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Lars Terlinden | Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft Düsseldorf

© Franz Schuier

Lars Terlinden leitet seit 2016 das KomKuK – Kompetenzzentrum Kultur- & Kreativwirtschaft bei der Wirtschaftsförderung Düsseldorf. Zuvor war der 43-Jährige als Journalist, Public-Affairs-Berater, Marketingleiter, Buchhändler, Veranstalter, Kampagnenmanager, wissenschaftlicher Referent und Weltenbummler tätig. Seine Lieblingsfarbe ist Machen.

Schon seit vier Jahren besteht das Kompetenzzentrum Kultur- & Kreativwirtschaft (KomKuK) in seiner aktuellen Form – was sind Ihre Schwerpunktthemen?

Wir verstehen uns als Lotse, Botschafter und Raumgeber für die über 4.200 in Düsseldorf ansässigen Unternehmen und Selbstständigen der Kultur- und Kreativwirtschaft. Hinzu kommt der kreative Nachwuchs, zum Beispiel aus den Hochschulen und der Kunstakademie. Ob Werbung, Design, Games, Software, Musik, Film, Kunstmarkt, darstellende Kunst, Rundfunk- und Pressewirtschaft, Literatur, oder Architektur – das KomKuK vermittelt als Teil der Düsseldorfer Stadtverwaltung zwischen Kreativsprech und Behördendeutsch. Dabei fördern wir auch den Austausch mit und in den Teilmärkten. Unser Credo lautet „Enabling Creativity“: Wir wollen kreatives Unternehmertum am Standort Düsseldorf und darüber hinaus unterstützen, erleichtern, befähigen.

Warum haben Sie das Thema temporäre und langfristige Nutzung von Räumen für die Kreativwirtschaft als wichtigen Punkt identifiziert? Und inwiefern bieten Sie Unterstützung oder Förderung dazu an?

Gemessen an der Einwohnerzahl ist Düsseldorf die siebtgrößte Stadt Deutschlands, in Bezug auf die Fläche aber nur an 74. Stelle. Der Immobilienmarkt der Landeshauptstadt ist dank zentraler Lage in einer brummenden Region, wirtschaftlicher Stärke und hoher Lebensqualität äußerst attraktiv und entsprechend angespannt. Da ist es wenig überraschend, dass ein enorm starker Nutzungswettbewerb um Flächen und Räume aller Art besteht, bei dem gerade junge Talente, Selbstständige und kleinere Akteure der Kreativwirtschaft oftmals nicht mithalten können. Das KomKuK bietet hier aktive Unterstützung bei der Raumsuche an, berät zum Thema temporäre und langfristige Nutzungen und verknüpft städtische wie private Raumgeber mit Raumsuchenden aus allen Teilmärkten. 

Der Raumbedarf von Kreativen aus den verschiedenen Teilbranchen der Kreativwirtschaft ist sehr unterschiedlich – welche Gemeinsamkeiten gibt es dennoch?

Oftmals geht es darum, dass ein Raum noch nicht „fertig“ sein soll, sowohl baulich, als auch in Bezug auf seine konkrete Nutzung und sein Umfeld. Ob Werbeagentur, Game-Entwickler oder VR-Designer – sie alle suchen in der Regel einen Gestaltungs(frei)raum, im wahrsten Sinne. Abgesehen davon einigt die Suchenden natürlich auch das Interesse an „bezahlbaren Flächen“ oder „möglichst kostengünstigen Räumen“. Darin sehe ich jedoch keine Besonderheit der Kreativen, denn auch Unternehmer anderer Branchen suchen selten besonders teure oder hochpreisige Immobilien. Dennoch fällt Kreativen die Suche oftmals schwerer, weil sie sehr spezielle Anforderungen haben, wie z.B. hohe Decken, postindustrielle Strukturen oder multifunktionale Räume.

Am 27. Juni veranstaltet das KomKuK ein Barcamp mit dem Titel „Kreativ/Raum/Düsseldorf“. Warum haben Sie sich für das Format eines Barcamps entschieden? Welche Zielgruppe soll erreicht werden, und was erhoffen Sie sich als Ergebnis? 

Ein Barcamp bietet allen Teilnehmenden die Möglichkeit, sich auf Augenhöhe direkt miteinander auszutauschen, Input zu geben, Erfahrungen zu teilen, Tipps zu geben. Anders als eine klassische Frontalbeschallung, also Vorträge auf einer Bühne vor Publikum, bietet dieses Format Gelegenheit, viel tiefer und individueller auf Ideen, Fragen und Lösungsansätze einzugehen. Zudem wollen wir damit aus Akteuren Beteiligte machen, neue Bekanntschaften anstiften und die Vernetzung unserer extrem heterogenen Zielgruppen fördern. Ganz bewusst heißt es in der Einladung „teilnehmen können alle, die sich an einem qualifizierten Austausch rund um Räume aller Art für Kreative aller Art beteiligen wollen“. Wir hoffen, dass möglichst viele Interessierte aus Kreativwirtschaft, Kulturwirtschaft, Immobilienbranche, Politik und auch Verwaltung zusammenkommen und bestenfalls gemeinsam Handlungs- und Kooperationsansätze entwickeln, die helfen, insgesamt mehr Kreativ/Raum für und in Düsseldorf zu schaffen.

