CREATIVE.Talk

Wolfgang Senges ist seit 2008 freiberuflicher Berater für Musik und Technologie. Er ist Mitgründer der Arbeitsgruppe „Blockchain und Metadaten“ und kritischer Analytiker von Blockchain-Ansätzen. Seine Wurzeln liegen im Maschinellen Lernen, und er verfügt über zehn Jahre Projekterfahrung in der Generierung und Verarbeitung von Metadaten. Im Verlauf seiner Tätigkeiten in der Musikwirtschaft arbeitete er u.a. mit Imogen Heap, Marillion, Martin Atkins, Amanda Palmer und Ingrid Chavez. Außerdem ist er Organisator des deutsch-französischen „Le Blockathon de la Musique“, der im Rahmen der diesjährigen c/o pop Convention vom 29. April bis 02. Mai stattfinden wird.

Am 29. April startet der „Le Blockathon de la Musique“ in Köln. Was war der Grund dafür, ein solches Format ins Leben zu rufen? 

Der Auslöser war die Erfahrung aus der Arbeitsgruppe „Blockchain und Metadaten“ der deutschen Musikwirtschaft. Die Ergebnisse spiegeln sich in mehrfacher Hinsicht im Konzept des Blockathons. Während mehr und mehr separate Projekte und Initiativen gestartet werden, fehlt es an Austausch, an Zusammenarbeit. Es wird eine offene Plattform für viele, von Profil und Größe her unterschiedliche Beteiligte benötigt. 

Gleichzeitig müssen Beteiligte beider Welten, aus dem Ökosystem Musik, das die Musikwirtschaft einschließt, und aus der technologisch-kreativen Welt, zusammengebracht werden. Das Format eines Hackathons erlaubt einen intensiven Austausch, der durch den experimentellen Charakter ganz andere Möglichkeiten eröffnet als ein Standardprojekt. Der Blockathon bietet zudem die Gelegenheit, die Grundlage für ein erweiterungsfähiges Konzept zu sein. Denn ein wesentliches Ergebnis der Arbeitsgruppe „Blockchain und Metadaten“ war, dass die notwendige Transition der Inhaltewirtschaft von Prozessen auf politischer Ebene, in der Aus- und Weiterbildung sowie auf sozio-gesellschaftlicher Ebene begleitet werden muss. Diese lassen sich allerdings nicht in einem einzelnen Projekt abbilden. Der Blockathon dagegen hat das Potenzial, durch das Zusammenwirken von Partnerunternehmen, Kulturwirtschaft, Kreativen, Verbänden und Politik einen Ausgangspunkt für ein solches Projekt zu markieren.

Der Blockathon legt den Schwerpunkt auf die Schnittstelle zwischen Musik und Technologie. Thematisch soll es um faire Erlösmodelle für Künstler*innen und Produzent*innen gehen, die am Wertschöpfungsprozess beteiligt sind. Vor welchen konkreten Herausforderungen steht die Branche?

Nahezu alle Beteiligten sind sich einig, dass seit Jahrzehnten ein so genanntes „Metadatenchaos“ besteht, das Lizenzierungsprozesse lähmt und Zahlungen teilweise falsch adressiert, denn nur validierte und vollständige Metadaten erlauben Rechtssicherheit und Einnahmen. Die Ursache dafür liegt nicht nur im noch immer brüchigen Vertrauen zwischen Verlagen, Labels, Verwertungsgesellschaften, Streaming-Diensten u.a., sondern auch im fehlenden Verständnis zwischen Musik- und Tech-Welt. Der Wille zur Kooperation, um Metadaten zu bereinigen, wächst mittlerweile. Fehlendes Vertrauen zwischen Musik und Technologie dagegen verstärkt Debatten wie diejenige um die Urheberrechtsreform. Zwar ist der wirtschaftliche Aufschwung in der Musikwirtschaft angekommen, aber die Einnahmen durch Streaming verstärken das Ungleichgewicht zu Ungunsten aller Künstler*innen, zuvorderst aber zum Nachteil der überwiegenden Mehrheit nicht-etablierter, unabhängiger Komponist*innen und Musiker*innen. Das ist weithin bekannt; die Diskussionen zwischen Musikschaffenden und der Tech-Community werden sich aber erheblich verschärfen. Denn neue Technologien, vor allem aus dem Umfeld der Künstlichen Intelligenz, verlangen dringend nach einer gemeinsamen Auseinandersetzung mit Möglichkeiten und gegebenenfalls nachteiligen Entwicklungen. Die kollaborative Arbeit an den Themen im Blockathon kann hierfür wiederum einen Ansatz bieten.

Große Hoffnungen im Hinblick auf fairere und transparentere Vergütungen werden in die Blockchain gesetzt, und auch der Titel „Blockathon“ leitet sich ja davon ab. Wie beurteilen Sie das?

Zwiespältig. Grundsätzlich ist es vollkommen egal, mit welcher Technologie eine Lösung abgebildet wird. Nicht die Technologie ist die Lösung, sondern die Einigung auf verbesserte Prinzipien, auf neue Arbeitsabläufe, auf Standards, und vor allem auf deren konsequente Einhaltung. 

