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Jasmin Grimm | Kuratorin

Foto: Constanze Flamme

Jasmin Grimm ist künstlerische Leitung der Stiftung Zollverein mit besonderem Fokus auf digitale Künste. Sie ist Mitbegründerin des Studios für Digitalität Rosy DX in Düsseldorf und Berlin. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Konzeption von Ausstellungen, Festivals und Konferenzen, die Kunst, Gesellschaft und Technologie verbinden. 

Unter anderem entwickelte und leitete sie Programme für das NRW-Forum Düsseldorf, Goethe-Institut München, Goethe-Institut Zypern, den Branchenverband Bitkom, das Kompetenzzentrum Kultur- & Kreativwirtschaft des Bundes, Retune Festival, TINCON teenage internetwork convention. Als Programmberaterin war sie tätig für die Kulturstiftung des Bundes, Futurium Berlin, Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und re:publica „Arts & Culture“ 2017–2019.

Sie unterrichtet regelmäßig an Hochschulen wie der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität der Künste Berlin und der FH Potsdam. Sie hat einen Masterabschluss in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste.

Im CREATIVE.Talk sprechen wir mit ihr über das NEW NOW Festival, das vom 27. August bis 3. Oktober 2021 erstmals in der Mischanlage der Kokerei Zollverein in Essen stattfindet.
 

Mit dem Titel NEW NOW spielt das Festival bereits im Namen mit dem Verhältnis zwischen dem, was kommt, und dem, was ist. Das Neue wird anstatt nur im Morgen im Jetzt, in der Gegenwart verortet. Welche Rolle spielen in diesem Kontext Kunst und Technologie und deren Zusammenspiel? 

NEW NOW will neue Gegenwarten erforschen und erfahrbar machen. Denn wir brauchen dringend einen stärkeren Fokus auf die Gestaltung des Jetzt. Wir wollen Verantwortung nicht mehr länger in die Zukunft schieben. Das ist unsere Haltung angesichts der vielen Krisen und Herausforderungen der letzten Jahre. Ein Ort wie das UNESCO Welterbe Zollverein ist für solch eine Auseinandersetzung prädestiniert. Die ehemals größte Steinkohlezeche der Welt zeigt, wie wir unser Erbe – auch das Erbe der Kohle – in einen Auftrag umdeuten können. Die Künste spielen bei dieser Umdeutung eine zentrale Rolle. Sie können Verhandlungsort, Vorbild und Experimentierraum sein und so für uns alle neue Wege offenlegen. Heute prägen digitale Technologien unsere Lebenswelten und unsere Vorstellungskraft. Deswegen kann ich mir derzeit keine zeitgenössische Kunst vorstellen, die die Wirkungen dieser Technologien ausklammert. Aber ich sage auch: Wenn wir alle in 15 Jahren in Lehmhäusern leben sollten und dort unser Microbiom hacken, dann würde ich die Rolle von Lehm und Bakterienkulturen genauso spannend und wichtig finden wie heute die Frage danach, wie digitale Technologien unsere Erfahrungsräume verändern.

Nicht nur im Programm von NEW NOW, sondern auch in Ihrer Arbeit als Kuratorin und Projektentwicklerin generell geht es oft um Entstehungs- und Produktionsprozesse und deren Sichtbarmachung. Wie gestaltete sich der Weg zu NEW NOW, wie haben Sie und ihr Team das Konzept und die finale Form des Festivals gefunden?  

Das ist eine spannende Frage. Mich interessiert, was hinter der Oberfläche liegt. Wie kommt ein:e Künstler:in auf ihre Idee, was treibt sie dabei? Wie entsteht eine Arbeit, welche Begegnungen beeinflussen ihre Form? Und welche Rolle spielen unterschiedliche Materialien dabei? Ich glaube daran, dass wenn wir uns mehr mit den Ursprüngen und den dahinter liegenden Prozessen beschäftigen, wir auch ein komplexeres Verständnis unserer Welt entwickeln können. Kreative Menschen haben das Talent, aus einer ersten Idee eine neue Realität entstehen zu lassen. Das ist eine Fähigkeit, die sie über Jahre, oft Jahrzehnte ausbilden. Dabei arbeiten die meisten im Austausch miteinander. Daraus resultiert Emergenz, also die Entstehung von Neuem, das niemand vorhersehen kann. Davon brauchen wir mehr in der Welt, wenn wir tatsächlich neue Gegenwarten gestalten wollen. Mit NEW NOW glauben wir also an die fundamentale Veränderbarkeit der Welt. Und wir setzen dabei im Hier und Jetzt an. 

