CREATIVE.Talk

Daniel Ullrich ist Kind des Ruhrgebiets. Bereits mit 16 Jahren hat er angefangen, bei RWE (jetzt innogy) in Essen zu arbeiten. Dort hat er seit Beginn seiner Karriere stets an altgedienten Produkten, Vorgehensweisen und Einstellungen gerüttelt und ist aktuell Verantwortlicher für die Transformation hin zu einem leanen, agilen und digitalen Unternehmen. Daniel hat Elektrotechnik studiert, ist Lean Expert / Master Black Belt sowie Organisationscoach und Mentor von aufstrebenden Talenten wie Start-ups. Zudem ist Daniel Ullrich Co-Founder von „TEAM i“ und Mitglied bei den Insane Urban Cowboys (CREATIVE.Space 2019) – einem Zusammenschluss von Gelsenkirchener Kreativen.

Im Zuge der fundamentalen Transformation aller gesellschaftlichen und ökonomischen Bereiche durch die Digitalisierung befindet sich auch das Konzept der „Arbeit“ in einem Veränderungsprozess. Mit dem Metathema „Good Work“ möchte CREATIVE.NRW mithilfe der CREATIVE.Spaces Schlaglichter auf den großen Überbegriff New Work werfen. Was verbirgt sich für Sie persönlich hinter dem Begriff New Work bzw. Good Work?

Natürlich sind es gerade nicht nur diese offensichtlichen Dinge, die häufig als Symbole gedacht, aber leider manchmal auch nur halbherzig gemeint sind. Ich bin der Überzeugung, dass Unternehmen ihren Anspruch an Arbeit heute und künftig mehr denn je an den Lebensmodellen und -wirklichkeiten der Menschen ausrichten müssen. Das liegt vor allem daran, dass wir gerade die Evolution der Ansprüche der Arbeitenden an Arbeit erleben, und es ist ein Segen, dass wir die ökonomischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür haben. Es geht heute um viel mehr als um Lohnarbeit und den Austausch von Bezahlung gegen Anwesenheit bzw. Arbeitsleistung. New Work bzw. Good Work ist insofern für mich eine Haltung, welche meine aktuelle Lebenswirklichkeit berücksichtigt und mir die Möglichkeiten bietet, selbst zu wählen. Zum Beispiel, woran ich arbeiten möchte, für wen, wie lange, von wo und mit wem. Good Work stellt den Menschen in den Mittelpunkt von Arbeit. Damit kommt das Konzept meiner arbeitsromantischen Idealvorstellung sehr nahe, daher bin ich Fan und Verfechter!

Sie arbeiten seit fast 20 Jahren für das Unternehmen innogy SE (vormals RWE AG) und leiten dort das Programm New Ways of Working. Was ist hier der Kern Ihrer Arbeit?

Wir kümmern uns um die Transformation des Unternehmens. Weg von einem reaktiven, langsamen, nach innen gerichteten, sehr traditionellen Energieversorger, hin zu einem kundenzentrierten, mutigen, schnellen und innovativen Unternehmen. Hierzu haben wir in zehn innogy Arbeitsweisen zusammengestellt, was „gute Arbeit“ für uns bedeutet. Dem Ganzen liegen vor allem Methoden und Glaubenssätze aus Agile, Lean und Change Management zu Grunde. Unseren Erfolg messen wir in den vier für uns wichtigsten Dimensionen: Kundenzufriedenheit, Mitarbeiterzufriedenheit, OHI* und Finanzen. Die Veränderung der Art, wie gearbeitet wird, erreichen wir nicht dadurch, dass wir sagen, was jeder nun bitte anders machen soll, sondern dadurch, dass wir Veränderungsprozesse hin zu neuen Arbeitsweisen aktiv und über lange Zeit begleiten. Themen wie schnelles Ausprobieren, Fehlertoleranz und Selbstreflexion sind hierfür besonders wichtig.

