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Michael Mayer | Kompakt

Michael Mayer, Mitgründer von Kompakt, DJ, Produzent und Remixer, gilt als einer der wichtigsten deutschen Protagonisten in der Tanzmusik. Seine Wochenenden verbringt er rund um den Globus, unter der Woche kümmert er sich vor allem um den Bereich „Artist & Repertoire“ bei Kompakt und verbringt gleichzeitig einige Zeit im Studio, um seine eigene Musik zu produzieren und Größen wie Pet Shop Boys, Depeche Mode, Foals und Rufus Wainwright zu remixen.

Herr Mayer, die meisten werden Sie als DJ kennen. Tatsächlich verdienen Sie Ihr Geld jedoch an den verschiedensten Positionen im Musikgeschäft. Erzählen Sie doch mal. 

Es mag an meiner Erziehung liegen, dass ich schon in frühen Jahren den Entschluss getroffen habe, mich finanziell von meiner eigenen Kreativität weitgehend unabhängig zu machen. So schön es grundsätzlich ist, wenn man sein Hobby zum Beruf macht – man läuft immer auch Gefahr, sich dem Bankkonto zuliebe künstlerisch zu verbiegen. So kam es, dass ich mich ab 1993 erst bei meinen heutigen Geschäftspartnern als Ein- und Verkäufer in einem Plattenladen namens Delirium Köln verdingte und ein halbes Jahr später Teilhaber wurde. 1998 kam dann die Umbenennung in Kompakt und damit auch die Gründung des hausinternen Tonträger-Vertriebs. Was anfangs nur mit einem Faxgerät, Telefon, Mac und mir begann, entwickelte sich schnell zu einem recht erfolgreichen Unternehmen, in dem heute 25 Leute beschäftigt sind und das neben Plattenladen, Label, physischem und digitalem Vertrieb auch eine Künstleragentur und einen Verlag umfasst. An den Wochenenden reise ich seit über 20 Jahren als DJ um die Welt, und wenn etwas Zeit überbleibt, dann verbringe ich diese im Studio. Dort habe ich über die Jahre alleine oder in Kollaborationen über 100 Remixe, etliche Singles und fünf Alben produziert. Außerdem unterhalte ich monatliche Radiosendungen bei WDR Cosmo und BBC Radio 1.

Um direkt mal ans Eingemachte zu gehen: Mit welcher dieser Positionen kann man im heutigen Musikgeschäft noch Geld verdienen? 

Im Grunde geht das noch in all meinen Rollen. Man muss aber eine deutliche Verschiebung der Einnahmen in Richtung Live-Auftritte konstatieren. Das physische Tonträger-Geschäft hat sich in unserer Nische entgegen dem generellen Trend eher verschlechtert. Wir erleben eine paradoxe Situation, in der nur noch wenige DJs Vinyl auflegen oder kaufen, die meisten Künstler aber trotzdem auf Platte veröffentlicht werden wollen – und sei dies nur, um ein Foto der Platte auf Instagram zu posten. Wir nennen diese den Markt unnötig verstopfenden Produkte „Eitelkeitsplatten“. Die Anzahl der Neuerscheinungen im Vinylmarkt wächst ungebrochen bei immer geringeren Auflagen. So verteilt sich der bescheidene Kuchen innerhalb einer extrem fragmentierten Szene in Krümel-Dimensionen. Das Download-Geschäft befindet sich aufgrund der Dominanz der Streaming-Technologie im freien Fall. Und wie gut es sich von den Streams eines Underground Dancetracks leben lässt, das kann sich jeder selbst ausmalen. Somit bleibt das Live-Geschäft die einzige relevante Einnahmequelle. Das gilt allerdings auch nur für jene Künstler, die sich schon am Markt etabliert haben.    

Laut Bundesverband Musikindustrie generierten 2018 „digitale Musikformate erstmals höhere Umsätze als physische Tonträger“. Streamingdienste, das Digitalgeschäft, sind also immer weiter auf dem Vormarsch. Was bedeutet das für die Branche?

