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Leonie Nienhaus & Tobias Stroppel | B-Side

Urban, lebendig und vielfältig – die B-Side ist ein Experimentierraum am Stadthafen in Münster. Ein Ort, der eine aktive Bürgerschaft prägt und von ihr geprägt wird. In basisdemokratischer Selbstverwaltung werden verschiedene Projekte rund um eine gemeinwohlorientierte Immobilien- und Stadtentwicklung durchgeführt und Kunst, Kultur und Bildung gefördert. Hierfür schafft die B-Side u.a. in einem 100 Jahre alten Hafenspeicher öffentliche Freiräume sowie bezahlbare Büro- und Werkräume für künstlerisch-kreative und sozial-nachhaltige Nutzungen. 2019 wurde die B-Side von CREATIVE.NRW als CREATIVE.Space ausgezeichnet. Im CREATIVE.Talk geben Leonie Nienhaus, Projektkoordinatorin im Quartiersprojekt „Hansaforum”, und Tobias Stroppel, Geschäftsführer der B-Side GmbH, einen Einblick in die Arbeit des Netzwerks und einen Ausblick auf die für Ende Oktober 2020 geplante CREATIVE.Spaces Roadshow, die aufgrund der Corona-Lage auf unbestimmte Zeit verschoben werden musste.

Bereits seit 2010 bespielt die B-Side den Hill-Speicher mit Kunst-, Kultur- und Bildungsprojekten und musste über die Jahre einige Kämpfe um den eigenen Erhalt austragen. Wie haben sich eure kreativen Aktivitäten auf das Hansaviertel ausgewirkt? Und wie sähe es dort aus, wenn es euch nicht gegeben hätte?

Tobias Stroppel: Die Kämpfe um den Erhalt der B-Side beziehen sich vor allem auf die Rettung und Sicherung des „Hill-Speichers“ als öffentlichen Ort – ein 100 Jahre alter hafentypischer Lebensmittelspeicher in Münster. Die mangelnde Verfügbarkeit von Boden für gemeinwohlorientierte – und in Münster vor allem auch kunst- und kreativwirtschaftliche – Zwecke sehen wir als ein strukturelles Problem.

Diesbezüglich verstehen wir uns als eine sogenannte Immovielie, als einen Ort von Vielen für Viele. Unser Projekt wirkt sich also zunächst insofern aus, dass wir die vielen unterschiedlichen Aktivitäten der Menschen aus dem Quartier aufnehmen, ihnen Räume zur Verfügung stellen, sie bündeln und verstärken. Das, was daraus entsteht, wird dann von den Menschen und Aktiven rund um die B-Side in vielfältigen Formaten, Veranstaltungen und Angeboten aller Art an das Quartier und die Stadt zurückgegeben.

Leonie Nienhaus: Dies ist jedoch kein einseitig gerichteter Prozess, sondern wird verstanden als ein sogenanntes koproduktives Vorgehen, zusammen mit den lokalen Akteur:innen: Bürgerschaft, Initiativen, Politik, Verwaltung etc. – eben all jenen, die den urbanen Raum beleben, mitgestalten, mitbestimmen und prägen.

Darüber hinaus entwickeln wir ebenfalls eigene Formate wie das nicht-kommerzielle „B-Side Festival“ oder das „Hansaforum“-Projekt. Diese Projekte wirken sich vor allem dadurch aus, dass die Menschen eine unmittelbare und niederschwellige Möglichkeit haben, sich für die zukünftige Gestaltung und Veränderung des Hansaviertels zu engagieren.

Stroppel: Ein Motto, welches wir gerne benutzen, lautet „Stadt machen – statt machen lassen!“ Ohne uns gäbe es in unseren Themenfeldern weniger Beteiligungsangebote und Entfaltungsmöglichkeiten für die Menschen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld. Und mit Sicherheit einen öffentlichen und nicht-kommerziellen Ort weniger in Münster.

Euer Ziel ist eine gemeinwohlorientierte Standortentwicklung. Wie setzt ihr diese um?