In Bezug auf NEW NOW waren die letzten Monate eine ungewöhnliche Zeit, um ein neues Festival zu entwickeln. Ich begann mit dem Konzept im Januar 2020, also wenige Wochen, bevor Corona in Europa ankam. Für Festivals war das noch eine andere Welt. Festivals waren von Dichte, Intensität und vielen Begegnungen geprägt. Das hat sich in der Pandemie plötzlich verändert. Mir kam sofort die Idee eines „slow programs“ – also einer bewussten Verlangsamung und Ausdehnung des Festivals. Wir alle haben in den letzten Monaten diese seltsamen Ver- und Entzerrungen von Zeit gespürt und versucht, Wege zu finden, damit umzugehen. Ein schönes Beispiel sind die vielen Menschen, die während der Pandemie plötzlich Kombucha oder Natursauerteig angesetzt haben, um mit der veränderten Zeitwahrnehmung umzugehen.

Das NEW NOW Festival hat genauso ein besonderes Verhältnis zur Zeit. Es erstreckt sich über fünf Wochen. Und unser Leitbild war, die Mischanlage auf Zollverein in eine lebendige Skulptur zu verwandeln. Damit rückt der Prozess und nicht das fertige Kunstwerk in den Vordergrund. Konkret heißt das: In den ersten drei Wochen ziehen Künstler:innen vor Ort ein und entwickeln dort neue Arbeiten. Währenddessen gibt es jedes Wochenende punktuelle Öffnungen: Interessierte können an Workshops und damit zum Teil direkt an der Entstehung der Arbeiten mitwirken oder in direkten Austausch mit den Künstler:innen treten. Die so entwickelten Arbeiten werden dann anschließend in einer Ausstellung zusammen mit weiteren spannenden Arbeiten ausgestellt. Die feierliche Eröffnung wird durch eine Konferenz begleitet.   

Viele Menschen fürchten sich vor Veränderungen. In Ihrer Arbeit dagegen spielen soziale, aber auch technologische und künstlerische Transformationen immer eine wichtige Rolle. Worin liegt für Sie die besondere Kraft und auch Faszination von sich wandelnden Prozessen, Dingen und Zuständen?  

Joseph Beuys hat über seine Arbeiten geschrieben: „Everything is in a state of change“. Diesen Satz finde ich sehr wahr. Natürlich fürchten wir uns manchmal vor Veränderungen oder versuchen, sie zu ignorieren. Wenn wir uns aber mit Veränderungen auseinandersetzen und versuchen, sie zu verstehen, können wir sie mitgestalten. Wir sehen das gut bei der Klimakrise, aber auch bei der Entwicklung neuer technologiebasierter Systeme wie Facial Recognition. Sich ängstigen oder ignorieren wird diese Entwicklungen weder aufhalten noch verändern. Deshalb ist es notwendig, hinzuschauen und Orte zu schaffen, in denen Auseinandersetzung möglich ist. Wir müssen uns immer wieder bewusst werden, dass wir die Welt, in der wir leben, selbst mitgestalten.

Das Programm von NEW NOW ist enorm lebendig, vielfältig und interaktiv. Nach welchen Kriterien haben Sie die Künstler:innen ausgewählt? Was lag Ihnen dabei besonders am Herzen? 

Unser Ziel ist es, neue Begegnungen und Auseinandersetzungen zu schaffen. Dafür sind Vielfalt und Offenheit sehr wichtig. Wir möchten ein Diskursfeld aufmachen, durch spielerische, spekulative und kritische Haltungen, in dem Dialoge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft möglich werden. Bei der Auswahl der Künstler:innen lag also im Vordergrund der Wunsch danach, ein möglichst vielfältiges Programm zu entwickelten.

Als diskursiver Teil von NEW NOW findet am 18. und 19. September eine internationale und interdisziplinäre Konferenz statt. Unter dem Motto „Another End Is Possible“ soll über die komplexe, ruinöse Gegenwart nicht als unser baldiges Ende, sondern als Anfang für ein „Neues Jetzt“ und über „neue Gesellschaftsentwürfe“ gesprochen werden. Das klingt beinahe utopisch. Welche konkreten Impulse erhoffen Sie sich von diesem Part des Festivals?  

Die Konferenz begleitet das Festival auf diskursiver Ebene. Ich freue mich hier besonders, die Künstlerin Vesela Stanoeva als Programmleitung der Konferenz dabei zu haben. Ihr Programm betrachtet einen Aspekt neuer Gegenwartsentwürfe. Nämlich die Annahme, dass die Welt, wie wir sie bislang kannten, gar nicht mehr existiert – und diese Enden als neue Anfänge zu betrachten. Das Programm verbindet so unterschiedliche Positionen wie das real existierende Forschungsinstitut über Apokalyptische Studien einer Universität mit feministischen Spekulationen über Mondreisen.

Das Festival wurde von Anfang „phygital“ geplant. Werden wir uns auch nach der Pandemie vermehrt an hybride Formate gewöhnen müssen? Liegen gerade in der Verbindung des Analogen mit dem Digitalen viel mehr Chancen als Verluste für die Zukunft? 

Die letzten 1,5 Jahre haben gezeigt, wie wichtig digitale und hybride Formate sein können. Sie haben aber auch gezeigt, wie unersetzlich physische Begegnungen und das körperliche Erfahren von Räumen ist. Ich bin mir sicher, dass sich beides gegenseitig ergänzt und auch nach der Pandemie weiter koexistieren wird.

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