CREATIVE.Talk

Andreas Suika startete seine Karriere beim Ubisoft-Studio Blue Byte und blickt auf über 17 Jahre Berufserfahrung als Level- und Game-Designer und Creative Director zurück. Seit 2013 unterstützt er als Berater Unternehmen bei der Entwicklung von Spielen und Applikationen. 2014 gründete er in Düsseldorf gemeinsam mit Dirk Steepaß das Daedalic Entertainment Studio West. Auf seinem Twitch-Kanal vermittelt er regelmäßig Hintergründe zur Spielentwicklung. Beim diesjährigen Next Level – Festival for Games am 10. November im NRW-Forum Düsseldorf wird Andreas Suika einen Einblick in seinen vielfältigen Tätigkeitsbereich geben und über die Herausforderungen und Einstiegsmöglichkeiten der Games-Branche diskutieren. Im CREATIVE.Talk haben wir vorab schon einmal nachgefragt.

Herr Suika, Sie sind seit über 17 Jahren in der Games-Branche tätig. Wie hat sich die Branche in dieser Zeit verändert?

Das ist kaum in einem Interview angemessen zu beantworten. Eine der einschneidendsten Entwicklungen ist meiner Ansicht nach der digitale Vertrieb. Vor 17 Jahren war es unmöglich, ohne ein Vertriebsnetz ein Spiel an den Kunden zu bringen. Dadurch gab es Gatekeeper, die es nun so nicht mehr gibt. Dass nun eigentlich jeder sein Spiel über Onlinemärkte wie Steam, Apple oder Google Store verkaufen kann, hat positive und negative Aspekte. Es gibt zum Beispiel mehr Indie-Spiele, die was Neues wagen und spannende Impulse setzen. Aber der Markt ist wesentlich kompetitiver geworden. Es ist sehr schwer, in der Masse noch Aufmerksamkeit zu bekommen. Außerdem konkurrieren Spiele nun nicht mehr nur lokal miteinander. Was früher das Regal im Laden war, ist nun das internationale digitale „Regal“, auf dem alle nebeneinander stehen. Heute sind viele Spiele Mainstream und nicht nur das Hobby einiger Weniger – und konkurrieren so mit anderem Zeitvertreib. Es wird anders gespielt als früher, es kamen neue Ein- und Ausgabegeräte hinzu. Die Geschäftsmodelle ändern sich schneller als in den meisten anderen Branchen. Ich habe die Games-Branche immer im ständigen Wandel erlebt, was die Akteure aber alle sehr agil, lösungsorientiert und flexibel gemacht hat.

Sie sind hauptsächlich als Game-Designer tätig und waren mitverantwortlich für erfolgreiche und preisgekrönte Produktionen wie Siedler 4-6 oder Anno. Was treibt Sie täglich an bzw. woher stammt Ihre Leidenschaft für Games?

Es gibt das Erklärungsmodell, dass wir Menschen unsere Fähigkeiten durch das Spielen erwerben. Dem stimme ich zu. Mich faszinieren Spiele in jeglicher Form – vom freien Spiel von Kindern über Planspiele, Brettspiele bis zum digitalen Spiel. Ich bin überzeugt, dass die Interaktivität der Spiele uns Dinge beibringen kann, wie es weder ein Buch oder ein Film kann. Spiele können ein breites Spektrum an Emotionen hervorrufen, da sie auf die gesamte technische, künstlerische und erzählerische Klaviatur zugreifen können. Ich finde es spannend, Wissen und Fähigkeiten mit einem Spiel vermitteln zu können – zum Beispiel logistische Abläufe in „Die Siedler“ oder Flugphysik im All durch „The Long Journey Home“. Mich fasziniert aber auch die Teamarbeit in interdisziplinären Teams mit sehr unterschiedlichem Hintergrund. Die nötige Kommunikation untereinander und der „Dialog“, den man indirekt mit dem Spieler führt, sind mächtige Antriebsfedern für die Schaffenskraft.

Wo liegen die größten Herausforderungen eines Game-Designers und welche Voraussetzungen muss man als angehender Entwickler erfüllen?

Selbst nach so langen Jahren und einigen Projekten stelle ich mir die Frage auch noch sehr oft. Die Spieleentwicklung ist im Vergleich zu den meisten Branchen noch jung. Es gibt noch immer unterschiedliche Vorstellungen, welche Voraussetzungen ein Game-Designer erfüllen muss. Selbst das genutzte Vokabular ist nicht einheitlich. Inspiration kommt oft von außerhalb. Daher sind meiner Ansicht nach eine große Neugier und der Wille, sich immer wieder in neue Themen einzuarbeiten, wichtig. Man sollte Spaß daran haben, Hintergründe zu verstehen. Es hängt sehr stark davon ab, welche Art von Spiel man machen möchte. Es gibt Spiele mit starkem narrativem Fokus oder Spiele, wo komplexe Regelsysteme am Werk sind (und alles dazwischen). Das erfordert oft sehr unterschiedliche Skills. Eine gute Kommunikationsfähigkeit ist unabdingbar, wenn man zusammen mit mehreren, sehr unterschiedlichen Menschen an einem Spiel arbeiten möchte. Meiner Ansicht nach kümmert sich der Game-Designer um den interaktiven Anteil des Spiels. Man sollte also an dieser Art „Dialog“ interessiert sein. Als Creative Director ist man hingegen für das gesamte Erlebnis des Spielers verantwortlich und versucht mit dem Team, darauf hinzuarbeiten.

