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Patricia Yasmine Graf | designmetropole aachen

Patricia Yasmine Graf bezeichnet sich selbst gerne als „Creative Allrounder“. Ihr beruflicher Werdegang, der einst mit der Ausbildung zur Produktdesignerin begann, ist geprägt von einer enormen Vielseitigkeit und dem steten Mut zur Veränderung. Ihr Weg ist geradezu gepflastert mit den verschiedensten Projekten, Initiativen und Gründungen. Sie ist Gründungsmitglied von kreativwirtschaftlichen Netzwerken wie designmetropole aachen (CREATIVE.Space) und CHE – Creative Hub Euregio, sie ist Mitglied im Rhizom 115 e.V., sitzt im Beirat des EFRE-Projektes FLOW.NRW / #urbanana, fungiert als geschäftsführende Gesellschafterin der HOTEL TOTAL Kreativ- und Eventagentur und ist als Dozentin u.a. an der Fachhochschule sowie am Institut für Städtebau der RWTH Aachen tätig. Unmittelbar nach ihrem Diplom in Produktdesign startete Patricia außerdem ihr eigenes Label: PYG®.

Patricia Yasmine Graf ist Protagonistin der vierten Folge der Filmreihe Die Gamechanger – Kreative Orte, kreative Lösungen. Darin stellt CREATIVE.NRW gemeinsam mit der Montag Stiftung Urbane Räume und dem Verein KLuG e.V. kreative Akteur:innen aus Nordrhein-Westfalen vor, die unter den erschwerten Bedingungen während der Corona-Pandemie innovative Lösungen gefunden haben, um die eigene kreative Arbeit weiterzuführen und gemeinsam mit vielen mutigen Visionär:innen die Zukunft zu gestalten.

Im CREATIVE.Talk berichtet Patricia über aktuelle Projekte, über Gestaltungsspielräume und über ihre persönliche Superkraft!

Die Notwendigkeit zum Umdenken wird unter dem Eindruck der Corona-Zeit seit März 2020 immer wieder diskutiert. Wo sehen Sie konkrete Beispiele für positive Veränderungen, die durch diese Krise angestoßen wurden, in Ihrem Umfeld und in den Projekten, in denen Sie arbeiten?  

Wir als Kreative sind es ja schon gewohnt, uns und die Gesellschaft ständig zu hinterfragen und uns immer wieder selbst neu zu erfinden. Deshalb haben wir jetzt einmal mehr die Aufgabe, als Pionier:innen voranzugehen, Übersetzer:innen zu sein und neue Impulse zu geben.

Die Krise wirft die Frage nach dem Wesentlichen auf. Was hat im Leben noch Bedeutung, wenn nichts mehr „normal“ ist? Wir werden wachgerüttelt, rausgerissen aus dem alltäglichen Trott und müssen unseren inneren Kompass neu ausrichten. Dabei fällt vielen Menschen auf, dass wir bestimmte Dinge nur tun, weil wir sie immer getan haben, und dass es jetzt die großartige Chance dazu gibt, uns selbst zu fragen, ob diese Dinge noch Bestand haben oder was wir eigentlich stattdessen wirklich wollen. Das beobachte ich gerade häufig, zumindest in meinem Umfeld. Neue Arbeitszeitmodelle werden ausprobiert, da ist aber auch plötzlich mehr Mut vorhanden, endlich der inneren Stimme zu folgen und beruflich neue Risiken einzugehen, zum Beispiel erste Schritte in Richtung Selbstständigkeit. Die Karten werden neu gemischt und das im ganz großen Stil!

Was ich bisher in vielen Prozessen vermisst habe, ist die gegenseitige Wertschätzung. Wir Menschen sind emotionale Wesen, wir brauchen Anerkennung für das, was wir tun. Im besten Fall von uns selbst, aber das ist nicht immer einfach, wenn wir in den täglichen Vergleichen und Machtspielchen unserer Wachstumsökonomie feststecken und sich dabei viele Menschen von Angst gesteuert hinter möglichst eloquenten Worthülsen verstecken. Ich wünsche mir mehr Authentizität, mehr Leichtigkeit, mehr Spaß, Humor und Lebensfreude!

Ich glaube, in Wirklichkeit sind wir am Leben, um zu lieben – nicht nur andere Menschen, auch das Leben an sich, unseren wundervollen Planeten und das, was wir täglich tun. Mein Haupt-Lebenselixier ist die Liebe. Ich lasse sie durch mich hindurchfließen, in meine Handlungen, meine Projekte, und ich spüre: Das verändert Prozesse. In dem Moment bin ich total im Flow! Das ist meine Superkraft!

Ich bin der Überzeugung, dass jedes Wesen diese abgefahrene Energie anzapfen kann. Ich glaube, jeder Mensch kann aus seinem Radius heraus positiv in die ganze Welt hineinwirken! Das ist natürlich eine Entscheidung, die jede:r für sich selbst treffen muss! Aber es ist schön zu sehen, dass Corona an vielen Stellen wie ein Katalysator wirkt und immer mehr Menschen beginnen aufzuwachen. #totallove

Ein sehr schöne Formulierung, die Sie in unserem Vorgespräch zum Gamechanger Interview verwendet haben, war, dass Corona dem einen oder anderen Kreativen so einen „Zwangs-Kick in die digitale Welt verpasst“ hätte. Was ist da Ihrer Meinung nach genau passiert?

