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Ralf Nähring | dreiform

Ralf Nähring ist Tischler und Produkt-Designer. Gemeinsam mit Clemens von Gizycki gründet er 2001 die interdisziplinäre Kreativagentur dreiform, heute ein 30-köpfiger Think-Tank für Innovations- und Wissensvermittlung. Besonderes Markenzeichen: die nutzerzentrierte Gestaltung im Spannungsfeld Mensch, Raum und digitale Erweiterung. Ralf Nähring ist Initiator des Salon D, einer Plattform für Themen rund um Kreativität und gesellschaftlichen Wandel, Mit-Gründer des Kölner Raum sowie Mitglied im ADC und DDC. Ralf Nähring ist Teilnehmer der Veranstaltung "VR meets Good Work" am 21. August 2020 im Rahmen des Places_VR Festival. Im CREATIVE.Talk sprechen wir mit ihm über digitale und virtuelle Arbeitsräume und über die Nutzung von Virtual Reality in Zeiten von Corona.

Was sind für Sie die Voraussetzungen für Neue Arbeit bzw. „Good Work“ in der digitalen Welt?

Gute Arbeit sollte immer vom Nutzer aus gedacht sein. Wir starten unsere Projekte regelmäßig mit Nutzerworkshops bei den Kunden, in denen wir vor allem gut zuhören, interne Prozesse und Kommunikation der Teams kennenlernen und dann sowohl den „Raum“ als auch das „Programm“ konfigurieren, so dass die Identität und Kultur des Unternehmens 1:1 räumlich gespiegelt wird und sich Mitarbeiter im wahrsten Sinne zu Hause und zugehörig fühlen. Digitale Werkzeuge haben durch die Corona-Krise einen enormen Schub erfahren – auch verbunden mit einer entsprechenden Lernkurve der Nutzer. Gleichzeitig stellen wir fest, dass beim aktuell dauerhaften Remote-Arbeiten so einiges auf der Strecke bleibt. Die persönliche Interaktion, die zufällige Begegnung, der kurze Schnack mit Kollegen – alles fehlt. Digital okay – aber der reale Raum wird auch Corona überleben, als sozialer Ort, wo echter Teamspirit entsteht.

Die Gestaltung von neuen Arbeitswelten gehört u.a. zu Ihrem Leistungsspektrum bei dreiform. Können Sie beispielhaft Projekte nennen, die Sie in diesem Bereich bereits umgesetzt haben? Wie gehen Sie da vor?

Tatsächlich hat sich das Thema Arbeitswelten bei uns in den letzten Jahren enorm entwickelt. Ein Vorteil für uns ist sicher, dass wir in unseren eigenen Räumen eine Art Best-Practice für agiles Arbeiten vorleben, das eine Vielzahl von Optionen für verschiedene Tätigkeiten bietet – von konzentriertem Abtauchen über kollaborative Workshops im Projektteam bis zum Vorerleben von Projekten in unserem VR-Space. Es passiert recht häufig, dass insbesondere größere Unternehmen uns besuchen und man merkt, dass sie sich Dinge abschauen möchten und sich fragen, wie sie auch „neu zusammenarbeiten“ und agiler werden können. Beispiele dafür sind z.B. der Coworking-Space A32 für Siemens in Berlin oder das neue Headquarter von Wolters Kluwer in unserer Nachbarschaft. 

Bei Wolters Kluwer haben wir neben 6.000 m² Arbeitswelten auch die Change-Kommunikation für die Mitarbeiter entwickelt, die über die Bauzeit sukzessive über alle geplanten Themen informiert und an Entscheidungsprozessen beteiligt wurden, so dass wir evtl. bestehende Vorbehalte in Vorfreude verwandeln konnten.

Der reale Raum nimmt bei dreiform einen großen Stellenwert ein – zum einen grundsätzlich als Ort der Begegnung, zum anderen planen Sie selbst Arbeitsräume für Ihre Kunden. Wie war es für Sie und Ihr Team, als im Zuge der Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie dieser physische Ort zwangsläufig in den Hintergrund treten musste?