Stroppel: Das „Gemeinwohl“ ist ein schwer zu erfassender Begriff. Gerade in dieser Unschärfe liegt aber die Chance für eine Auseinandersetzung. Wenn das „Gemeinwohl“ bestimmt werden soll, dann braucht es eine bewusste Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Perspektiven und Möglichkeiten. Gemeinwohl muss immer wieder neu verhandelt und mit konkreten Inhalten gefüllt werden – eben von Vielen, für Viele.

In diesem Sinne bedeutet eine gemeinwohlorientierte Standortentwicklung, bezogen auf die Entwicklung des Hill-Speichers, eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe mit vielen verschiedenen Akteur:innen. Dabei haben alle Menschen aus dem Quartier die Möglichkeit, in einem „Bottom-up-Prozess“ an der Entwicklung zu partizipieren, Bedarfe zu artikulieren und entsprechende Bausteine zu entwickeln. Diese von den Menschen aus dem Quartier formulierten Bedarfe und im Folgenden entwickelten Inhalte versuchen wir dann als „ko-produktive“ Stadtentwicklung umzusetzen. Als Akteur:innen treten hier neu die Stadtverwaltung und die Politik auf. Wieder gilt es, die Anforderungen aufzunehmen, zu berücksichtigen und auf Augenhöhe zu Ergebnissen zu kommen.

Nienhaus: Gemeinwohlorientierte Standortentwicklung ist in der Umsetzung also zunächst ein andauernder, sehr komplexer Prozess mit vielen beteiligten Akteur:innen. Dies trifft umso mehr zu, sobald der Fokus nicht mehr „nur“ auf einen Standort fällt, sondern sich wie im Projekt „Hansaforum“ auf ein ganzes Quartier bezieht. Der Ansatz zur niedrigschwelligen Ausverhandlung auf Augenhöhe mit vielen verschiedenen Akteur:innen ist dabei gleich, die Anzahl der Akteur:innen jedoch ungleich höher und vielfältiger. Dabei sind zwei Dinge von zentraler Wichtigkeit: Beziehungsaufbau und -pflege zugunsten von Vertrauensbildung. Ein Quartier braucht außerdem Zeit, um sich kennenzulernen, fortzuentwickeln und gemeinwohlorientiert neu zu erfinden.

Ihr seid größtenteils ehrenamtlich tätig und stemmt nun ein millionenschweres Sanierungsprojekt. Wie seid ihr in eurer Arbeit organisiert und was bedeutet „Good Work“ für euch?

Nienhaus: Wir arbeiten so, dass möglichst keine Hierarchien entstehen und die Transparenz innerhalb des Projekts fortwährend hergestellt wird. Es gibt verschiedene Arbeitskreise, die sich regelmäßig treffen, über Anstehendes in ihrem eigenen Aufgaben- und Zuständigkeitsbereich austauschen und aktuelle Fragen sowie Probleme klären. Dazu kommen mehrere Plena. Dort sind alle Arbeitskreise, sog. Domänen, und deren Mitwirkende eingeladen, über übergeordnete Themen zu sprechen. So stellen wir in diesem zentralen demokratischen Organ die Verknüpfung aller ebenso wie einen regelmäßigen Informationsfluss sicher und können wegweisende Entscheidungen in gemeinsamer Runde treffen. Bei der Organisation gibt es des Weiteren verschiedene Kommunikations- und Organisationstools wie Slack und Confluence, durch die wir unsere Arbeit aufteilen.

Stroppel: „Good Work“ hat unglaublich viele Facetten. Diese zu beleuchten im Rahmen der CREATIVE.Spaces Roadshows, ist unglaublich spannend und lehrreich. Bezogen auf unsere Organisation bedeutet es für uns vor allem, dass transparent und auf Augenhöhe kommuniziert wird, Probleme offen angesprochen und geklärt werden können, es möglichst keine Hürden bei der Mitarbeit gibt und dass auf diese Weise eine entspannte, vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre entsteht.

Ein Thema der verschobenen Roadshow wird Soziokratie als Möglichkeit der Organisationsform sein. Was steckt genau dahinter?