Bei uns ist das schon deutlich länger der Fall, dass die digitalen Einnahmen die physischen abgehängt haben. Die Verschiebung von Downloads zu Streams stellt aber vor allem für kleinere Acts und Labels ein existenzielles Problem dar. Für ein vergleichsweise großes Label mit substantiellem Back-Katalog wie Kompakt ist das weniger dramatisch. Die Masse unserer Veröffentlichungen macht da den Unterschied. Ein tieferliegendes Problem in unserer Nische ist jedoch, dass diese Musik am besten im Mix funktioniert. Statt einzelne Tracks mit langen In- und Outros auf Spotify oder Deezer zu streamen, hören sich die geneigten Fans lieber einen DJ-Mix auf Soundcloud oder YouTube an. Für die Künstler, deren Musik im Mix gespielt wird, findet sich aber nur in Ausnahmefällen die Möglichkeit der Monetarisierung. Es gibt kaum Bewusstsein für die traurige Tatsache, dass die Kreativen meist leer ausgehen, auch wenn ihre Musik millionenfach gehört wurde. Wir erleben die finanzielle Trockenlegung einer Subkultur, deren Konsequenzen noch nicht absehbar ist. Das Absterben der hiesigen Musikpresse, unter anderem, weil immer weniger Indielabels noch Budgets für Anzeigen zur Verfügung haben, sei hier als deutliches Alarmsignal erwähnt.

Derzeit befindet sich die europäische Urheberrechtsrichtlinie in der Phase der Umsetzung in nationales Recht. Statt fundamentaler Uneinigkeit zwischen Urhebern und ihren Verwertern wurden im Ringen um die Richtlinie viele gemeinsame Interessen beschrieben. Sie gehören aufgrund Ihrer verschiedenen Positionen theoretisch zu beiden Lagern: Wie empfinden Sie die momentane Debatte zum Urheberrecht, und wie positionieren Sie sich?

Vor dem Hintergrund des gerade Beschriebenen könnte die europäische Urheberrechtsrichtlinie Teil der Lösung des Problems sein. Ich denke, dass die massive Gegenwehr, auch aus unserer Szene, vor allem einem Kommunikationsproblem geschuldet ist. Die wenigsten wissen wirklich, was sich hinter diesem sperrigen Wort verbirgt, sondern reagieren impulsiv auf in sozialen Medien kolportiertes Halbwissen. Da würde ich mir seitens der Politik eine umfassendere Aufklärung in verständlicher Sprache wünschen. Keiner lässt sich gerne etwas verbieten, aber statt von Chancen ist die ganze Zeit von Verboten die Rede. Soundcloud und YouTube sind auf dem Rücken der Kreativindustrie zu milliardenschweren Konzernen geworden, während die Kreativen, die ihren „Content“ meist unfreiwillig bereitstellen, nicht wissen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen. Die Zwickmühle schnappt an der Stelle zu, an der die Künstler diese Plattformen nutzen müssen, um überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen. 

Was muss jetzt getan werden, damit der Beruf Musiker*in in Zukunft noch, oder wieder, auch finanziell attraktiv ist? 

Es braucht bessere Aufklärung darüber, was sich mit der neuen Urheberrechtsrichtlinie verändern wird. Damit einhergehen muss ein Bewusstseinswandel sowohl bei Musikern als auch bei Konsumenten. Die Tech-Firmen müssen endlich in die Pflicht genommen werden. Es müssen Modelle her, die eine faire Entlohnung der Künstler*innen erlauben. 

Sie sind Panelist bei der Veranstaltung „Von Musik leben: Faire Erlösmodelle für Musiker*innen“ am 12. November in Düsseldorf. Was erhoffen Sie sich von der Diskussion? 

Normalerweise lasse ich ja lieber die Musik sprechen. Nun ist meine Unzufriedenheit über die Zustände in dieser Industrie aber so weit angeschwollen, dass ich etwas dagegen unternehmen muss. Wegducken gilt nicht mehr. Ich werde just am 12. November 48 Jahre alt. Ich schenke mir dieses Panel quasi zum Geburtstag – in der Hoffnung, bei den Anwesenden Gehör zu finden und bestimmte Denkprozesse auszulösen.

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