Einige Technologien mögen sich eher anbieten als andere. In Bezug auf Blockchain muss man sich entscheidende Fragen jedoch nicht nur stellen, sondern auch Ergänzungen finden, die eine Kompatibilität mit der Inhaltewirtschaft und ihren speziellen Anforderungen schaffen. Es braucht ein neues, mehrdimensionales Metadatenmodell, das die Zuverlässigkeit der Datenlieferanten und damit den Wert der Metadaten innerhalb des Verwertungsprozesses bestimmt. Ihr Wert definiert die Nutzbarkeit und damit den Wert der Lizenzierung. Kurz: Ist der Urheber gar nicht bekannt, ist der Nutzwert des Werks für den Verwender gleich null. Je glaubwürdiger und verlässlicher die Datenquellen aber sind, die den Urheber übereinstimmend bestätigen, desto größer ist der Wert des musikalischen Werks im Sinne einer rechtssicheren Lizenzierung.

Zudem erfordern transparente Modelle gleichzeitig gesteigerte Aufmerksamkeit bzgl. des Datenschutzes. Transparente Vergütungen dürfen nicht bedeuten, dass unerwünscht private Daten mitgeteilt werden. Theoretisch ist eine faire Vergütung im Pay-per-Play-Sinn mit Blockchain möglich, auch bei automatisierten Splits. Blockchain bietet auf den ersten Blick vielfältige, positive Einsatzmöglichkeiten. Die Abbildung muss jedoch nicht zwangsläufig Blockchain beinhalten.

Diese und weitere Beispiele geben einen Einblick in die ausstehenden Aufwände, die Blockchain eine nachhaltigere Wirkung verleihen würden.

Die Kooperationspartner*innen und Teilnehmer*innen kommen aus Deutschland und Frankreich. Was ist das Gewinnbringende dieser Konstellation?

Frische Ansätze für die Musikwirtschaft müssen international gedacht werden; gleichgültig, ob Workflows oder Standards. Gemeinsame (im Sinne von „gleiche“) Lösungen sind nicht immer möglich zwischen zwei Kulturen, Ländern oder Regionen. Das kann sprachliche, rechtliche oder kulturelle Gründe haben. Zweckdienlich ist es daher, Schnittstellen in gemeinsamer Arbeit vorzusehen und zu entwickeln.

Die Kooperation beim Blockathon erfordert Kommunikation. Der Vorteil liegt darin, dass bedingt durch europäische Harmonisierung die Zusammenarbeit relativ unproblematisch sein sollte; es ist eine Übung für größere Herausforderungen.

Die Umsetzung der Kooperation erfolgt auf unterschiedlichen Ebenen. SACEM und GEMA werden bspw. gemeinsam in einem Team an einem französisch-deutschen Projekt arbeiten; private Teilnehmer*innen aus Frankreich und Deutschland gehen weitere Herausforderungen an. Mit Xavier Costaz (Director Innovations and Partnerships / SACEM) und Marie Gauthier (Co-CTO / Resonate) unterstützen zwei französische Mentor*innen die teilnehmenden Teams, während sich die Jury international aus Becky Brook (JAAK), Xavier Costaz und Claudia Jericho (CREATIVE.NRW) zusammensetzt. Letztendlich fördert der Blockathon so den internationalen Austausch, die Kooperation zwischen Partnerunternehmen der Musikwirtschaft und regulären Teilnehmer*innen sowie zusätzlich die Zusammenarbeit zwischen Musik und Technologie.  

Was passiert mit den Ergebnissen des Blockathons? Gibt es einen Rahmen, in denen die Ergebnisse präsentiert werden sollen?

Die Zusammenfassung der Ergebnisse wird am darauffolgenden Tag, dem 2. Mai, von 11:00 bis 12:00 Uhr während der c/o pop Convention im Beisein von Herrn Minister Prof. Dr. Andreas Pinkwart und der Generalkonsulin von Frankreich, Frau Dr. Olivia Berkeley-Christmann präsentiert. Eine ausführliche, schriftliche Dokumentation wird im Juni online verfügbar sein.

Wie wird der Musikmarkt in zehn Jahren im besten Fall für die Beteiligten aussehen? 

Im besten Fall werden wir durch eine intensive Nutzung technologischer Services eine Annäherung an ein System sehen, in dem Kreative frei wählen können, wie sie agieren: unabhängig, mit kleinen Labels und Verlagen oder im Rahmen einer Verwertungsgesellschaft. Wenn wir aber auf dem Boden der Tatsachen bleiben, gehe ich eher davon aus, dass weiterhin oft argumentarme und blinde Diskussionen zu Themen geführt werden, die eine gemeinsame Auseinandersetzung erfordern würden. Dies leider wieder begleitet von einer Konstellation, innerhalb derer Konzerne die große, wenn nicht sogar wachsende Masse an Kreativen benachteiligen — wobei diese Konzerne möglicherweise erst durch Blockchain oder AI groß geworden sind. Aus diesem Grund sehe ich meine Aufgabe vorrangig darin, Beteiligte aus Musik und Technologie zusammenzuführen, um das Beste beider Welten zu entwickeln und neue Anstöße zu geben. 

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