Wie haben Sie den Einstieg in die Branche geschafft? Welchen Weg würden Sie Berufsanfängern raten?

Ich gehöre zu den klassischen Quereinsteigern der 90er. Eigentlich hatte ich Maschinenbau studiert und nur in den Semesterferien als Tester bei Blue Byte angefangen. Da ich schon immer an der Entwicklung von Spielen interessiert war und privat schon früh am C64 an kleinen Sachen rumgebastelt habe, konnte ich dort die Entwicklung mit Level-Design und Scripten von Tutorials und Missionen unterstützen. Heute ist das anders, aber doch gleich. Viele wollen Spiele machen, aber man trifft in der Branche primär auf Menschen, die schon sehr früh aus Eigenantrieb und mit Herzblut Dinge erstellt haben. Das können kleine Spiele, Zeichnungen oder Brettspiele sein. Dennoch kann man heute nur jedem raten, ein Studium oder eine Ausbildung anzustreben. Selbst wenn man etwas „Klassisches“ wie Mathematik studiert, aber seinen Fokus während des Studiums auf Spiele legt, kann man einen Weg in die Branche finden. Mir hat mein Maschinenbaustudium mehr geholfen, als ich gedacht hätte. Es hat sich viel verändert. Die Branche ist wesentlich offener geworden und strebt den Austausch mit anderen an. Fast jede größere Stadt hat Developer-Treffen wie zum Beispiel regelmäßig das NRW Developer Meetup in Düsseldorf im Super7000. Es gibt Events wie die Quo Vadis oder Respawn, wo man tolle Kontakte knüpfen kann. Die meisten Menschen in der Branche sind offen für Fragen und helfen gerne weiter, wenn sie können.

Ist Nordrhein-Westfalen ein guter Standort für den Berufsstart in der Games-Branche? Warum?

Neben einigen guten Entwicklern, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann, gibt es Universitäten wie das Cologne Game Lab hier in NRW. Zurzeit versuchen wir mit der Hilfe von Blue Byte, dem Medienzentrum und vielen anderen, den Verein games.nrw zu gründen, um die Branche in NRW sichtbarer zu machen. Außerdem gibt es in NRW Förderung, es gibt viele Initiativen wie das erwähnte Developer Meetup, das female game dev meetup, Unity- und Unreal-Gruppen, das Next Level Festival und vieles mehr. Ich empfinde die Developer Community in NRW als eine sehr offene, aktive und hilfsbereite Anlaufstelle.

Die Games-Branche ist die zurzeit wachstumsstärkste und dynamischste Branche der Kultur- und Kreativwirtschaft in NRW. Von 2010 bis 2015 stiegen der Umsatz und die Zahl der Erwerbstätigen um jeweils über 30 Prozent. Ein Grund ist die zunehmende Digitalisierung. In welchen Branchen und an welchen Schnittstellen sehen Sie das größte Potenzial für Games-Anwendungen?

In viel mehr, als man sich im ersten Moment vorstellen mag. Ich bin überzeugt, dass wir in der Spielebranche oft sehr weit vorne an neuen Technologien arbeiten: AR, VR, Visualisierung, grafische Engines, Datenbanken, um einige wenige zu nennen. Auch wenn das Wort etwas inflationär verwendet wurde, ist der Kerngedanke hinter „Gamification“ ein richtiger. Durch Methoden und Ansätze zu versuchen, mehr „Spaß“ in die tägliche Arbeit zu bekommen, kann funktionieren, wenn man es mit der richtigen Motivation und den richtigen Methoden versucht. Wir haben fast alles, was es braucht, um Arbeitsprozesse in AR oder VR zu visualisieren und zu steuern. Wir beschäftigen uns mit der Vermittlung von Wissen, und wir kennen uns mit allem Interaktiven wie Interfaces aus. Es ist eine Herausforderung, die entsprechenden Kompetenzen zusammenzubringen. Wir haben Lösungen auf Fragen, die wir nicht kennen und die die „klassische“ Industrie alleine nicht stellen kann. Ich stelle immer wieder mit großem Enthusiasmus fest, dass man tolle Dinge erschaffen kann, wenn man erstmal ein gegenseitiges Verständnis erreicht hat. Daher freue ich mich auch immer sehr auf so interdisziplinäre Konferenzen und Festivals wie das Next Level Festival, um dort neue Menschen aus den Bereichen Bildung, Wirtschaft und Kunst kennenlernen zu können.

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