Es gab, und gibt, ja auch immer noch große Berührungsängste vor dem Digitalen. Ich glaube, das ist zum Teil natürlich auch so eine Generationensache (Digital Natives jetzt mal ausgeschlossen). Wir sind Gewohnheitstiere. Auf das, was wir noch nicht kennen, oder was wir vielleicht nicht in Gänze verstehen, darauf lassen wir uns nicht so gerne ein. Auch mich hat das an diesem Punkt erstmal total gestresst, umdenken zu müssen! Alles, in dem ich normalerweise besonders gut bin, z.B. live vor Publikum zu sprechen und damit Menschen mitzureißen und für unsere Ideen zu begeistern, das darf ich plötzlich nicht mehr in der gewohnten Form ausführen. Das verunsichert natürlich. Unsere Kreativ-Workshops, die wir sonst analog durchführen, oder auch meine Vorlesungen, plötzlich in den digitalen Raum zu verlegen und dabei trotzdem die Teilnehmer:innen und Zuhörer:innen aus der Reserve zu locken, das kostet auf jeden Fall anfangs viel mehr Energie. Aber dann ist es überraschend, wie gut es am Ende doch funktioniert. Da ist es mal wieder eine Bereicherung, über den eigenen Schatten zu springen. Auf einmal schalten sich Zuhörer:innen aus aller Welt dazu, und es entsteht eine viel größere Reichweite. Ich habe wieder neue Fähigkeiten dazugelernt, und es hat mich souveräner gemacht. So ging es auch vielen meiner Kolleg:innen.

Die Online-Präsenz durch Livestreams und in den sozialen Medien schenkt uns viele neue Möglichkeiten, mehr Publikum in Echtzeit zu erreichen. Sie ersetzt analoge Veranstaltungen allerdings nicht. Ich vermisse es sehr, in direktem Kontakt mit den Menschen zu sein und arbeite trotzdem viel lieber im analogen Raum. Das ist leider nicht mehr selbstverständlich, meiner Meinung nach aber total notwendig. Ich lerne es noch viel mehr zu schätzen, wenn ich den Menschen wieder im realen Raum begegnen darf. Für die Zukunft können wir aber durch das Digitale zusätzlich auf einen weiteren Pool an alternativen Optionen zurückgreifen! 

Sie haben sich eines Tages entschieden, zusätzlich zum Produktdesign, verstärkt in Orte zu investieren – seitdem steht vor allem das Themenfeld Räume und die Umnutzung von Leerständen ganz oben auf Ihrer Agenda. Was ist es, was Sie besonders reizt an der Veränderung von Räumen, Gebäuden bis hin zu ganzen Quartieren?  

Mich reizen die Möglichkeiten. Jeder leerstehende Raum ist für mich wie ein weißes Blatt, aber ein dreidimensionales. Wir stehen mittendrin, alles kann passieren. Mein Gehirn produziert sofort Bilder. Mich reizt der große Gestaltungsspielraum, aber auch die Herausforderung, aus dem, was man vorfindet (und meistens ja auch mit sehr kleinem Budget), in kurzer Zeit etwas Neues zu erschaffen, sich dabei flexibel den Gegebenheiten anzupassen, Vorhandenes zu integrieren oder auch zu restaurieren. Dazu gehören immer Improvisationstalent und ein offener Geist!

Mit der Gestaltung kann ich Einfluss darauf nehmen, wie die Menschen sich an einem Ort fühlen. Ein ästhetisches Umfeld trägt zu unserem Wohlbefinden bei. Bewusst ausgewählte Materialien und Farben können Emotionen vermitteln und unsere Sinne anregen. Das bezieht sich nicht nur auf einzelne Räume, sondern auch auf ganze Gebäude, öffentliche Plätze und unseren gesamten Stadtraum!

In vielen Ihrer Stadtentwicklungsprojekte spielen soziale Fragen eine große Rolle: Partizipation, die Integration von Benachteiligten, die Entwicklung von generationsübergreifenden Angeboten – es geht Ihnen um einen ganzheitlichen Ansatz, der dem Gemeinwohl dienen soll. Beobachten Sie hier einen Paradigmenwechsel innerhalb der Kreativszene?

Der Mensch sollte im Mittelpunkt stehen! Es geht darum, neue Begegnungsorte zu schaffen, an denen Menschen zusammenkommen können, um gemeinsame Zukunftsvisionen zu entwickeln. Die gelebte Partizipation ist deshalb so wichtig, weil die neu entstehenden Orte nur dann von den Menschen angenommen werden, wenn diese sich mit ihnen wirklich identifizieren und sie mit Leben füllen. Jede:r der Partizipant:innen trägt ein eigenes Puzzlestück zum großen Ganzen bei. Das eröffnet immer neue Perspektiven. Ich gebe ungern auf, bevor nicht eine Lösung gefunden wurde, mit der am Ende alle glücklich sind!

