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Prof. Dr. Maren Urner | Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW)

Foto: Michael Jungblut

Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln. 2016 gründete die promovierte Neurowissenschaftlerin Perspective Daily, ein Online-Magazin für konstruktiven Journalismus, mit. Sie leitete die Redaktion bis März 2019 als Chefredakteurin und war Geschäftsführerin. 2019 erschien ihr erstes Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“, das zum SPIEGEL-Bestseller wurde. Ihr zweites Buch „Raus aus der ewigen Dauerkrise“ erscheint Anfang Mai 2021. Im CREATIVE.Talk spricht sie über die Bedeutung des konstruktiven Journalismus und die Entwicklung des Medienkonsums in Zeiten der Corona-Pandemie.

2016 haben Sie Perspective Daily als erstes werbefreies Online-Magazin für konstruktiven Journalismus mitgegründet. Was war Ihre Motivation?

Die Beobachtung, dass der größten Herausforderung unserer Zeit, der Klimakrise, nicht entsprechend begegnet wird. Ein wichtiger Grund dafür liegt sicher darin, dass die Klimakrise medial nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die sie „verdient“. Dabei geht es nicht nur um das „Was“, sondern auch das „Wie“ – und da kommt der konstruktive Journalismus von Perspective Daily ins Spiel, der immer auch fragt: „Was jetzt?“ und „Wie wollen wir weitermachen?“

In der aktuellen Zeit der Corona-Krise buhlen die Medien mit minütlich aktualisierten Infektionszahlen und Katastrophenmeldungen um die Aufmerksamkeit der Leser:innen, und die Berichterstattung scheint oft wenig konstruktiv. Können Sie die Herangehensweise des konstruktiven Journalismus am Beispiel der Corona-Berichterstattung erläutern?

Die Corona-Pandemie zeigt uns Tag für Tag, wie wichtig der konstruktive Ansatz ist, da sich Menschen auf der ganzen Welt jeden Tag fragen: „Was jetzt?“. Das Bedürfnis nach Antworten für sämtliche Fragen des Lebens und Alltags könnte nicht größer sein. Das haben viele Medienangebote auch begriffen und berichten sehr viel konstruktiver. Im Mittel sind es aber leider immer noch zu wenige, sodass viele Menschen auch aufgrund der Berichterstattung hilflos, überfordert und passiv zurückbleiben.

Sie sind Neurowissenschaftlerin und haben 2019 das Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang. Wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren.“ veröffentlicht. Was macht die Informationsflut über die digitalen Medien mit unserem Gehirn, und wie wirkt sich das auf unser Verhalten aus?

Unser Gehirn ist ständig auf der Suche nach Ablenkung, sodass wir uns ohne große Anstrengung der schnelllebigen Informationsflut in der digitalen Welt hingeben. Bei jedem Update, jeder Push-Nachricht und jedem „Like“ erfahren wir einen kleinen „Kick“, weil unser Belohnungssystem im Gehirn aktiv ist. Das kann jedoch nicht nur regelrecht abhängig machen, sondern vor allem mit Blick auf den negativen Charakter, den News häufig haben, uns auch gestresst zurücklassen. Studien zeigen zum Beispiel, dass die Berichterstattung über schlimme Ereignisse wie die Anschläge auf den Boston Marathon 2013 uns mehr stresst, als wenn wir selbst vor Ort sind. Schauen wir morgens vor der Arbeit negative Nachrichtenvideos, sorgt das nicht nur dafür, dass wir schlechter gelaunt sind, sondern auch, dass wir weniger produktiv sind und unsere eigenen Probleme als bedrückender einschätzen als zuvor.

Hat sich die Art der Nachrichtenflut seit dem Beginn der Ausbreitung von COVID-19 Anfang 2020 Ihrer Meinung nach noch einmal verändert?

Ich finde es wenig sinnvoll, hier eine persönliche Einschätzung abzugeben, da diese lediglich meinen eigenen Medienkonsum reflektieren würde. Viel interessanter ist ja die Frage, ob tatsächlich Veränderungen auf Seiten der Rezipienten und der Medien stattgefunden haben. So gibt es erste Studien, zum Beispiel eine der Universität Münster, die untersuchen, wie sehr das Thema Corona in den vergangenen Monaten die Medien dominiert hat (oder nicht). Auf der anderen Seite zeigen Nutzerzahlen und Befragungen, dass generell der Konsum journalistischer Inhalte zugenommen hat. So verzeichneten beispielsweise zahlreiche journalistische Websites in Deutschland im Frühjahr 2020 Rekordzugriffe.

In der Corona-Berichterstattung scheint es einen Wettbewerb um Klickzahlen zu geben, der mit möglichst extremen Meldungen geführt wird. Sehen Sie Anzeichen, dass diese Form der Aufmerksamkeitsökonomie ein Ende findet und die Menschen des „Doomscrolling“ überdrüssig werden? Gibt es aktuell sogar schon ein gesteigertes Interesse an lösungsorientierten, konstruktiven Nachrichten – und damit dann auch an alternativen Medienangeboten wie Perspective Daily?

Das ist sehr schwierig, allgemein zu beantworten, da wir Trends in verschiedenen Richtungen beobachten können – ähnlich wie beim Medienvertrauen. Es scheint sich eine Polarisierung zu zeigen, bei der das eine Extrem sich von den klassischen Medien abwendet und eigene Informationskanäle und -strukturen aufbaut, bis hin zu Netzwerken, die Verschwörungsmythen verbreiten. Auf der anderen Seite wächst bei anderen Menschen das Bedürfnis nach lösungsorientiertem Qualitätsjournalismus und auch neuen Formaten wie Podcasts. Wir müssen nur an den Erfolg des Coronavirus-Update vom NDR mit Christian Drosten und Sandra Ciesek denken.

Die Corona-Krise hat auch die prekäre Lage des vorwiegend werbefinanzierten Medienmarkts, wie in so vielen anderen kreativwirtschaftlichen Bereichen, verschärft. Einerseits wurden Journalist:innen als „systemrelevant“ eingestuft, andererseits sind die Werbeeinnahmen eingebrochen und ermöglichen oft keinen normalen Redaktionsbetrieb mehr, was vor allem freiberufliche Journalist:innen trifft. Wie ist Ihre Prognose für die zukünftige Entwicklung des Medienmarkts? Braucht es neue Geschäftsmodelle? Wie könnte diese aussehen?

Perspective Daily und andere Angebote, die auf die Finanzierung durch die Nutzer:innen setzen, sind, denke ich, ein wichtiger Baustein in einer zukunftsorientierten Medienlandschaft. Spannend ist die Frage, wie sich die öffentlich-rechtlichen Medien ausrichten werden und im hoffentlich zunehmend konstruktiven Austausch mit den „Privaten“ nach neuen Formaten und Angeboten ihrer Verantwortung als vierte Gewalt nachkommen. Meine Erfahrung der vergangenen Jahre sagt mir, dass die wichtigste Voraussetzung dafür mehr Offenheit ist, einhergehend mit einem Kulturwandel hin zu mehr Neugier und Mut.

Wenn es etwas Positives gibt, das die Corona-Krise hervorbringt: Was wäre das? Welche Motivation können die Akteur:innen der Kultur- und Kreativwirtschaft aus der schwierigen aktuellen Situation ziehen?

Die Ausrede „Das war schon immer so!“ hat endgültig ausgedient!

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