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Jan Kus | Geschäftsführer von Railslove

Foto: © Ben Hammer

Jan Kus ist Co-Founder und CEO von Railslove, einer Kölner Agentur für Web-Anwendungen und digitale Produkte, sowie von hack.institute, einem Unternehmen, das kreative Communities mit Corporates zusammenbringt. Hier entstehen Hackathons, Innovation Events und Workshops, die zu einem nachhaltigen Kulturwandel und digitaler Transformation in Unternehmen beitragen. Außerdem hilft Jan Start-ups, ihr Business bestmöglich zu starten und bietet Due Diligence Services für Investor:innen an. In der Vergangenheit war er Mitgründer des Interactive Cologne Festivals, einer gemeinsamen Initiative von Railslove und c/o pop Festival. Seit 2018 begleitet er außerdem an der TH Köln Projektarbeiten von Studierenden, bei denen ein Konzept für ein Produkt oder einen Dienst so weit ausgearbeitet wird, dass ein Entwicklerteam in der Lage ist, den ersten Prototyp zu realisieren.

Als Ende März 2020 die Corona-Pandemie endgültig auch in Deutschland angekommen war – wie erinnern Sie sich an diesen Moment, und ab wann war Ihnen klar, als Geschäftsführer einer Agentur für digitale Produktentwicklung, dass diese Krise die Gesellschaft vor Herausforderungen stellt, zu deren Bewältigung Kreative, wie Sie eventuell entscheidend mit beitragen können?

Die Pandemie fing für mich in Österreich an, während meines eigenen Hackathon-Events „hackberg“ im Rahmen der Skinnovation 2020. Wir sind damals vorzeitig nach Köln abgereist. Ich empfand große Unsicherheit, als Unternehmer wie als Mensch. In Köln angekommen, habe ich mich mit meinem Geschäftspartner Tim ausgetauscht, und gemeinsam haben wir uns auch in unserem NRW-weiten Agenturnetzwerk („Die anonymen Selbständigen“ – ein Zusammenschluss aus Unternehmer:innen aus Aachen, Bochum, Düsseldorf etc.) überlegt, wie wir alle mit der Situation umgehen können.

Denn zwei Dinge waren sehr besorgniserregend: Kunden sind abgesprungen, und mit Blick aufs Konto, verbunden mit der Ungewissheit, wie lange die Situation anhält, war schnell klar, dass auch wir als Agentur eine Liquiditätsplanung für die Bank vorbereiten mussten, was wir dann auch getan haben. Nach dem ersten Gefühl von „Nicht-weiter-Wissen“ haben wir uns auf unsere Stärken besonnen. Wir sind als Railslove gut aufgestellt, konnten gut wirtschaftlich handeln und die Gehälter unserer Mitarbeiter:innen weiter bezahlen. Es gab nur keinen neuen Auftrag. Um zu verhindern, dass wir unsere Leute in Kurzarbeit schicken mussten, haben wir uns kreative Arbeit gesucht. Mit dem ersten Lockdown war uns allen schnell klar, dass wir auf unsere Art helfen mussten. Gemeinsam mit KölnBusiness, der Wirtschaftsförderung der Stadt Köln, haben wir die Gutscheinplattform „Veedelsretter“ programmiert, um die lokale Wirtschaft zu unterstützen. Wir haben alles in Form eines Hackathons innerhalb weniger Tage auf die Beine gestellt. Binnen vier Wochen hat die Plattform 500.000 Euro für die lokalen Händler eingebracht. Inzwischen sind es 800.000 Euro plus 150.000 Euro an Solidaritätsbeiträgen. Wir sind froh darüber, dass wir mit unseren Skills die lokale Wirtschaft auf digitale Weise unterstützen konnten. Das Ganze war ein großer Motivationsschub für das gesamte Team und für die Agentur als Unternehmen, schließlich hatten wir 250.000 Euro Opportunitätskosten investiert. „Veedelsretter“ blieb nicht nur in Köln, sondern die Idee wurde mit Unterstützung der GLS Bank in Bochum unter der Domaine bleibtbunt.de NRW-weit ausgerollt.

