CREATIVE.Talk

Yilmaz Dziewior ist Kunsthistoriker und Kurator für zeitgenössische Kunst und seit Februar 2015 Direktor des Museum Ludwig in Köln. Er studierte in Bonn und London und promovierte zum Thema „Blick durch den Spiegel. Glas als raumdefinierendes Element im Werk von Mies van der Rohe.“ Von 2001 bis 2008 war Dziewior Direktor des Kunstvereins Hamburg und zwischen 2009 und Anfang 2015 leitete er das Kunsthaus Bregenz. Für die Biennale di Venezia 2015 kuratierte er den österreichischen Pavillon. Am 27. Oktober 2017 war Yilmaz Dziewior Panelgast bei der CREATIVE.NRW-Konferenz „Hidden Values – Mehr wert als Geld?“. Im Nachgang sprachen wir mit ihm über den Wert von Kunst, die Bedeutung von Einzigartigkeit und die Kunstszene in NRW.

Herr Dziewior, Sie kommen gebürtig aus Bonn, haben dort studiert und in NRW als freier Kunstkritiker und Kurator gearbeitet, bevor es Sie u.a. nach Hamburg und Bregenz zog. Wie haben Sie die hiesige Kunstszene damals und heute erfahren? Ist NRW eine gute Wirkungsstätte für KünstlerInnen?

Während meines Kunstgeschichtsstudiums in den 1990er Jahren war Köln uneingeschränkt die Metropole für zeitgenössische Kunst. Zeitschriften wie „Texte zur Kunst“ und viele der hier ansässigen Galerien sorgten dafür, dass es einen regen Austausch zwischen der internationalen Kunstszene und Köln gab.

Anfang der 2000er Jahre änderte sich das zunehmend, als viele Galerien wie Monika Sprüth oder Aurel Scheibler nach Berlin gingen und die neue Hauptstadt für junge KünstlerInnen attraktiv war. Im Moment können wir eine gegenläufige Bewegung feststellen. Heute ist es eher cool, nach Brüssel oder Köln zu ziehen, wenn man am Anfang seiner Künstlerkarriere steht. Außerdem haben eine Reihe Galerien wie Daniel Buchholz, Gisela Capitain, Karsten Greve und Michael Werner Köln die Treue gehalten. Was zurzeit Kölns Kunstszene besonders attraktiv macht, sind junge Galerien wie Jan Kaps, Marietta Clages, Natalia Hug und Markus Lüttgen, der mit seiner Galerie von Berlin nach Köln gezogen ist. Die Arbeit mit den Ateliers des Kölner Kunstvereins, dessen Ausstellungsprogramm und das der Kunsthochschule für Medien bieten weitere Anreize für junge KünstlerInnen, in Köln zu leben.

Auf unserer Konferenz „Hidden Values – Mehr wert als Geld?“ waren Sie Teil des Panels „Vanity Fair: Der Markt der Einzigartigen“. Wie wichtig ist Einzigartigkeit in der Kunst für den/die KünstlerIn?

Keine künstlerische Position entsteht aus dem Nichts. Viele setzen sich mit der Kunstgeschichte und den Zeitgenossen in Relation. Dabei werden vor allem die Künstler und Künstlerinnen bekannt, die jeweils einen besonderen Beitrag zu aktuellen formalen und inhaltlichen Debatten leisten. Auch wenn ich bei dem Wort „einzigartig“ eher skeptisch bin, so sind die Positionen, die ich besonders schätze, die, die etwas haben, was andere nicht haben.

Tatsache im Kunstmarkt ist, dass die meisten KünstlerInnen nicht von ihrer Arbeit leben können und nur einem Bruchteil der Durchbruch gelingt, d.h. dass ihnen kommerzieller Erfolg und öffentliche Anerkennung zu Gute kommt. Wie beurteilen Sie den Wert künstlerischer Arbeit – wenn man ihn nur in den seltensten Fällen mit monetären Werten gleichsetzen kann?

Nicht selten kommt es vor, dass ökonomische und ideelle Wertschätzung einer Position nicht übereinstimmen. Ein Beispiel wäre Damien Hirst, dessen Werke auf dem Kunstmarkt horrende Preise erzielen, den Sie aber im kritischen Diskurs der Institutionen und Fachzeitschriften vergebens suchen. Umgekehrt gibt es eine Reihe von sogenannten Künstler-Künstlern, die einen großen Einfluss auf eine jüngere Generation haben, wie etwa Michael Krebber, der aber erst jetzt mit Anfang 60 auch Anerkennung auf dem Kunstmarkt gewinnt.

Der Wert des Singulären wird auch in anderen Wirtschaftsbereichen immer wichtiger, um auf den informationsüberfluteten Märkten der Zukunft herauszustechen und zu reüssieren. Was können sich (kreative) UnternehmerInnen von KünstlerInnen abgucken?

In unserer neoliberalen Zeit werden KünstlerInnen immer häufiger als Rollenmodell für das sich selbst ausbeutende Individuum und den stets flexiblen, immerzu kreativen Typus Arbeiter herangezogen. So wie Künstler und Künstlerinnen kein „Weekend kennen“, so wünscht man sich auch die Arbeitswelt. Dass ich davon nicht begeistert bin, können Sie sich vorstellen.

Durch das Internet und die zunehmende Digitalisierung von Daten sind auch Kunstwerke zumindest virtuell jederzeit verfügbar und leichter zugänglich. Hat sich Ihre Rolle als Kurator dadurch verändert?

Durch die zunehmende Digitalisierung von Daten wird die Zugänglichkeit von Kunstwerken erleichtert. Dies erleichtert zum einen meine Arbeit, da ich schneller und unkomplizierter an Informationen herankomme. Aus meiner Sicht stärkt sie aber auch paradoxerweise die Bedeutung der Museen, weil die Erfahrung vor dem Originalkunstwerk vor dem Computer nie erzielt werden kann.

So sind digitale Medien zwar als Vorbereitung auf einen Museumsbesuch durchaus nützlich. Wenn jedoch das Kunstwerk lediglich als Hintergrund für ein Selfie dient, wird die ganze Angelegenheit fragwürdig. Für uns als Institution gilt es, das Spannungsverhältnis zwischen digitaler Vermittlung und dem Erlebnis vor dem Originalkunstwerk auszutarieren.

Neben Köln sind in NRW u.a. Düsseldorf und Essen wichtige Museumsstandorte, die das Land zu einem attraktiven Standort für Kunst und Kultur machen. Wie ist das Verhältnis zwischen den großen Häusern und Städten?

Das Verhältnis zwischen den großen Ausstellungshäusern in NRW ist durch einen sehr freundschaftlichen und wertschätzenden Austausch bestimmt. Einige der dort tätigen DirektorInnen kenne ich schon seit 20 Jahren und teile mit ihnen nicht selten das Interesse an bestimmten inhaltlichen Fragestellungen. Gleichzeitig zeichnen sich die Häuser durch unterschiedliche Sammlungs- und Ausstellungsprofile aus. Die enorme Dichte und hohe Qualität der Kunst des 20. Jahrhunderts und der zeitgenössischen Kunst ist im Rheinland schon ziemlich einmalig.

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