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Olaf Zimmermann | Geschäftsführer Deutscher Kulturrat

Foto: © Deutscher Kulturrat/Jule Roehr 

Seit März 1997 ist Olaf Zimmermann Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Zudem ist er Herausgeber und Chefredakteur von Politik & Kultur, der Zeitung des Deutschen Kulturrates, und Publizist. Er ist Vorsitzender des Beirates der Stiftung Digitale Spielekultur und Vorsitzender des Stiftungsbeirates der Kulturstiftung des Bundes und Sprecher der Initiative kulturelle Integration. 2020 wurde er mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland (Bundesverdienstkreuz) ausgezeichnet. 

Der Deutsche Kulturrat e.V. ist der Spitzenverband der Bundeskulturverbände. Er ist der Ansprechpartner der Politik und Verwaltung des Bundes, der Länder und der Europäischen Union in allen die einzelnen Sparten des Deutschen Kulturrates übergreifenden kulturpolitischen Angelegenheiten. Insbesondere während der Corona-Pandemie hat sich der Kulturrat und allen voran sein Geschäftsführer immer wieder mit einer Vielzahl von Beiträgen und Initiativen zu Wort gemeldet und sich nachdrücklich für die Belange der Künstler:innen und Kreativen in Deutschland eingesetzt.
 

Im Sommer 2021 haben Sie gemeinsam mit Theo Geißler „Die Corona-Chroniken Teil 1 – Corona vs. Kultur in Deutschland“ herausgegeben. Das Buch fasst Beiträge, die in der Zeitung des Deutschen Kulturrates „Politik & Kultur“ erschienen sind, zusammen und reflektiert umfassend die Entwicklungen der verschiedenen Kulturbereiche seit Beginn der Pandemie. Acht Monate später – wie stellt sich die aktuelle Lage aus Ihrer Sicht dar? 

Die Lage ist nach wie vor für den gesamten Kultursektor schwierig – auch wenn die Daten sehr unterschiedliche Entwicklungen zeigen. Dass die Gamesbranche zu den „Gewinnern“ der Pandemie zählen würde, zumindest was die Umsätze angeht, war zu erwarten gewesen. Aber auch der Bundesverband Musikindustrie vermeldete Rekordumsätze und Gleiches gilt für die Verlagsbranche. Es scheint also Branchen zu geben, die relativ gut durch die Pandemie gekommen sind. Bei anderen sieht es allerdings nach wie vor „zappenduster“ aus. Das gilt für alle, die Live-Veranstaltungen durchführen, also die Musikveranstalter oder auch die privaten Theater, aber auch die Kinobranche kämpft. Fehlende massenattraktive Filme und die weiter gestiegene Akzeptanz von Plattformen wie Netflix oder Amazon Prime, um nur einige zu nennen, sind zu einer echten Gefahr geworden. Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass zwei Jahre Pandemie zu einer tiefgreifenden Veränderung führen. Beim ersten Lockdown dachten noch viele, dass ein paar Monate durchgehalten werden müssen und dann wieder nahtlos an das Vor-Pandemie-Geschehen angeknüpft werden kann. Nach zwei Jahren zeigt sich, dass um das Publikum neu gekämpft werden muss und dass sich die Märkte geändert haben. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir erst ein oder zwei Jahre nach der Pandemie die tatsächlichen Auswirkungen sehen werden. 

Im vergangenen Herbst wurde die „k3d – koalition kultur- und kreativwirtschaft in deutschland“ gegründet. Welche Erwartungen haben Sie an dieses neue Bündnis, wie können mögliche Schnittstellen mit dem Deutschen Kulturrat aussehen? 

Zunächst sind die Mehrzahl der Mitglieder von „k3d – koalition kultur- und kreativwirtschaft in deutschland“ Mitglieder des Deutschen Kulturrates. Von daher ergeben sich ohnehin viele Schnittstellen, da sich die Verbände auch sehr aktiv in die Arbeit des Deutschen Kulturrates einbringen. Außerdem gibt es mit der Initiative Urheberrecht und der Allianz der Freien Künste bereits lange Zusammenschlüsse, die spezifische Interessen im Kulturbereich bündeln. Ich vermute, dass dies bei k3d ähnlich sein wird.

Gemeinsam mit k3d hatten Sie die nachdrückliche Forderung nach einem eigenständigen Bundeskulturministerium. Nun soll es laut Koalitionsvertrag zunächst eine:n zentrale:n Ansprechpartner:in für die Kultur- und Kreativwirtschaft geben. Mit wie viel Optimismus bzw. Skepsis beobachten Sie diesen Ansatz, die Interessen der KKW stärker in den bundespolitischen Fokus zu rücken? 

