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Josephine Hage | KREATIVES SACHSEN

Josephine Hage ist Sozialwissenschaftlerin mit Master in Public Policy. Sie engagiert sich seit über zehn Jahren für die Kultur- und Kreativwirtschaft. Seit 2017 arbeitet sie in der Projektleitung von KREATIVES SACHSEN. In verschiedenen Pilotprojekten bringt Josephine Hage Perspektivwechsler*innen aus der Kreativszene mit Unternehmen anderer Branchen zusammen. Sie ist überzeugt: Kreative sind Transformationsbeschleuniger und: Aus der Kooperation von unüblichen Verdächtigen ergeben sich ganz neue Perspektiven für Regionen. Beim von CREATIVE.NRW veranstalteten Thementag „Handwerk und Design in NRW“ im Rahmen des ökoRAUSCH-Festivals leitet sie einen Workshop und nimmt an der Diskussion zum Thema „Wertschöpfung neu denken: nachhaltig, regional, digital“ teil.

Handwerk und Kreativwirtschaft, insbesondere die Designwirtschaft, bieten viele spannende Schnittstellen. Welche Potenziale sehen Sie in der Kooperation beider Branchen?

Im Grunde ist die Verbindung dieser beiden Welten ein „altes“ Thema. Aber eben doch ganz aktuell. Selbstverständlich geht es heute immer noch um neue Produkte. Insbesondere mit dem Generationswechsel in Handwerksbetrieben wird immer mehr auch nach innovativen Produkten für sich verändernde Märkte gesucht, die Kundenwünsche werden individueller und stellen zunehmend höhere Ansprüche an Gestaltung. Auch das Thema Vermarktung spielt eine wichtige Rolle: Professionelles Marketing wird auch im Handwerk inzwischen stärker als Chance erkannt. Der Druck, Fachkräfte zu gewinnen, ist enorm. Neu sind dabei längerfristige und umfassendere Kooperationen zwischen Kreativen und Handwerksbetrieben, die über die Entwicklung eines Logos oder einer Website hinausgehen und bereits bei der Konzeption von neuen Leistungen, Produkten oder auch Prozessen ansetzen.

Sie haben im Rahmen Ihrer Tätigkeit bei KREATIVES SACHSEN unter anderem die „Innovationswerkstatt Handwerk“ initiiert und geleitet. Welche Schlüsse ziehen Sie aus den bisherigen Veranstaltungen, und woran arbeiten Sie aktuell?

Für das Handwerk muss es konkret werden. Die Unternehmen haben in diesem Werkstattformat gemeinsam mit einem interdisziplinären Team aus der Kreativwirtschaft an einer ganz konkreten Herausforderung aus ihrem Unternehmen gearbeitet. Viele der Teams haben sehr schnell eine gemeinsame Sprache gefunden. Die beteiligten Unternehmen waren sehr überrascht, wie viele Aspekte einer Fragestellung sie in kurzer Zeit bearbeiten konnten, und haben von den Perspektiven der Kreativen profitiert. Wir haben auch das Feedback bekommen, dass die Hürde, mit Kreativen zusammenzuarbeiten, nun nicht mehr so hoch sei.

Aktuell arbeiten wir an einer Fortsetzung des Formats und entwickeln gemeinsam mit der Handwerkskammer Dresden eine Podcast-Reihe, bei der sich Handwerksunternehmen und Kreativschaffende gegenseitig besuchen. Auf die Aha-Momente, die dadurch entstehen, bin ich sehr gespannt.

Inwieweit spielen Tradition und lokale Netzwerke in den Regionen eine Rolle bei dem Thema Handwerk und Design?

Auf dem Wort Tradition liegt ja leider immer eine imaginäre Staubschicht. Dabei sind Traditionen auch eine ganz wichtige Ressource für Neues. Wir haben zum Beispiel junge Designer*innen eingeladen, sich mit den traditionellen Mustern und Dekoren der sorbischen Textilfertigung zu beschäftigen und daraus moderne Konzepte abzuleiten.

Ich bin überzeugt, dass in den traditionellen Materialien, Fertigungsmethoden und Gestaltungsansätzen sehr viel Potenzial für neue, zeitgemäße Interpretationen liegt. Nur so kann Tradition auch Zukunft haben. Erzgebirgischer Weihnachtsschmuck in einem schlichten, modernen Design erobert zum Beispiel zunehmend auch eine jüngere Kundschaft, die mit den traditionellen Formen nur noch wenig anfangen können.

In Zeiten von Corona wird uns vor Augen geführt, wie abhängig wir von den globalisierten Wertschöpfungsketten sind. Wäre es nicht gerade jetzt an der Zeit, die lokale Produktion vermehrt zu fördern? Und was sind in diesem Zusammenhang die größten Herausforderungen und Chancen?

Lokale und regionale Wertschöpfung hielt ich schon vor Corona für absolut zeitgemäß. Insbesondere ökologische Aspekte sprechen für Regionalität. Allerdings sind oftmals die Kompetenzen, die in der Region vorhanden sind, gar nicht bekannt. Deshalb müssen die Netzwerke zwischen den urbanen Zentren und der Region verdichtet werden. Wenn das gelingt, entstehen sowohl für das Handwerk als auch für die Kreativwirtschaft neue Märkte. Eine große Herausforderung besteht darin, dass wir in Deutschland trotz des überbordenden Anteils an Kleinst- und Kleinunternehmen immer noch sehr oft einseitig in Industriekategorien denken. Das greift einfach zu kurz. Wir müssen lernen, dem „Think big“ auch ein „Think small“ an die Seite zu stellen.

„Wertschöpfung neu denken: nachhaltig, regional, digital“ ist der Titel unserer Diskussion auf dem ökoRausch-Festival. Welche Chancen bietet die Digitalisierung für die Wertschöpfung der Zukunft auch im Handwerk?

Digitalisierung ist auch für Handwerksunternehmen ein Querschnittsthema: die Konstruktion mit moderner Software, die Produktion mit CNC-Maschinen, die Gewinnung von Fachkräften über Online-Portale, die digitale Kommunikation mit Kunden, Lieferanten, Partnern und Mitarbeiter*innen, cloudbasiertes Projektmanagement, die Online-Darstellung von Produkten und Leistungen und deren Vertrieb – das sind nur einige Aspekte, die zunehmend wichtig für das Handwerk werden.

Was braucht es, damit zukünftig noch mehr Kooperationen zwischen den Branchen zustande kommen?

Ich denke, dass wir Begegnungsräume brauchen, in denen sich Unternehmer*innen auf Augenhöhe treffen können – und das durchaus in unkonventionellen Formaten. Wir müssen Anlässe für diese Begegnungen schaffen, die im unternehmerischen Alltag zu kurz kommen.

Ich halte auch eine Förderkulisse für unabdingbar, die nicht nur auf die nächste technologische Innovation setzt, sondern genau auch solche neuen, regionalen Partnerschaften sehr niedrigschwellig unterstützt. Aus punktuellen Erfahrungen der Kooperation können so zukünftig echte längerfristige Partnerschaften werden. Für mich hat die Kultur- und Kreativwirtschaft das Potenzial, die agile und nahbare externe Forschungs- und Entwicklungsabteilung für andere Branchen zu werden.

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