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Heide Häusler und Dana Bergmann | Internationale Photoszene Köln

Vom 20. bis 22. Oktober veranstaltet die Internationale Photoszene Köln das mehrtägige Veranstaltungsprogramm We Do/Are Photography mit Impulsen, Dialogen, Gesprächsreihen und einem Symposium zu aktuellen Themenfeldern der Fotografie. Ein Gespräch mit Heide Häusler, Geschäftsführung und Künstlerische Leitung, und Dana Bergmann, Projektleitung We Do/Are Photography, über das ambivalente und wandelbare Medium Fotografie und seine Rolle in aktuellen gesellschaftlichen Fragen.        

Die Internationale Photoszene Köln ist vielen Menschen außerhalb dieser Branche weniger bekannt als die Messe photokina, dabei sind beide eng miteinander verbunden. Können Sie uns etwas zur Entstehungsgeschichte, zum Auftrag und zur aktuellen Ausrichtung Ihrer Institution erzählen?  

Heide Häusler: Die Photokina wurde 1950 in Köln gegründet – 5 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs (was ich immer noch höchst erstaunlich finde!). Von Beginn an maß man dem kulturellen Medium der Fotografie im Layout der Messe eine große Rolle bei, man zeigte also ganz selbstverständlich Fotografie auf der Messe – neben eben den großen technischen Innovationen. Der Sammler, Mäzen und Fotografiekenner L. Fritz Gruber spielte hier eine bedeutende Rolle, da er diese Ausstellungen seit den Anfängen auf der Messe höchst erfolgreich organisierte. Im Laufe der Jahre wanderten diese „Bilderschauen“ auch mal auf die andere Rheinseite und wieder zurück zur Messe, bis auf Initiative des Kulturamts der Stadt Köln und der Deutschen Gesellschaft für Photographie 1984 die Internationale Photoszene Köln ins Leben gerufen wurde – als stadtübergreifendes Festival, an dem die gesamte Kunstszene Kölns teilnahm und das immer parallel zur photokina lieft. Messeformat und Fotografiefestival liefen also über 30 Jahre lang als erfolgreiche Partnerschaft miteinander und bildeten gegenseitige Synergien. Es war eine der ersten photokina-Messen 1950 oder 1951, in der ein Zeitzeuge von einer imposanten Eingangshalle berichtet, an deren Wände eine riesengroße „Wolke“ aus Fotografie zu sehen war. Eine Collage unterschiedlichster fotografischer Abbilder, von der künstlerischen Fotografie über die Werbefotografie, die journalistische und die Alltagsfotografie. Diese „Cloud“ sollte ausdrücken, wie massiv die Fotografie schon damals sämtliche Lebensbereiche der Menschen durchströmte – und genau das ist nach wie vor Kernphilosophie der aktuellen Photoszene: Wir widmen uns mit einem künstlerischen und kunsthistorischen Blick sämtlichen Ausdrucksformen der Fotografie, um es mit Timm Rautert zu sagen: „Fotografie ist zu gut, um nur Kunst zu sein!“ Mittlerweile haben wir das stadtübergreifende und partizipative Festival – jede:r kann sich mit einem Ausstellungsbeitrag beteiligen – um kuratorische Kernprojekte erweitert, die etwa wie das Programm „Artist Meets Archive“ auf die zahlreichen fotografischen Archive der Stadt Köln fokussieren und damit einmal mehr deutlich machen, wie wandelbar das Medium der Fotografie in seinen diversen Einsatzbereichen ist. Wir erarbeiten mit der freien Szene Ausstellungen, verstehen uns als Netzwerker für die Fotografie in Köln und entwickeln immer wieder Ideen und Projekte, um das Standortmerkmal der Fotografie sichtbar zu halten – auch nach dem Ende der photokina.

Die Internationale Photoszene Köln widmet sich der künstlerischen Fotografie und verortet sich im Feld von bildender Kunst und Kultur, gleichzeitig sind viele Fotograf:innen solo-selbstständige Unternehmer:innen, die wirtschaftlich denken müssen und z.B. auf Förderungen angewiesen sind. Sitzt die Fotografie hier zwischen den Stühlen und ist manchmal weniger sichtbar?   

Heide Häusler: Sie meinen in einer klaren Lesbarkeit als künstlerisches Medium? Ich stolperte neulich über den sehr interessanten Gedanken der Direktorin von Aperture/New York, dass Kunst viel stärker limitiere, als es die Fotografie jemals tue. Darüber lohnt es sich eine Weile nachzudenken, denn bekannterweise ist die Kunstszene selbst ein recht exklusives Netzwerk mit ganz eigenen Codes und Zugangsbeschränkungen, während die Fotografie so vieles sein kann – eben auch Kunst, aber nicht nur. Wenn es Ausschlussstimmen gibt, kommen die interessanterweise eher aus dieser engen Kunstszene. Und natürlich gibt es innerhalb der Fotografie eine breite Skala an Gebrauchsweisen und Praxen. Was angewandt und was frei und künstlerisch angelegt ist, sieht man dabei recht schnell – aber bisweilen stecken auch in Hochglanzwerbefotografie interessante medienreflexive Momente oder leiht sich die künstlerische Fotografie Vokabeln aus der Glamourwelt der Fashion Shootings. Dieses ambivalente und stets wandelbare des Mediums interessiert uns!

Die technologiegetriebenen Veränderungen, nicht nur des Fotografischen, sondern der Gesellschaft insgesamt, schreiten immer weiter voran. Digitalisierung, Social Media, NFTs … Wie und wohin entwickelt sich das Medium der Fotografie aktuell unter diesen Vorzeichen?

