschnittlich 60mal am Tag in ihr Smartphone ein! Damit kommt Informationen und Ideen immer mehr Bedeutung zu. Man könnte sagen, die immaterielle Welt wird immer wichtiger für uns, und es entstehen völlig neue Märkte. Denken wir an das rasante Wachstum der Spieleindustrie. Keiner hätte gedacht, dass man mit virtueller Kleidung für Avatare Geld verdienen kann, aber es ist tatsächlich so. Viele Leute verbringen 4-8 Stunden am Tag mit interaktiven Spielen in irgendwelchen virtuellen Welten. In diesen Welten werden irgendwann neue Finanz-, Wirtschafts-, Entscheidungs- und Gesellschaftsmodelle ausprobiert, und es wird sich in virtuellen Ökonomien viel Geld verdienen lassen.

Mit der Sharing Economy, die aus der Kombination von Wirtschaftskrise und neuen digitalen Möglichkeiten entstanden ist, verändert sich nun auch unsere materielle Welt. Durch neue Nutzungsmodelle von begrenzten Gütern wird mehr Lebensqualität für mehr Menschen erzielbar, und eine nachhaltigere Wirtschaft.

Wir werden sehen, dass die digitale Revolution zu einer völligen Neuorganisation der Wirtschaft und Gesellschaft führt. Diese Transformation wird viele Leute verunsichern, und man muss aufpassen, die richtigen politischen Entscheidungen zu treffen, damit die Gesellschaft diese Transformation friedlich und unbeschadet übersteht. Es ist wie das Verpuppen einer Raupe. Wenn alles gut läuft, wird am Ende ein Schmetterling daraus, und wir leben in einer besseren Welt. 

Viele Freiheiten der digitalen Revolution sind bereits bekannt, aber wie äußern sich ihre Nachteile, beispielsweise im Bereich der IT-Sicherheit?

Viele Probleme mit der IT-Sicherheit resultieren aus meiner Sicht aus Informationssystemen, die zu homogen sind, so dass sich Malware (d.h. Schadsoftware) leicht verbreiten und großflächigen Schaden anrichten kann. Dezentrale, verteilte Informationssysteme und Diversität sowie lokale Interaktionen könnten Vorteile mit sich bringen.

Das Problem mit der digitalen Welt ist, dass sich noch keine ausreichenden Mechanismen ausgebildet haben, die verantwortungsvolles Handeln fördern. Mit Reputationssystemen und moderierten Communities ist das auf dem Weg, aber die Mechanismen sind noch nicht ausgefeilt genug. Es würde zu kompliziert sein, hier näher auszuführen, was man alles verbessern könnte. Insgesamt aber braucht es das Analoge zu Kultur und sozialen Normen, und einen passenden institutionellen Rahmen. Das kann man schaffen. Die Stichworte sind soziale Technologien und value-sensitive Design.


Wie sehen Sie das aktuelle das Machtverhältnisse zwischen Mensch und Maschine?


Algorithmen und Roboter sind klar auf dem Vormarsch und werden immer intelligenter. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass es neben uns andere intelligente Entitäten gibt. Die Idee, die Welt durch ein superintelligentes Informationssystem zu steuern, ist aber zum Scheitern verurteilt. Obwohl wir mehr Daten und leistungsfähigere Computer als je zuvor besitzen, haben die Probleme in der Welt nicht abgenommen - im Gegenteil. Wir verwenden diese Systeme falsch. Wir müssen lernen, ein symbiotisches Zusammenleben mit ihnen zu entwickeln, und zwar so, dass kollektive Intelligenz entsteht. Das ist eine völlig neue Chance, aber eine riesige Herausforderung. Es wird allerhöchste Zeit, sich ihr zu stellen. Wenn wir nichts unternehmen, droht der menschliche Kontrollverlust.

Sind wir schon ferngesteuert und wäre diese Tatsache für uns gefährlich?

Vor nicht allzu langer Zeit hielt ich die Möglichkeit der Verhaltens- und Gesellschaftssteuerung für Theorie und glaubte, man würde das nie machen. Das sehe ich inzwischen anders. In gewisser Weise lenken Google und Facebook unsere Aufmerksamkeit und die Entscheidungen, die wir treffen, schon heute. Das gilt auch für Empfehlungssysteme aller Art (von Hotelbuchungsportalen bis zu Dating Apps). Die Frage ist, ob das bei der Werbung halt macht, oder es auch zur Basis der Politik wird. Das würde langfristig wohl das Ende der Demokratie und unseres jetzigen Wirtschaftssystems bedeuten zugunsten eines Feudalismus 2.0, der nicht auf die Dauer friedlich funktionieren kann. Stattdessen sollte man die Demokratie und freiheitliche Wirtschaftsordnung auf neue Art und Weise miteinander verheiraten. Das Internet der Dinge macht dies möglich. Es erlaubt, die Externalitäten unserer Entscheidungen, d.h. die guten und schlechten Auswirkungen, in Echtzeit zu berücksichtigen. Damit kann man selbstorganisierende Systeme, mehr Nachhaltigkeit, mehr Kooperation und weniger Konflikte erzielen. Diesen Weg sollte man einschlagen.

Wie wirkt sich die besprochene Digitalisierung auf die Filmwirtschaft aus, können auch hier sowohl positive als auch negative Einflüsse vermerkt werden und wenn ja, wie sehen diese aus?

Generell kann man sagen, dass wir in eine neue geschichtliche Ära eintreten, und dies wird auch von neuen kulturellen Strömungen begleitet sein. Die Kreativszene ist, wie alle anderen Gesellschaftsschichten, in einem Selbstfindungsprozess. Wir müssen uns quasi alle neu erfinden, aber die Kreativszene wird voran gehen. Ich denke, es werden Aspekte wichtig werden wie Interaktion und Partizipation, Diversität und Koevolution, vernetztes Denken und kollektive Intelligenz. Man wird viel experimentieren. Ich rechne mit spannenden Zeiten.