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Dr. Olaf Arndt | Prognos AG

Dr. Olaf Arndt studierte Wirtschaftsgeographie und ist Vize-Direktor und Bereichsleiter „Stadt und Region“ bei der Prognos AG. Eine wichtige Rolle bei seiner Arbeit nehmen die Themen Kultur- und Kreativwirtschaft, Marktpotenziale für den Mittelstand, Fachkräftesicherung, Innovationsstrategien und dialogorientierte Strategieprozesse ein. Er ist Mit-Autor der bundesdeutschen Grundlagenstudie aus dem Jahr 2006 zur Ermittlung der gemeinsamen charakteristischen Definitionselemente der heterogenen Teilbereiche der „Kulturwirtschaft“ zur Bestimmung ihrer Perspektiven aus volkswirtschaftlicher Sicht. Zudem leitete er die jüngsten Kreativ-Reports NRW.

Herr Dr. Arndt, gemeinsam mit Ihrem Team von Prognos haben Sie auch in diesem Jahr die neuesten Zahlen und Fakten zur Kultur- und Kreativwirtschaft in NRW erhoben. Wo und wie stellen sich die größten Veränderungen dar?

Die aktuelle Studie zeigt: Die Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft in NRW wächst weiter. Umsatz und Erwerbstätige stiegen von 2015 bis 2018 um 2,6 Prozent bzw. 1,3 Prozent. NRW ist das Kreativwirtschaftszentrum in Deutschland – mit 39,8 Mrd. Euro ist NRW stärker als Bayern (37,5 Mrd. Euro), Baden-Württemberg (26,3 Mrd. Euro) oder Hessen (14,5 Mrd. Euro), aber auch stärker als die Kreativzentren Berlin (14,2 Mrd. Euro) oder Hamburg (13,0 Mrd. Euro). NRW trägt damit zu fast einem Viertel des Gesamtumsatzes der gesamtdeutschen Kultur- und Kreativwirtschaft bei. Auffällig ist, dass sich die Designwirtschaft immer dynamischer entwickelt. Sie hat sowohl bei Umsatz als auch Beschäftigung den Pressemarkt überholt und positioniert sich nun als zweitstärkster Teilmarkt.

Welche Teilbranchen sind, wirtschaftlich gesehen, momentan die relevantesten? 

Werbung, Design, Presse und Buch sind die umsatzstärksten Teilmärkte; sie erwirtschaften zusammen knapp zwei Drittel des Gesamtumsatzes der Kultur- und Kreativwirtschaft. Zu den beschäftigungsstärksten Teilmärkten zählen die Bereiche Software/Games, Werbung, Design und Presse. Hier sind 70 Prozent aller Erwerbstätigen in NRW beschäftigt.

Werbemarkt und Designwirtschaft gehören zu den umsatzstärksten Branchen. Mit welchen Kompetenzen kann NRW in diesen Bereichen besonders punkten?

Grundsätzlich gibt es viele Überschneidungen zwischen der Designwirtschaft und dem Werbemarkt, insbesondere im Bereich der Werbegestaltung. Dies gilt folglich auch für die Kompetenzen, die diese Teilmärkte am Standort bündeln. In Düsseldorf etwa liegt das Zentrum der deutschen Werbebranche. Große internationale Akteure der Werbewirtschaft haben hier optimale Bedingungen für sich gefunden, wovon u. a. der unternehmerische Erfolg zeugt. Das Rheinland insgesamt ist aber auch attraktiver Sitz der großen Mediaagenturen. Mit Ströer SE & Co. KGaA hat zudem einer der weltweit größten Vermarkter von Außen- und Onlinewerbung seinen Sitz in Köln.

Die Designwirtschaft wird auch immer stärker und entwickelt sich dynamisch. Sie scheint besonders von der digitalen Transformation zu profitieren. Design heute ist mehr als Produkt- und Grafikdesign, vielmehr sind die Erfolge der Digitalisierung ohne Kommunikations- und Interface-Design genauso undenkbar wie die Zukunft von Industrie 4.0 ohne Design-Thinking.

Gibt es eine Branche, die besonders im Kommen ist, und was sind dabei ihre Besonderheiten?

Besonders dynamisch entwickeln sich die Teilmärkte Software/Games, Darstellende Künste und Architektur. In diesen Teilmärkten sind die höchsten Wachstumsraten sowohl für Umsatz als auch Beschäftigung mit jeweils mehr als 10 Prozent im Zeitraum 2015 bis 2018 zu beobachten. Insbesondere die Software- und Games-Industrie zeigt durch die Vernetzung der verschiedenen kulturellen Sparten wie Film, Video, Musik, Text oder auch Animation das besondere Potenzial der Digitalisierung.

Im Bereich Darstellende Künste beobachten wir ein Wachstum insbesondere bei den Einzelakteuren und unabhängigen Darstellergruppen. Das Gründen einer eigenen Spielstätte wird von diesen Akteuren weniger verfolgt; dies ist allerdings heutzutage auch nicht mehr zwingend notwendig. Mittlerweile können Kulturschaffende auf vielfältige alternative Spielstätten zurückgreifen und sich neue Strukturen der Produktion und Realisation zu Eigen machen. Das lässt sich eindrucksvoll an der Form und Art des Spiels beobachten; Performance erfährt zurzeit eine recht erfolgreiche Phase.

