CREATIVE.Talk

Dipl.-Des. (FH) Martin Beeh wurde 1964 in Aachen geboren, wuchs am Hockenheimring auf und lebt heute in Köln, wo er über Umwege landete. Das Studium des Industriedesigns absolvierte Martin Beeh an der FH Darmstadt und an ENSCI-Les Ateliers in Paris. Darauf folgte ein Aufbaustudium in BWL. Als Designer und Design Manager war Beeh, der fünf Sprachen beherrscht, bei Décathlon und Electrolux international tätig. Er ist Initiator des Electrolux Design Labs (2003) und Gewinner verschiedener renommierter Designpreise. 2009 gründete er in Köln beeh_innovation, eine Beratungsagentur für Design und Innovation. Schwerpunkte sind: Design Management, Human-Centered Innovation und Material-Innovation. Von 2012 bis 2015 war Beeh Professor für Designmanagement an der Hochschule OWL.

Am 26. März 2019 findet die zweite Ausgabe der materials.cologne, abermals in der IHK Köln, statt. Was dürfen die Besucher erwarten und an wen wendet sich die Fachkonferenz?

Die Besucher erwartet ein spannender Tag voller Information, Inspiration und Innovation. Nach diesem Dreiklang haben wir Inhalt und Struktur der Konferenz aufgebaut. Die materials.cologne trägt bewusst das Suffix „Die Konferenz für Design und Innovation“, um zu zeigen, wie Material und Prozesse, Design und Innovation zusammen Grundlegendes verändern können. Dazu möchten wir die Besucher und Besucherinnen anregen und ihnen konkrete Information und Möglichkeiten des Wissensaustausches mitgeben. Dieses Jahr hat die materials.cologne den Schwerpunkt „Farbe und Oberfläche“. 

Wir sprechen alle Gestaltungsberufe an, die Akteure in den Studios, Agenturen und Büros der Architekten, Innenarchitekten, Produktdesigner, Kommunikationsdesigner, Mediendesigner, Modedesigner etc. Auch wichtig: die Entscheider aus Marketing, Produktmanagement und Produktentwicklung, die Multiplikatoren und Möglichmacher von Gestaltung. Studierende der Fachrichtungen sind ebenfalls eingeladen. Deren Dynamik und Neugierde bereichert die Konferenz ungemein. Sie gestalten ja bald schon die Welt von morgen! 

Sehr erfreut bin ich, dass das Land NRW zeigt, was es drauf hat: z.B. leitet Dr. Harald Cremer vom Landescluster NanoMikroWerkstoffePhotonik (NMWP.NRW) den Workshop „Innovative Materialien“, der besonders die Synergien zwischen Forschung, Gestaltung und Industrie darstellen soll. Ebenso das Engagement der Effizienzagentur NRW mit Jessica Kunsleben, Projektmanagerin Eco-Design, im Workshop „Digitalisierung für Handwerk und Industrie“. Zudem haben wir hochkarätige Referentinnen und Referenten wie Prof. Paul Böhm (TH Köln), Nina Ruthe und David Antonin (Design Studio NIRUK) sowie den Oberflächen-Experten Gerd Ohlhauser (Initiator des legendären Surface-Yearbooks) aus Frankfurt am Main für die Konferenz gewinnen können.  

Welche Trends zeichnen sich im Bereich der Materialien ab, und wie beeinflussen oder verändern diese das Design?

Wir haben sich scheinbar widersprechende Trends in Material und Fertigung: einerseits die Kompositmaterialien, mit denen oft gewichtsparend und funktionsoptimiert höchste Performance erreicht wird (Bsp. Luftfahrt, Mobilität, Medizintechnik, Verpackung), andererseits nachhaltige und (endlich auch wieder) hochwertige Materialien, die für bessere Handhabung, längere Lebensdauer und – großes Thema – Reparierbarkeit stehen. Es geht oft gar nicht darum, „neue Materialien“ zu schaffen, sondern darum, Bestehendes zu optimieren (schönes Beispiel: Hochleistungskeramik bei Uhren), sinnvoll zu kombinieren oder Fertigungsprozesse aus Designersicht neu zu gestalten. Das haben schon Ray und Charles Eames gemacht! Zur aktuellen „Best Practice“ liefert uns übrigens das Design Studio NIRUK im Vortrag auf der materials.cologne spannende Erfahrungen und Erkenntnisse. 

Welchen Stellenwert nimmt die Ökologie bei der Materialwahl bereits jetzt und vor allem zukünftig im Herstellungsprozess eines Produktes ein?