Stroppel: Die Organisation in einer größeren Gruppe ist eine Herausforderung. Deshalb löst unsere Gesellschaft dies meistens über eine hierarchische Struktur oder über Mehrheitsentscheide. Möchte man versuchen, möglichst ohne beides auszukommen, steht man als Gruppe vor der Hürde, eine Struktur zu finden, nach der sich die Gruppe weitgehend symmetrisch, flexibel und unbürokratisch verwalten kann. Hierfür kann die sogenannte Soziokratie 3.0 (S3) langfristig eine sinnvolle alternative Organisationsform sein.

S3 kann sowohl auf Gruppenebene als auch auf Organisations- und Netzwerkebene in beliebiger Größe angewandt werden. Sie bietet eine ganze Sammlung von Werkzeugen für die unterschiedlichsten Aufgaben der Gruppenorganisation – von der Gruppenstruktur über Kommunikationsgrundlagen bis hin zu Effektivitätsmaßnahmen für Treffen.

Nienhaus: In einem ständigen Anpassungsprozess und durch Bewusstheit sowie Selbstreflexion wird bei Gruppenthemen immer wieder die gemeinsame Handlungsmaxime in den Fokus gestellt und so effektiv und entscheidungsfreudig gehandelt. Charakteristische Muster sind Vertrauen in die Schwarmintelligenz, Übernahme von Verantwortung für die eigenen Wahrnehmungen, Experimentierfreudigkeit, Argumente statt Meinungen, zuhören statt diskutieren. Kurzum, bei S3 handelt es sich um eine Kultur, die erst erlernt werden möchte und dies auch durch das Credo „gut genug für jetzt, sicher genug, um es auszuprobieren“ zulässt. Hat man dieses Vorgehen angenommen, trägt sie dann aber sehr zur Effektivität und Zufriedenheit der Gruppe bei.

Was sind derzeit eure größten Herausforderungen, und was wünscht ihr euch für die Zukunft der B-Side?

Stroppel: Bezogen auf die Sanierung der B-Side als Gebäude ist seit wenigen Wochen die investive Finanzierung über ca. 7,4 Mio. Euro gesichert. Hierfür erwarten wir in den kommenden Wochen als nächsten Schritt die Baugenehmigung. Bis voraussichtlich Ende 2022 wird dann der Hill-Speicher saniert. Es steht also zunächst ein komplexer Bauprozess mit vielen externen Partner:innen an. Gleichzeitig werden die verschiedenen Bausteine des neu entstehenden Quartiers- und Kulturzentrums von unserem Kulturverein und der B-Side GmbH über einen breiten Beteiligungsprozess bis zur Eröffnung weiterentwickelt.

Während der Bauphase steht uns dann auch ein größerer Umzug bevor und die Etablierung einer Zwischennutzung am Stadthafen II in Münster. Eine große Herausforderung ist vor der Entwicklung der COVID-19-Pandemie natürlich auch das Überleben der Subkultur und Soziokultur.

Nienhaus: Im Bundesförderprojekt „Hansaforum“ blicken wir 2021 auf das letzte Förderjahr der Projektlaufzeit. Neben den Zusammenkünften der Hansaviertel-Menschen auf unseren sogenannten Hansa-Konventen, bei denen sie die Entwicklung unseres Stadtteils in eine gemeinwohlorientierte Richtung lenken, planen wir für den Herbst mit der Zukunftskonferenz eine große Abschlussveranstaltung.

Hier werden wir nicht nur die zahlreichen Bürger:innenprojekte in einer großen Ausstellung vorstellen, sondern auch Größen aus der gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung zu Themen wie Commons, Recht auf Stadt-Bewegung und koproduktive Planungsprozesse einladen. All diese Facetten des urbanen Zusammenlebens und darüber hinausgehende Aspekte sollen unter der Frage „In was für einer Stadt wollen wir leben?“ in den Blick genommen werden. Das gemeinsame Wirken im Quartier mit den hier lebenden Menschen möchten wir mit Ende der Projektlaufzeit vom „Hansaforum“ nicht auslaufen lassen, sondern langfristig in die Zukunft tragen. Eine Möglichkeit, das bürger:innengetragene „Stadtmachen“ in eine kollektive Struktur zu gießen, besteht beispielsweise in der Gründung einer genossenschaftlichen Vereinigung, die optimalerweise durch Bürger:innenhaushalte von städtischer Seite her ergänzt wird.

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