Als mittelständisches Unternehmen mussten Sie sich auf die neue Situation einstellen, Homeoffice, digitale Meetings, eventuell Kurzarbeit… Parallel aber haben Sie bereits neue Produkte wie z.B. recover, eine Lösung zur digitalen Nachverfolgung von Kontaktdaten, entwickelt, das Start-up-Bündnis „Wir für Digitalisierung“ gegründet, sich mit Politik und Verwaltung auseinandergesetzt. Mit welcher Strategie kämpft man erfolgreich an so vielen Fronten?

Meine Strategie ist die Motivation. Motivation bringt volle Batterien. Mit vollen Batterien ist man nicht mehr zu halten, so wie das Batterie-Häschen aus der Werbung… New Work und Remote Work bedeutete für Railslove keine große Veränderung, weil wir immer schon remote gearbeitet haben, sogar europaweit. Natürlich war die Herausforderung, remote Arbeiten als „Büro“ zu definieren. Man hat sich noch stärker mit den dafür zur Verfügung stehenden Tools auseinandersetzen müssen. Das hat uns noch mehr verdeutlicht, wie wir asynchron noch besser arbeiten können. Nachdem „Veedelsretter“ ein Erfolg war und der Lockdown zu Ende, hat die Gutscheinplattform natürlich nicht mehr so viele Ressourcen gebraucht. So haben wir gemeinsam mit unserem Gastronetzwerk überlegt, was man – aufbauend auf dem, was von der Politik gefordert wird – vereinfachen kann. In der Corona-Schutzverordnung haben wir gesehen, dass analoge Vorgaben entstehen, die sich recht schnell digitalisieren lassen. So ist recover entstanden. Diese Open-Source-Lösung, ohne App-Download, wurde mit Fokus auf Kontaktdatenerfassung entwickelt. Wir wussten auch, dass es viele andere Player gibt, die an der gleichen Idee arbeiten (z.B. im Hackathon #WirvsVirus).

Während der großen, einseitigen und prominenten Medienberichterstattung über die LUCA App habe ich das Bündnis „Wir für Digitalisierung“ gegründet, um sowohl der Politik und der Verwaltung als auch den Medien zu zeigen, dass es eine große Vielfalt von Start-ups und Kreativen gibt, die u.a. ehrenamtlich (!) Open-Source-Lösungen zur Kontaktnachverfolgung programmieren. Mit der Gründung der Initiative wollte ich bezwecken, dass die Start-ups und Unternehmen, die sich mit Herzblut engagieren und durch öffentlich geförderte Hackathons Lösungen entwickeln, genauso wahrgenommen werden müssen wie die LUCA App. Übrigens: Wir haben uns später auch eine prominente Unterstützung ins Team dazu geholt: Eko Fresh. Da Ekos und unser Mindset ähnlich ist – nämlich, sich für gute (digitale) Projekte einzusetzen, hat das ganz gut gepasst.

Es bedarf dazu einer ehrlichen und transparenten Kommunikation zwischen Start-ups, der Politik und Verwaltung. Natürlich war ich, wie man in den Social Media-Kanälen lesen konnte, verärgert über die einseitige Berichterstattung und über die unterschriebenen Verträge mit der LUCA App, weil sich die Politik hier blind auf ein Produkt gestürzt hat, ohne die Marktsituation genau zu analysieren. Diese Meinung unterstreicht auch ein Gerichtsurteil in Mecklenburg-Vorpommern. Und gut, dass das Land NRW und das Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen​​ (MWIDE) die Vielfalt erkannt und sich gegen LUCA und für eine pluralistische Lösung entschieden haben (IRIS-Gateway), an deren Entwicklung meine Firma maßgeblich mitgewirkt hat. Was ich mir wünsche, ist einfach einen intensiveren Dialog zwischen Start-ups, Politik und Verwaltung und auch innerhalb der Verwaltung. Hier gibt es noch sehr viel Nachholbedarf.

Mit der Open-Source-Software recover haben Sie mit Ihrem Team 2020 in sehr kurzer Zeit eine Anwendung entwickelt, die Besucher:innen von Gastronomie und Veranstaltungen sowie dem Gesundheitsamt den schnellen und sicheren Austausch von Kontaktdaten ermöglicht. Trotzdem berichten Sie auf Ihrer Homepage, die Politik habe zunächst wenig Interesse an solchen Lösungen gezeigt. Was hätte da besser laufen können?