Nachhaltigkeitskriterien sind Nr. 1! Wo sie es noch nicht sind, droht wirklich bald das Ende des Werkstoffs, und das kann sehr schnell gehen. Nachhaltigkeit ist allerdings ein sehr komplexes Thema, und es kann immer nur relative Annäherungen geben. Sie gehört zu den „harten Nüssen“ (wicked problems) des Produktdesigns und der Produktentwicklung. Die Kriterien der Nachhaltigkeit müssen klar definiert werden, und es muss ganz viel probiert, verworfen, verbessert werden, am besten in interdisziplinären Kompetenznetzwerken. Es braucht Fokussierung, Beharrlichkeit, Ausdauer und Kommunikation über das, was man/frau tut. 

Welche Branche könnte Ihrer Einschätzung nach eine Vorbildfunktion im Bereich der nachhaltigen Produktion einnehmen?

Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren in und mit der Haushaltsgeräteindustrie. Dort habe ich schon seit den 2000ern miterlebt, und tatsächlich mitgestaltet, wie die Innovation und Design Leaders einer Branche die Produktqualität, das Nutzererleben und (ganz wichtig) die Kommunikation über die Vorteile von teureren Produkten maßgeblich verändern können. 

Das Energielabel der Haushaltsgerätebranche z.B. ist ein absoluter Erfolg in Kommunikation und Kundenbewusstsein. Die Lebensmittelproduktion zeigt sich in regionalen, ökologischen und fairen Erzeugnissen von ihrer besten Seite, in anti-saisonalen Erdbeeren vom anderen Ende des Planeten von ihrer schlechtesten. 

Die Branche, in der am meisten zu tun ist, ist sicherlich die IKT-Branche: der „Konsum“ von Unterhaltungselektronik (Smartphones und vielem mehr) ist heute leider noch ein „Systemfehler“, der unbedingt bald behoben werden muss. Die Geschichten kennen Sie, von den seltenen Erden bis hin zum skandalösen „Recyclen“ auf schwermetallverseuchten Deponien in Afrika oder Brasilien. Auch die Modeindustrie hat noch einen langen Weg vor sich… 

Sie sind gelernter Industriedesigner und haben in über 20 Jahren Erfahrungen in unterschiedlichen Positionen in der freien Wirtschaft sowie auch als Professor an verschiedenen Hochschulen gesammelt. Gibt es für Sie so etwas wie einen Meilenstein im Bereich des Industrie- und Produktdesigns, oder einen Richtungswechsel, der für Sie zukunftsweisend ist/war? 

Einerseits lerne ich als Designer auch gerne von den Champions der Vergangenheit, wie z.B. Ray und Charles Eames, oder vom „Suffizienzansatz“ von skandinavischen Designern wie Kaj Franck, der in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg essentielle Produkte des täglichen Bedarfs gestaltete, z.B. die Kartio-Serie für den finnischen Hersteller Ittala (1958). In Deutschland schätze ich den Ansatz von Wilhelm Wagenfeld und die demokratische, menschenzentrierte Architektur der 1950er. Welch tolle Grundrisse damals! 

Heute kommt der Input von Design-Kollektiven, die gar nicht erst versuchen, Industrieprojekte mit renommierten Herstellern durchzuführen (man mag dort lieber „bekannte Namen“), sondern die gesamte Wertschöpfungskette in einer Art „Designindustrie“ aufzubauen, Business Design sozusagen. Schöne Beispiele: Schneid aus Kiel, Eggersmann-Küchen und Modal Concept aus Ostwestfalen, der YRON Grill von Frank Person aus Darmstadt, und regionale Tischler, die Großartiges leisten. 

Sprich: Tu dein eigenes Ding und bleib dran! Die erfolgreichen „Game Changer“ hatten und haben genau diesen Ansatz.  

„Design ist nicht alles, aber ohne Design ist alles nichts“, heißt es oft – wie stehen Sie zu dieser These? Was muss noch getan werden, um den Wert von Design auch über die Branchengrenzen der Designwirtschaft hinaus im Bewusstsein von Unternehmern zu verankern?

Kurz: Hier sollte die Designbranche nicht jammern, sondern einfach loslegen, den Dialog suchen, aus dem Designer-Elfenbeinturm herauskommen und die Partner in Industrie und Wirtschaft treffen, um zusammen Neues zu gestalten. Die Neugierde auf „Design Thinking“ und „Design Making“ von Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft ist generell enorm! Man muss nur dialogbereit sein! Ich gehe z.B. gerne zu Veranstaltungen der Grundlagen-forschung zu Materialien. Ich bin dort oft der einzige Designer und führe dabei ganz wunderbare Gespräche! 

So habe ich es in meinen 20 Jahren plus gemacht, und es scheint auch weiterhin der richtige Weg zu sein. Der Dialog auf Augenhöhe ist wichtig. Die materials.cologne Konferenz für Design und Innovation bietet genau solch eine Plattform, kompakt an einem intensiven Tag, und zum Nachschauen auf der Homepage www.mat.cologne