Der Architekturmarkt profitiert derzeit von der guten Konjunktur, den niedrigen Zinsen für Baukredite und einem stabilen Arbeitsmarkt. Auch technologische Aspekte sind für Architekten relevant. Das betrifft in erster Linie Neuerungen rund um die Gebäudetechnik, insbesondere zur Senkung des Energieaufwands für Strom, Heizung und Kühlung. Hieraus ergeben sich neue Arbeitsfelder in der Beratung, Planung, Projektmanagement usw. Im Rahmen der Digitalisierung sehen wir, dass Building Information Modeling (BIM), Intelligente Gebäudetechnik, Ambient Assisted Living, Smart Meter wichtige Impulsgeber sind.

Die Zahl der Erwerbstätigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft Nordrhein-Westfalens nimmt stetig zu. Gibt es auch hier eine nennenswerte Besonderheit?

Rund 300.000 Erwerbstätige bzw. 3,8 Prozent der Gesamtbeschäftigung sind in der Kultur- und Kreativwirtschaft in NRW beschäftigt. Berücksichtigt man zudem die Mini-Selbstständigen, erhöht sich die Zahl sogar auf rund 400.000 Erwerbstätige. Erfreulich: Mehr als die Hälfte gehen mittlerweile einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach, und die Zahl der geringfügigen Beschäftigung (-30 Prozent p.a.) geht zurück. Eine Besonderheit ist der hohe Beschäftigungsanteil bei Frauen. Eine weitere Auffälligkeit ist die überdurchschnittlich hohe Qualifikation. Mit einem Anteil von 29 Prozent sind in der Kultur- und Kreativwirtschaft wesentlich mehr Akademiker beschäftigt als in der Gesamtwirtschaft (13 Prozent).

Wenn Sie eine Prognose wagen sollten: Wo wird die Reise in der Kultur- und Kreativwirtschaft Nordrhein-Westfalens in den nächsten Jahren hingehen? Welche Branchen werden besonders stark an Bedeutung gewinnen, für welche könnte es schwieriger werden?

Die Teilmärkte, die Schnittmengen zur Digitalisierung haben, werden sich besonders stark wandeln. Eine ernsthafte Herausforderung durch die Digitalisierung erleben derzeit vor allem die Film-, aber auch die Werbewirtschaft. Ein Blick in die Untiefen der Statistik zeigt, dass der Bereich Werbegestaltung besonders stark betroffen ist. Hier macht sich die zunehmende Etablierung weltweiter Sourcing-Plattformen bemerkbar, die enormen (vor allem preislichen) Druck auf die hiesigen Kreativen ausüben. Daneben birgt z.B. die Abkehr vom Medium Fernsehen, das vor allem bei Jüngeren zu beobachten ist, aber auch Chancen. So ist Köln einer der führenden Standorte für YouTuber. Diesen Standortfaktor kann man ausbauen

Mit einer Bruttowertschöpfung von 20,8 Milliarden Euro hat die Kultur- und Kreativwirtschaft in NRW eine ähnlich hohe wirtschaftliche Kraft wie die Metallindustrie oder der Maschinenbau. Warum wird sie in der Öffentlichkeit trotzdem zuweilen noch immer nicht entsprechend wahrgenommen? Und was wären Ihre Empfehlungen, um das zu ändern?

In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit stehen immer noch gerne Traditionsbranchen wie Maschinenbau und Metallindustrie, die in NRW seit Jahrzehnten verwurzelt sind. Hier gibt es oft „Hidden Champions“, die den Branchen ein Bild geben. Größere Unternehmen sind bekannter und bleiben im Gespräch. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist wesentlich kleinteiliger. Das Narrativ dreht sich zudem noch zu stark darum, dass die Kreativwirtschaft ein Feld voller Einzelkämpfer ist, mit unsicheren Arbeits- und Lebensverhältnissen, ums kreative Durchbeißen.

Andere Narrative müssen erzählt werden. Die Innovationskraft muss erlebbar gemacht werden. Es braucht Begegnungsorte bzw. interaktive Ausstellungsorte mit dem Ziel, voneinander zu lernen, sich gegenseitig zu inspirieren und praktische Anwendungsszenarien und Ideen auch für Kontexte außerhalb der Kultur- und Kreativwirtschaft zu erarbeiten. Und darum aufzuzeigen, wie beispielsweise Impulse für die KI, die Automotive-Zulieferindustrie, den Mittelstand, die chemische Industrie und die Gesundheitswirtschaft gesetzt werden. Damit wird auch die Verknüpfung von (digitalen) Technologieunternehmen und Kreativunternehmen gefördert. So trägt die Kultur- und Kreativwirtschaft über kreative Methoden für Lösungen von zentralen Zukunftsfragen bei, darunter etwa Mobilität, Digitalisierung und nachhaltige Entwicklung. Kreative haben nicht einfach nur Ideen – sie haben Lösungen. Ohne die Kultur- und Kreativwirtschaft kein Fortschritt für Marken, Menschen, Maschinen.

Foto: © FOTOS Koroll

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