*Organizational Health Index, sozusagen der Gesundheitszustand der Organisation, bei dem auf Themen wie Führung, Außenorientierung, Vertrauen und Strukturen geschaut wird.

Welche Strukturen braucht es, um neue kreative Arbeitsmethoden in großen Unternehmen nachhaltig umzusetzen?

Wenn es um ein erstes Ausprobieren geht, reicht es häufig, gewisse „Experimentierumgebungen“ zu schaffen und dem einen oder anderen Thema oder Projekt bewusst die Freiheit zu geben, die Dinge anders als bisher üblich anzugehen. Im besten Fall gefällt es vielen Leuten, und es finden sich Nachahmer. Solche Graswurzelbewegungen sind sehr hilfreich und können gut als Belege dafür genutzt werden, dass es auch anders geht und dass ausprobiert und getestet werden darf – Stichwort Fehlerkultur –, so lange am Ende daraus gelernt wird.

Um ein Unternehmen ernsthaft und nachhaltig zu transformieren, braucht es dann noch etwas mehr: den unbedingten und langanhaltenden Willen der Organisation. Dieser entsteht häufig erst, wenn es an der einen oder anderen Stelle schon gehörig weh tut. Eine klare Erwartungshaltung „von oben“ und eine gewisse Nachvollziehbarkeit der Notwendigkeit in der breiten Belegschaft sind wichtige Bausteine. Das WHY – HOW – WHAT beantworten zu können, hilft immer.

Auf der Reise gilt es dann, konsequent und herausfordernd zu sein und zu bleiben. Bei Veränderungen reagieren Menschen wie Organisationen zunächst mit Abwehr. Es wird sozusagen das Immunsystem ihres Unternehmens aktiv, und hier darf man nicht direkt klein beigeben. Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht zu weit vom Rest der Organisation entkoppelt sein. In den einzelnen Bereichen ist man darauf angewiesen, auf offene Ohren, offene Herzen und im besten Fall viel Motivation zum Mitmachen zu treffen. Hierbei kann es sehr hilfreich sein, die Arbeit mit internen Leuten zu begleiten.

Wir setzen unser Transformationsprogramm größtenteils mit unseren eigenen Leuten um, die wir gesondert dafür ausgebildet haben. Externe Experten und Berater sollte man mit Sicherheit anhören und auch zeitweise dazu nehmen, allerdings braucht es für eine dauerhafte Akzeptanz eigene Leute, die das Thema treiben. So eine Transformation eines Unternehmens dieser Größe braucht seine Zeit. Vor allem, wenn es nachhaltig sein soll, reden wir durchaus von sieben bis zehn Jahren. Wir arbeiten hier bereits seit über fünf Jahren daran und haben gerade einmal etwas mehr als die Hälfte des Weges

Neben Ihrer Tätigkeit bei innogy SE sind Sie auch Mitglied bei den Insane Urban Cowboys, einem Zusammenschluss aus Gelsenkirchener Künstler*innen, Kulturmacher*innen und kreativen Unternehmer*innen, die an das Potenzial ihrer Stadt glauben und den Stadtteil Ückendorf gemeinsam wieder kreativ beleben wollen. Was dürfen die Teilnehmer*innen der Roadshow am 26. September in Gelsenkirchen erwarten? Von welcher Seite werden sich die IUC dem Thema „Good Work“ nähern?

Zunächst einmal zeigen wir allen Gästen gerne, was man Schönes machen und erreichen kann, wenn man selbstbestimmt und mit viel Energie Dinge macht, von denen man überzeugt ist und bei denen man eben selbst entscheidet, woran man arbeitet, für wen, wie lange, von wo und mit wem – und dass sogar der Sinn und Zweck und das spätere Ergebnis wertvoller sein können als eine reine Vergütung.