In Düsseldorf hat es vielbeachtete Zwischennutzungsprojekte für Kreative wie postPost gegeben. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen aus solchen Projekten, die Sie anderen Wirtschaftsförderungen oder Institutionen mit auf den Weg geben möchten? 

postPost, Boui Boui oder jetzt auch Ergo Ipsum sind gute Beispiele dafür, wie Unternehmen größere Flächen und Räume durch Zwischennutzungsmodelle erschließen und damit auch Raumangebote und Präsentationsflächen für die Kultur- und Kreativwirtschaft schaffen. Ob Ateliers, Kreativbüros oder Eventflächen, von solchen Übergangsnutzungen profitieren Betreiber, Akteure und Öffentlichkeit gleichermaßen. Unabhängig davon sollte man aber stets im Blick behalten, dass diese Projekte immer nur Übergangslösungen sind und in den seltensten Fällen nach dem Ende der Zwischennutzung Anschlusslösungen geboten werden. Es besteht also die Gefahr, dass in der temporären Nutzung etwas entsteht, was anschließend aus wirtschaftlichen oder organisatorischen Gründen keinen Ort mehr findet. Deshalb sagen wir ganz eindeutig: Das Eine tun, aber das Andere nicht lassen. Zwischennutzung macht nur Sinn, wenn gleichzeitig Räume und Flächen für eine langfristige Nutzung geschaffen werden. Zwischennutzung sollte nicht das Ziel sein, sondern ein Instrument oder Baustein zur langfristigen Erschließung und Sicherung von Räumen und Flächen für Kreative.

Wenn ich als Kreativer in NRW auf der Suche nach einem Raum für temporäre oder langfristige Nutzung bin, wie gehe ich am besten vor? Gibt es spezielle Portale, Tools oder Ansprechpartner?

Das hängt sehr stark davon ab, wo in NRW gesucht wird. Für Düsseldorf ist das KomKuK ein guter Ansprechpartner, wobei es grundsätzlich immer sinnvoll ist, so breit und offen wie möglich zu suchen. Ob über Websites, Postings via Social Media, Aushänge in der Nachbarschaft oder direkte Nachfragen bei Immobilienunternehmen – es gibt keinen einen Weg zum Erfolg, zumal jede Raumsuche in etwa so individuell (komplex) ist wie der Raumsuchende selbst. Bei uns beginnt die Suche daher immer mit einem persönlichen Gespräch, in dem wir zunächst einmal sortieren, wer was für wie lange und wofür sucht. 

Um Standorte attraktiv zu machen und zu vermarkten, werden Kreative oft als „Durchlauferhitzer“ ausgenutzt und gehen als Verlierer aus den Stadtentwicklungsprozessen hervor, die sie selbst angestoßen haben – Stichwort Gentrifizierung. Wie kann die Kreativwirtschaft ihre Rolle in diesen Prozessen stärken? Und was können Städte tun, um sie dabei zu unterstützen?

Eine stärkere Beteiligung der Kreativwirtschaft ist schwierig, denn „die Kreativwirtschaft“ ist als Gruppe in etwa so heterogen wie „die Deutschen“ oder „die Wählerinnen und Wähler“. Die Schnittmenge zwischen Bildhauern, Werbern und Architekten mag Kreativität sein, aber dafür gibt es keine organisatorische Klammer, geschweige denn eine sprechfähige Interessenvertretung. Einzelne Akteure, die zum Beispiel individuell von einer Zwischennutzung profitieren, verstehen sich in der Regel nicht als Lobbyisten der großen Gruppe „Kreative“. So gesehen braucht es für eine Stärkung der Kreativwirtschaft in Stadtentwicklungsprozessen unbedingt mehr Organisationsstrukturen und mehr sprechfähige Lobbyisten unter den Kreativen. Gleichzeitig können Städte, oder besser: Politik und Verwaltung, auf eben diese Entwicklungsprozesse einwirken und bestenfalls dafür sorgen, dass Räume und Flächen für Kulturschaffende und Kreativwirtschaftler erhalten bleiben oder neu geschaffen werden. Das Spektrum der Handlungsansätze ist groß, vom Ankauf bzw. Nicht-Verkauf einzelner Objekte über die Bereitstellung von Räumen oder Fördermitteln bis hin zu politisch wie administrativ verbindlichen Zielsetzungen. Es gibt viele gute Beispiele, wo beide Aspekte – Organisation der Kreativen und aktive Einbindung in Stadtentwicklungsprozesse – erfolgreich zusammengebracht wurden. Auch in Düsseldorf arbeiten wir daran.

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