Wie gesagt, die Kommunikation muss sich verbessern. Kleinere Unternehmen wie z. B. Railslove können große Probleme lösen: Wir haben nicht nur Veedelsretter und recover gebaut. Wie schon eben erwähnt, haben wir zusammen mit der Björn Steiger Stiftung das IRIS-Gateway programmiert (eine pluralistische Softwarekomponente zur Kombination der Kontaktdatenerfassungssoftware mit den Gesundheitsämtern). Für die Endnutzer:innen haben wir, zusammen mit der Stadt Köln, die pluralistische Lösung „Meine Checkins“ gebaut, eine App für alle Check-in-Dienste für die Endnutzer:innen. Und weiterhin haben wir, wieder in der Zusammenarbeit mit der Stadt Köln, die digitalen Gesundheitszertifikate eingeführt, als einzige Kommune in Deutschland. Diese Entwicklungen sind in Köln entstanden, in enger Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt und der städtischen IT, federführend durch den stellvertretenden Amtsleiter Frank Bücher. Das war der Schlüssel zum Erfolg. Die Stadt Köln hat im Laufe des Jahres viele Start-ups in den Krisenstab eingebunden, um sofort auf pragmatische und schnelle lösungsorientierte Ansätze zu kommen.

Auch die Zusammenarbeit mit dem MWIDE des Landes NRW war sehr fruchtbar in der gemeinsamen Ausarbeitung des IRIS-Gateways. Hier war die treibende Kraft unser CIO, Herr Prof. Dr. Andreas Meyer-Falcke. Gemeinsam haben die Stadt Köln, das MWIDE und Railslove interdisziplinär eine Lösung auf den Markt gebracht, die auch außerhalb von NRW großen Anklang fand (z. B. darfichrein.de aus Bayern und Gastident aus Soest). Das Erfolgsrezept ist, dass wir nicht klein oder nur auf Landesebene denken dürfen.

„Die Corona-Krise hat deutlich gemacht, dass Deutschland in Sachen nachhaltige Digitalisierungsstrategie noch in den Kinderschuhen steckt“, schreiben Sie ebenfalls auf Ihrer Homepage. Wo sehen Sie trotz allem Fortschritte, die in den letzten zwei Jahren gemacht wurden? Was macht Ihnen Hoffnung? Und wo sehen Sie noch die größten Herausforderungen?

Die Fortschritte, nach denen Sie fragen, sind die interdisziplinären Vorgehensweisen wie eben beschrieben. Das ist für mich auch eine neue Erkenntnis. Als Start-up haben wir immer so getickt. Die vom Bund geförderten Hackathons #WirvsVirus und „Update Deutschland“ haben gezeigt, dass innovative Lösungen von Start-ups ausdrücklich gewünscht sind. So sind auch die Impfzertifikate in Köln entstanden. Als Paradebeispiel möchte ich die Corona Warn App nennen, die als erste vernünftige, wirklich durchdachte Open-Source-Lösung vom Bund beauftragt wurde. Hier wurde das Budget für die Krisenbewältigung vernünftig investiert. Die größten Herausforderungen diesbezüglich sind, dass meiner Meinung nach mehr junge Kompetenz auf Entscheiderebene in der Verwaltung involviert sein sollte, sowie der noch fehlende, sogenannte Digitalmut. Hierbei gibt es zwei Herausforderungen. 

Zum einen wird bei Verordnungen und Gesetzen immer analog gedacht, was sich ändern sollte. Zum Beispiel werden Gesetze immer auf einfache Sprache und Barrierefreiheit geprüft, warum nicht auch auf Digitalfähigkeit?

Zum anderen das Thema User Experience Design: Bei der digitalen Produktentwicklung ist das ein geläufiges Thema, aber nicht in der Politik. Die Corona-Schutzverordnung wird beispielsweise ausschließlich aus der rechtlichen Perspektive geschrieben, man denkt dabei aber kaum an die Endnutzer:innen – obwohl es aber die Bürger:innen sind, die sie verstehen müssen und die die digitalen Lösungen anwenden (Stichwort: User Experience, agile Softwareentwicklung). Mit der agilen Softwareentwicklung ist die agile Förderung von Land, Bund und Kommunen gemeint. Es ist schwer bzw. sehr schwer, als kleines Unternehmen an öffentlichen Ausschreibungen erfolgreich teilzunehmen, weil sie nicht mit den Großen der Wirtschaft konkurrenzfähig sind (z. B. Festpreise, Abrechnungsthemen etc.). Das sollte sich ändern.