Auch wir wollen unseren Beitrag zur Transformation leisten – der Transformation des Stadtteils Ückendorf, der Stadt Gelsenkirchen und der ganzen Region. Dabei erleben wir auch immer wieder spannende Konstellationen. Zum Beispiel, wenn wir als Verein mit vielen kreativen und etwas verrückten Köpfen auf die logischerweise und ihrer Aufgabe entsprechend etwas nüchternere und weniger verrückte Stadtverwaltung treffen. Solche potenziellen Konflikte oder Kultur-Clashes gibt es an vielen Stellen immer wieder. Gerne wollen wir überlegen und diskutieren, wie vor allem Kreative und Künstler hier immer wieder Akzente setzen und wirksam intervenieren können. Mehr verrate ich nicht, sonst muss ja niemand mehr vorbeischauen (lacht).

Augmented Reality und Virtual Reality spielen bei den Insane Urban Cowboys eine tragende Rolle, etwa beim Places_Festival, dem ersten Virtual-Reality-Festival, oder Creative_Places, einer Wohn- und Arbeitsgemeinschaft für VR-Künstler*innen – inwiefern unterstützen diese Technologien bei der Umsetzung der Ideen und Ziele der IUC? 

Kreative und Künstler*innen haben sich schon immer aller verfügbaren Medien, Methoden oder Gegenstände bedient, um ihren Aussagen, Darstellungen oder Positionen Ausdruck zu verleihen. Die AR/VR-Technologie hat nach vielen Jahren eine Reife erreicht, die eine einfache und komfortable Anwendung möglich macht. Das Thema ist bei uns relativ früh auf Interesse gestoßen, und mit den beiden Insane Urban Cowboys Roman Pilgrim und Matthias Krentzek haben zwei unserer Mitglieder schnell erkannt, dass noch viel mehr geht und die Technologie und deren Anwendung eine breite Plattform gut gebrauchen können. Das erste Places_Festival 2018 hat dies mehr als bestätigt. In 2019 waren es eher speziellere Projekte wie Creative_Places, und in 2020 soll es die nächste Ausgabe des Places_Festivals geben. Dies ist einer unserer Beiträge zur Transformation von Stadtteil, Stadt und Region.

Wie lange besteht das Netzwerk bereits, und was hat sich seit der Gründung verändert?

Wir haben uns 2015 gegründet. Verändert hat sich vor allem die Mitgliederanzahl – wir sind heute ca. dreimal so viele Mitglieder wie im Gründungsjahr. Ansonsten ändern sich immer mal wieder unsere Schwerpunktprojekte und die Cowboys & -girls, die an den unterschiedlichen Themen arbeiten. Ganz nach Good Work eben – so wie und was jede/r mag, kann und will. Mit Sicherheit haben wir heute – auch auf Grund von so schönen Anerkennungen wie der Auszeichnung als CREATIVE.Space oder dem Urbanana Award – einen höheren Bekanntheitsgrad und eine entsprechende Wirksamkeit in unserer Region und z.B. auch in Verwaltung und Behörden. Damit bekommen wir zwar noch immer nicht alle Okays und Genehmigungen für sämtliche Ideen und Vorstellungen, die wir so haben, aber man hört uns gerne zu und versucht, die eine oder andere Lösung zu finden.

Stellen Sie sich Ückendorf in 15 Jahren vor – wie wird sich der Stadtteil Ihrer Meinung nach bis dahin verändert haben?

Kreativität, Kunst, Technologie und Wirtschaft lebt, arbeitet und denkt gemeinsam in einem gemütlichen und lebenswerten Stadtteil. Ehrlicherweise so wie heute, nur mit mehr von den guten Dingen, die bereits begonnen haben, im besten Fall abgeschlossenen Sanierungsprojekten vor allem bei den wunderschönen Gründerzeithäusern/-fassaden, und gerne dürfen auch weitere tolle Leute herziehen. Im besten Fall mit eher grün bewachsenen als von Autos befahrenen Straßen und vielen Treffpunkten und Begegnungsmöglichkeiten für Menschen, die die Welt ein kleines bisschen besser zurücklassen wollen, als sie sie vorgefunden haben.

 

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