Dana Bergmann: Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass sich durch die technischen Veränderungen immer mehr Möglichkeiten ergeben – sowohl thematisch als auch in der Umsetzung – und dass das Medium sowohl im digitalen als auch im analogen zwar mehr Raum einnimmt, aber gleichzeitig noch schnelllebiger und flüchtiger wird, als es ohnehin schon ist. Aber ich freue mich darauf, im Rahmen unserer Veranstaltung unter dem Chapter-Titel „The Medium and US: Photography in Progress“ diese Entwicklungen weiter auszuführen und in ihrer Vielfältigkeit sowohl aus künstlerischer als auch wissenschaftlicher Perspektive zu besprechen.

We Do/Are Photography soll auch eine Plattform für den Austausch zwischen Wissenschaftler:innen, Kurator:innen und Künstler:innen sein. Inwieweit vernetzt sich die Fotoszene auch über die Branche hinaus, insbesondere innerhalb von NRW? 

Dana Bergmann: Wir möchten zu aktuellen Fragen sowohl der Gesellschaft als auch der Fotografie in den Dialog gehen. In diesem Zusammenhang ist es für uns besonders wichtig, mit Akteur:innen zusammenzukommen, die sich mit diesen akuten wie zeittypischen Fragen beschäftigen. Neben den Künstler:innen selbst sind dies vor allem auch die Professor:innen und Wissenschaftler:innen der Hochschulen, an denen das Medium Fotografie gelehrt wird, sowie die Kurator:innen und Wissenschaftler:innen an den Institutionen und Kutureinrichtungen, die sich diesen Fragen vor Ort im Rahmen von zeitgenössischen Ausstellungen und Vermittlungsprogrammen widmen. Als Standort ist NRW ganz besonders in Bezug auf die Ausbildung und Lehre interessant, hier gibt es eine außerordentliche Dichte an vielfältigen fotografischen Ausbildungsstätten. Diese wollen wir genauer in den Blick nehmen und vor dem Hintergrund aktueller technologischer Entwicklungen des Mediums betrachten.

Unter dem Titel „The World and Us – Photography and Climate Change“ beschäftigt sich We Do/Are Photography auch mit der Frage nach der Nachhaltigkeit von Fotografie als Teil des Kulturbetriebs. Gibt es hier beispielhafte Projekte aus der Fotoszene, wie weit ist die Branche auf diesem Weg schon vorangekommen?  

Dana Bergmann: Eine aktuelle Ausstellung im MKG Hamburg („MINING PHOTOGRAPHY. Der ökologische Fußabdruck der Bildproduktion“) widmet sich der Materialgeschichte der Fotografie und stellt die Produktion von Fotografien in einen historischen Zusammenhang (ausgehend vom Rohstoffverbrauch wie z.B. Silber bis hin zum CO2-Ausstoß, der durch die Speicherung unseres immer weiter anwachsenden digitalen Konvolutes an Bildern entsteht) und in den Kontext des Klimawandels. Daneben sind künstlerische Einzelpositionen zu nennen, wie die Künstlerin und Professorin Beate Gütschow, die sich in ihrem Forschungsfreisemester gänzlich Fragen und Themen rund um den Klimaschutz gewidmet hat und auch selbst aktiv geworden ist, oder der Künstler Gregor Sailer, der zu politisch komplexen Sachverhalten außerordentlich vielfältig und dicht recherchiert, eine wahnsinnige Vorarbeit leistet und dann mithilfe seiner Bilder konkrete Situationen oder Missstände sichtbar macht, die ansonsten eigentlich im Verborgenen bleiben und nicht zugänglich oder erfassbar wären. Daneben – wenn auch nicht auf das Medium Fotografie spezialisiert – ist mit dem Sinclair-Haus (ein interdisziplinäres Ausstellungshaus für Kunst und Natur in Bad Homburg – Anm. d. Red.) eine Institution zu nennen, die immer auch die Natur und unser Verhältnis zu ihr in den Vordergrund stellt und das Zusammenwirken von Kunst und Natur bzw. Natur, Kultur und Wissenschaft betrachtet. Aber natürlich sind dies nur einzelne Beispiele, und der Kunstbetrieb muss sich den drängenden Fragen des Klimawandels stellen und sich dahingehend in Gänze umorientieren.

Heide Häusler: Wir freuen uns übrigens, den Kurator Moritz Ohlig vom Sinclair-Haus bei „We Do/Are Photography“ begrüßen zu dürfen! Mit „Ewiges Eis“ eröffnet das Haus dieser Tage eine Ausstellung mit vielen interessanten fotografischen Positionen.

Seit 2019 steht fest, dass in NRW ein Bundesinstitut für Fotografie entstehen soll. Seitdem wird über einen möglichen Standort diskutiert, sowohl Düsseldorf als auch Essen sind im Rennen. Haben Sie eine Präferenz diesbezüglich, und was versprechen Sie sich von diesem Projekt für Ihre Arbeit?

Dana Bergmann:  Dass es ein Bundesinstitut für Fotografie geben soll, drückt die Bedeutung bzw. die Anerkennung der Bedeutung des Mediums aus, was mich sehr freut. Von dem Institut erhoffe ich mir eine grundsätzliche Verwebung, Vernetzung und Sichtbarmachung fotografischer Aktivitäten am Fotostandort NRW.

Heide Häusler: Dem kann ich nur zustimmen! Es ist sehr schade, dass man zurzeit statt inhaltlicher Debatten über ein „Wie?“ eher Diskussionen und einzelne Statements zu einem „Wo?“ lesen und hören kann. Ich hoffe, dass dieses Vorhaben überhaupt realisiert wird, und freue mich dann, auch aus Köln heraus wichtige Impulse für eine solche Arbeit geben zu können.  

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