Das war eine ziemliche Umstellung, von einem Tag auf den anderen 30 Leute ins Home-Office zu schicken. Wir hätten zu Anfang nicht gedacht, dass Corona so schnell so vieles auch langfristig verändern würde. Am Anfang haben wir noch Wetten abgeschlossen, nach wie vielen Tagen wir zurück sind, und eine Strichliste mit 100 Tagen aufgehängt, die täglich abgehakt wird. Arbeitstitel: 100% home-made. Inzwischen sind wir schon bei über 120 Tagen, in denen wir gelernt haben, uns als Team anders zu organisieren, zu kommunizieren und auch zu kollaborieren. Das Home-Office wird sich dauerhaft etablieren, weil wir selbst erlebt haben, dass vieles auch von zu Hause gut funktioniert. Wir merken gleichzeitig, dass das Team sich wieder „in echt“ sehen möchte und hier eine gewisse Sehnsucht entsteht. 

Deswegen planen wir nun für uns eine Art „Balanced Workplace“, der für die nächste Zeit einen Mix aus fokussiertem Remote-Arbeiten und echten Begegnungen in unserer Ideenschmiede ermöglicht. 

Stichwort Social bzw. Physical Distancing: Virtual Reality stellt eine Möglichkeit dar, trotz physischer Distanz eine Nähe zu schaffen. Funktioniert das wirklich? Und wie hat die Corona-Krise Ihre Arbeit mit VR beeinflusst?

VR ist bei dreiform schon seit einigen Jahren fest im Planungsablauf integriert. Unsere Kunden können bereits während der Konzeption ihre zukünftigen Arbeits- oder Markenwelten virtuell erleben. So ergab es sich, dass wir wegen Corona und der damit verbundenen Grenzschließung zu den Niederlanden keinen Baustellentermin dort wahrnehmen konnten. In dem Moment haben wir dann unsere VR-Szenen auf eine kollaborative VR-Plattform hochgeladen und uns mit dem Kunden sozusagen auf der virtuellen Baustelle getroffen – jeder mit VR-Headset und erlebbaren Gesten und zumindest gefühlter Nähe. Das war in dem Moment echt hilfreich.

In den darauf folgenden Wochen haben wir eine eigene Plattform an den Start gebracht: dis.co.vr – das steht für Entdeckung, aber auch für „distant collaboration in virtual reality“. Aktuell führen wir unsere Kunden hier an das Thema heran und zeigen Möglichkeiten auf, wie sie vielleicht selbst VR in ihrer Kommunikation einsetzen können.

Durch hohe Kosten, fehlende technische Ausstattung und eine gewisse Scheu vor der Technologie sind die Hürden, VR auch im Arbeitskontext zu nutzen, noch sehr hoch. Die Corona-Krise hat bereits jetzt der Digitalisierung einen ordentlichen Schub verliehen. Glauben Sie, dass auch die Akzeptanz und die Nutzung von Virtual Reality steigen werden?

Virtual Reality entfaltet sein Potenzial vor allem, wenn man die virtuellen Szenen mit dem Headset betritt – nur dann hat man ein wirklich immersives Erlebnis. Eine Hürde gibt es jedoch – die Brille. VR-Headsets sind noch nicht wirklich verbreitet, und in einer Gruppe setzen sich die Wenigsten freiwillig als einzige Person das Gerät auf den Kopf, da man sich von der Gruppe isoliert und für Beteiligte auch mal unfreiwillig komisch aussieht. 

Die Corona-Krise hat nun tatsächlich etwas verändert, einige VR-Headset-Modelle waren zeitweise online nicht mehr zu bekommen. Scheinbar nutzen jetzt neue Nutzer die Isolation im Home-Office für ungestörte VR-Erfahrungen.

Für welche Branchen kann VR gerade jetzt und in Zukunft einen echten Mehrwert schaffen? Und wie sieht der aus?

Weil wir bei dreiform nun mal sehr räumlich unterwegs sind, fallen mir hier auch tatsächlich die meisten Use-Cases ein, von der Planung komplexer Gebäudestrukturen in Zeiten von BIM-fähigen Daten über mögliche VR-Konfiguratoren für Interior oder Produktindividualisierung bis zu Musik- oder Tech-Festivals. Ich unterstelle mal, dass wir durch Corona hier in vielen Kreativbranchen neue Spielarten sehen werden.

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