Sie beschäftigen sich auch intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit, und zwar weit über den Horizont der reinen CO2-Reduktion hinaus. Welche Rolle spielen Ihrer Ansicht nach kreative, digitale Innovationen in diesem Prozess?

Nachhaltigkeit ist mehr als nur klimaneutrales Denken. Digitale Innovationen können kurzfristig einen guten Beitrag zur Aufklärung bieten, etwa zu den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen, zu denen z. B. gesundes Leben und Bildung für alle oder nachhaltige Städte und Gemeinden gehören. Langfristig gedacht ist Digitalisierung das Zentrum unseres Lebens. Für alle denkbaren und vielleicht heute noch undenkbaren Themen müssen wir schon jetzt in digitalen Lösungen denken. Das Leben wird immer digitaler, und der Prozess der Digitalisierung in allen Lebensbereichen lässt sich nicht mehr aufhalten. Alle digitalen Innovationen (Impfzertifikate, digitale Kommunikation, Kryptowährung etc.) spielen in naher Zukunft eine große Rolle. Wir sollten dabei in der Entwicklung digitaler Lösungen noch ehrlicher werden. Es sollte noch stärker auf Open Source geachtet werden, damit die Netzneutralität bewahrt wird. Ein weiterer Punkt – am Beispiel Facebook und Co. – ist die digitale Ethik. Digitalisierung muss viel mehr danach hinterfragt werden, wo es pragmatische Ansätze gibt, die man nutzen kann. Railslove hat die Themen Nachhaltigkeit und digitale Ethik als Core Value fest in die Unternehmenskultur integriert. Alle Projekte werden von uns stetig auf diese Werte hinterfragt. Dies ist ein fortlaufender Prozess. Wir sollen, dürfen und müssen digital weiterdenken in den verschiedenen Nachhaltigkeitskategorien, aber nicht zu Lasten der Bevölkerung.

Als Unternehmer setzen Sie sich außerdem mit Team- und Führungskulturen auseinander. Wie sieht Ihre persönliche Vision für die Arbeit der Zukunft aus?

Als Unternehmer beschäftige ich mich schon lange mit dem Thema Führung, und besonders in der Pandemie hieß es, das Team zusammenzuhalten und ihm Orientierung zu geben.

Man sollte Hierarchien transparent machen, eine offene Kultur leben und vorleben. Deswegen haben wir in den letzten Jahren ein Führungscoaching durchlaufen, in dem wir gelernt haben, dass gute Führung und Verantwortung bei jedem selbst anfängt, und erst wenn die zwischenmenschliche Beziehung im Unternehmen geklärt ist, können wir kreativ gute Lösungen für Kunden und für uns selbst anbieten.

Neben der vorher genannten digitalen Ethik und Nachhaltigkeit sind auch Führung und Kultur Core-Elemente in unserer Vision. Wenn ich an Railslove denke, denke ich an ein Unternehmen, in dem die Team- und Kulturvision gleichwertig neben den wirtschaftlichen Aspekten steht. Unsere Mitarbeiter:innen bekommen viel Freiheit (keine Kernarbeitszeiten, Mitspracherecht, Kooperation in strategischen Dingen, bedürfnisorientiertes Arbeiten in geschäftlichen und privaten Situationen). Für mich ist eine gesunde Firmenkultur die Summe aller persönlichen Beziehungen untereinander. Dazu gehören auch eine Vier-Tage-Woche, Sabbaticals, Remote-Arbeit (unser CTO tingelt seit Jahren mit dem Bus durch Europa). Vieles, dem wir uns – auch pandemiebedingt – heute annähern, ist jetzt oder wird in Zukunft Standard sein. Menschen – vor allem in der Kreativszene – werden sich nicht ausschließlich über Gehalt definieren.

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