Das große PARKING:ART Event, das vom Aachener Einklang Metakollektiv und der Getting Up! Foundation Germany initiiert und organisiert wurde, hat zum Beispiel über 60 Kreative und Künstler:innen zusammengebracht, um aus dem alten, ausgedienten Parkhaus am Büchel einen temporären kreativen Hotspot zu gestalten! Ursprünglich war man auf der Suche nach einem Ort, an dem im Außenbereich und trotzdem überdacht Kunst ausgestellt werden kann, aus Brandschutzgründen war es dann aber gar nicht erlaubt, Leinwände oder Kunstwerke im Parkhaus zu installieren. Schnell war die Idee geboren, die Kunst einfach direkt auf die Wände zu malen!

Jede:r durfte mitmachen, auch ganze Schulklassen waren dabei. Das Muna - Musiknetzwerk Aachen hat sich um Bühne und Technik gekümmert. Viele kreative und subkulturelle Aachener Initiativen haben sich hier zusammengetan, um mit viel Farbe und Kreativität die Energie an diesem Ort zu verwandeln, der seit über 40 Jahren immer wieder für wilde politische Diskussionen sorgte und nun endlich abgerissen wird.

Der Andrang der Besucher:innen war so groß, dass sich lange Schlangen vor dem Eingang gebildet haben. Ein geniales Beispiel für ein super erfolgreiches Event in der Corona-Zeit. Es hat mich sehr glücklich gemacht, ein kleiner Teil davon gewesen sein zu dürfen.

Corona, Gentrifizierung, ökonomische Krisen – vieles hat in den letzten Jahren zu mehr Leerstand, zu einer Verödung und damit akuten Bedrohung unserer Innenstädte geführt. Welche Visionen gibt es, sich dem entgegenzustellen?

Die Innenstädte werden sich verändern, aber das heißt ja nicht, dass das etwas Schlechtes ist, die Innenstadt von morgen muss einfach völlig neu gedacht werden!

Corona hat diese Notwendigkeit nochmal einmal zusätzlich betont. Wir müssen agiler werden. Nicht ohne Grund sind „Design Thinking“-Prozesse mittlerweile in der Wirtschaft fest verankert. Das müssen wir auch in der Gesellschaft tun: iterative Prozesse in Gang bringen, immer wieder nachjustieren, Prototypen testen, weiterentwickeln und lernen. Flexibel, spontan und mutig, keine Angst vor dem Scheitern, einfach weitermachen!

Genau das tun wir auch in unserem aktuellen Herzensprojekt, den meffi.s – ein Transformationszentrum am Büchel. In der Mefferdatisstraße 14 – 18 entwickeln wir in vier bisher leerstehenden Ladenlokalen einen neuen Ort, an dem die sozial-ökologische Transformation unserer Stadt diskutiert, gestaltet und erlebt werden kann.

Wir schaffen Freiraum für Begegnung, gesellschaftliches Engagement und kreative Entfaltung und wollen so zu einem lebendigen und vielfältigen Miteinander in Aachen beitragen. Wir sind auch hier ein großer Zusammenschluss vieler Aachener Initiativen, Pionier:innen und Stadtmacher:innen, die gemeinsam das Aachener Büchel-Quartier gestalten und zukunftsfähig machen wollen.

In diesem Prozess beobachten wir tatsächlich einen Paradigmenwechsel in den Verwaltungsstrukturen. Die Stadt lässt sich hier wirklich darauf ein, an einem so wichtigen Areal mitten in der Aachener Altstadt mit uns neue Wege zu gehen. Wir erleben einen echten Schulterschluss, finden gemeinsam und auf Augenhöhe neue kreative Lösungen, wenn mutige Entscheidungen getroffen werden müssen, für die es noch keine Blaupause gibt. Ein echtes, gegenseitiges Learning!

Vor anderthalb Jahren hat die Stadt Aachen außerdem zwei Citymanager eingestellt, die die Menschen zusammenbringen und vernetzen. Mit der Initiative Ladenliebe ermöglicht die Stadt über ein Förderprogramm des Landes NRW eine stark vergünstigte Anmietung von leerstehenden Lokalen. Immobilienbesitzer:innen werden mit Kreativen, Kulturschaffenden, Start-ups und studentischen Gruppierungen zusammengebracht. Hier können Menschen ihre Produkte ausstellen, prototypenhaft agieren und Konzepte ausprobieren. Das ist eine Riesenchance!

Sie begegnen den Herausforderungen der Zukunft gerne mit einer Herangehensweise, die Sie „strategische Naivität“ nennen. Welche tollkühnen Ideen dürfen wir in den nächsten Monaten und Jahren noch von ihnen erwarten?

Na, ich werde mich hüten, das an dieser Stelle schon rauszuhauen, gute Guerilla-Aktionen arbeiten doch immer mit einem Überraschungseffekt – aber eins kann ich verraten, langweilig wird es sicher nicht!

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Zum Film: Die Gamechanger - Folge 4