Creative.Talk

CREATIVE.NRW sprach mit Dr. Marc Hassenzahl, Professor für "Erlebnis und Interaktion" im Industrial Design an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Im Vorfeld zu seinem Vortrag auf dem Kongress CREATIVE.HEALTH II wollten wir wissen welche aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet der Vorsorge zu beobachten sind und was eine Verschränkung von Kreativwirtschaft und Gesundheitsbranche in Zukunft leisten kann.

Welche Entwicklungen beobachten Sie auf dem Gebiet der Gesundheit und Vorsorge?

Zwei Dinge: Menschen übernehmen immer mehr Verantwortung für Ihre eigene Gesundheit. Sie zählen ihre Schritte, achten auf ihre Ernährung, interessieren sich für gesunden Schlaf. Gesundheit ist nicht mehr etwas, das Experten richten, wenn sie weg ist, sondern etwas, das man aktiv pflegt. Dazu kommt eine ganzheitlichere Sicht. Eigentlich geht es gar nicht mehr primär um körperliche Gesundheit. Es geht um Wohlbefinden, Glück, Lebensqualität – und da gehört Gesundsein einfach dazu.

Mit Blick auf diese Entwicklungen: Welche Vorteile sehen Sie in der Zusammenarbeit zwischen Kreativwirtschaft und Gesundheitsbranche?

Ich bin fest davon überzeugt, dass sich globale Probleme nur lokal lösen lassen. Und das können Gestalter besonders gut. Sie sind Experten für Kontexte und Nutzer, haben ein Gespür für die Ästhetik von Dingen und Situationen, und sind mittlerweile auch gut im Gestalten von Interaktionen, Services, Emotionen und Erlebnissen. Wem wirklich am Wohlbefinden des Patienten liegt, und lebenswerten Arbeitsplätzen, sollte mit der Kreativwirtschaft arbeiten. Denn mit Verlaub, die Gesundheitsbranche ist ja tief verwurzelt im ökonomischen Denken. Nutzungs- und Erlebnisqualität hat da oft nur instrumentellen Charakter. Das muss sich ändern.

Als Branchendialog vernetzt CREATIVE.HEALTH die Gesundheits- und die Kreativwirtschaft. Welches Projekt, welche Kooperation beider Branchen hat Sie zuletzt begeistert?

Ach da gibt es viele und gerade durch die Initiative von Creative.NRW. Mein "all-time favorite" ist allerdings ein sehr persönlicher. 1999 habe ich mal bei Siemens im "Fachzentrum User Interface Design" gearbeitet. Schon damals hat Axel Platz, ein Designer unter Ingenieuren und Radiologen, es geschafft, den Nutzungsoberflächen von CT, MR und Co einen ganz eigenen Charakter zu geben. Nützlich, bedienbar, aufgabenangemessen, aber gleichzeitig von hoher ästhetischer Qualität. Ich hätte damals nicht gedacht, dass ich Medizintechnik jemals zu den schönen Dingen zählen würde. Er hat mich eines anderen belehrt.

Prof. Dr. Marc Hassenzahl

Dr. Marc Hassenzahl ist Professor für "Erlebnis und Interaktion" im Industrial Design an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Mit seinem Team aus Designern und Psychologen beschäftigt er sich mit der erlebnisorientierten Gestaltung von Technik im weitesten Sinne. Dabei stehen Glück und Wohlbefinden und die Frage, wie beides durch Technik und Interaktion vermittelt werden kann, im Mittelpunkt.