Bislang ist noch nicht zu erkennen, wer der oder die Beauftragte für die Kultur- und Kreativwirtschaft sein wird und welche Kompetenzen die Person haben wird. Auffallend ist, dass im Wirtschaftskapitel des Koalitionsvertrags der Ampelparteien der Begriff Kultur- und Kreativwirtschaft nicht auftaucht. Insofern bin ich vorsichtig abwartend, was von Seiten des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz in nächster Zeit an Initiativen kommen wird. Ich würde mir wünschen, dass BKM und Bundeswirtschaftsministerium kohärenter zusammenarbeiten. Welche Akzente Kulturstaatsministerin Claudia Roth in der Kultur- und Kreativwirtschaft setzen wird, ist allerdings noch offen. Insofern bin ich aktuell vor allem abwartend.

Es gab seit Beginn der Pandemie staatliche Hilfen in Milliardenhöhe sowie eine Vielzahl an neuen Förderprogrammen, andererseits sehen sich viele Kunst- und Kulturschaffende strukturell benachteiligt, wenn nicht gar im Stich gelassen. Man habe in Deutschland keine Lobby, so heißt es immer wieder. Mythos oder Wahrheit? 

Ich halte diesen Vorwurf wirklich für einen Mythos. Und das trifft nicht nur für die diversen Fördermaßnahmen vom Bund und von den Ländern zu, sondern gilt vor allem auch für die vielen Verbände, die sich äußerst engagiert für Hilfs- und Fördermaßnahmen einsetzen. Diese Maßnahmen fallen ja nicht einfach vom Himmel. Erst das Engagement der zahlreichen Verbände hat sie ermöglicht und eine ganze Reihe von Verbänden engagieren sich jetzt darüber hinaus auch bei der Vergabe der Mittel. Es haben sich auch neue Verbände und Netzwerke gebildet, wie z.B. ein Zusammenschluss von Popmusikerinnen und -musikern. Es gibt also viele Möglichkeiten, sich in Verbänden, Netzwerken usw. zu engagieren und damit selbst einen Beitrag zur Verbesserung der Lage zu leisten.

Eine Thematik, zu der Sie sich wiederholt öffentlich geäußert haben und die Sie auch mit konkreten Forderungen verknüpfen, ist die Absicherung von Kreativen, z.B. ein leichter Zugang zur Arbeitslosenversicherung, insbesondere der Soloselbstständigen. Haben Sie diesbezüglich Anlass zur Hoffnung, dass wir für die nächste Krise besser gewappnet sind? 

Nach meinem Eindruck ist das Thema wirtschaftliche und soziale Lage der Kreativen in der Politik angekommen. Die nordrhein-westfälische Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen, derzeit Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, will im März Vorschläge für Mindesthonorare vorlegen. Außerdem wurde ein Gutachten zur besseren Einbeziehung von Selbstständigen in die Arbeitslosenversicherung auf den Weg gebracht. Die Ampelparteien haben im Koalitionsvertrag sehr konkrete Aussagen zur Veränderung der freiwilligen Arbeitslosenversicherung gemacht und dabei Vorschläge des Deutschen Kulturrates aufgegriffen. Ein wichtiger Vorschlag ist dabei, dass es keine Vorversicherungszeiten mehr geben soll und dass besondere Bedingungen für Gründerinnen und Gründer geschaffen werden sollen. Der Bund hat bei diesem Thema eindeutig die Federführung. Also, ich bin sehr zuversichtlich, dass sich hier in dieser Wahlperiode des Deutschen Bundestags etwas tun wird.

Ende der Achtziger Jahre waren Sie als Galerist in Köln und Mönchengladbach tätig. Was verbindet Sie heute noch mit Nordrhein-Westfalen, wie schauen Sie persönlich, aber auch als kulturpolitischer Akteur auf dieses Bundesland?  

Zunächst einmal habe ich bis Ende der 1990er Jahre in NRW gelebt und bin diesem Bundesland noch immer sehr verbunden. Allein aufgrund seiner Größe und der Bevölkerungszahl spielt NRW natürlich eine wichtige Rolle gerade auch in der Kulturpolitik. Man muss bedenken, dass in NRW mehr Menschen leben als in ganz Ostdeutschland und dass der Strukturwandel in NRW schon Jahrzehnte andauert und er ein Vorbild für andere Regionen ist. Gerade auch mit Blick auf die Kultur- und Kreativwirtschaft hat NRW nach wie vor eine bedeutende Rolle, denken Sie nur an die Gamescom oder die Art Cologne. 

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