CREATIVE.Talk

Hans Haake studierte Wirtschaftswissenschaften in Oldenburg, war Researcher an der University of Maryland und Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Bundestages. In all diesen Rollen setzte er sich mit der Frage auseinander, wie gesellschaftlicher Wohlstand besser definiert, gemessen und politisch berücksichtigt werden kann. Seit 2015 ist er an der Uni Wuppertal und am Wuppertal Institut tätig und treibt Projekte zum urbanen Wohlstandswandel voran. Er hat insbesondere Indikatoren für Wohlstand in Wuppertal sowie eine „Glücksapp“ etabliert. Hans Haake wird auch an der dritten Veranstaltung unserer Reihe „CREATIVE.Spaces exploring Hidden Values“ am 25. Oktober in Utopiastadt Wuppertal teilnehmen. Mit CREATIVE.NRW sprach er bereits im Vorfeld über seine Arbeit als Glücksforscher.

Sie haben im Rahmen Ihrer Arbeit für das Wuppertal Institut und gemeinsam mit der Happiness Research Organisation eine Glücks-App entwickelt, die Daten über das Wohlbefinden der Wuppertaler Bürger erhebt. Das Wuppertal Institut beschäftigt sich originär mit Klima, Umwelt und Energie. Was haben diese Bereiche mit der Glücksforschung zu tun?

Ganz wichtige Frage! Wissen wir selber manchmal nicht... Aber ernsthaft: Das hat sehr viel miteinander zu tun. Denn die zentrale Frage des Wuppertal Instituts könnte man ja auch formulieren als: Wie kann unsere Gesellschaft nachhaltig sein, wie kann sie mit den vorhandenen Ressourcen auskommen? Aber es soll dabei natürlich eine lebenswerte Gesellschaft bleiben, sie soll sich weiterentwickeln, Menschen sollen glücklich sein. Deshalb beschäftigen wir uns mit Wohlstand, mit Möglichkeiten, diesen auch ohne maximales materielles Wachstum zu realisieren, und eben auch mit Glück. Denn es ist nicht überraschend: Es gibt viele Dinge, die zum Glück beitragen, ohne dabei der Umwelt zu schaden – Familie, Sicherheit, Kunst, Kultur, auch eine saubere Umwelt. Beim Konsum, beim dicken Auto oder den neuen Klamotten, da hält der „Glückseffekt“ meist nur sehr kurz an.

Welche Daten werden in Ihrer App berücksichtigt, und was ist das Ziel der Erhebung?

Wir fragen da grob zwei Bereiche ab: das persönliche Glück und die Zufriedenheit mit dem Leben in der Stadt. Im ersten Bereich wird nicht nur gefragt, ob man glücklich ist, sondern auch, ob man sein Leben als sinnvoll wahrnimmt, wie oft man positive oder negative Gefühle empfunden hat etc. Das gibt schon mal ein differenziertes Bild von Glück, das über das rein Emotionale hinaus geht. Dann kommt die Stadt, da geht es um Zufriedenheit mit der Infrastruktur, mit den Lebensbedingungen, den Angeboten für verschiedene Gruppen.

Ziel der Erhebung ist es natürlich erst einmal, mehr über das Glück in Wuppertal zu lernen, wie es sich zusammensetzt und was mögliche Einflussfaktoren sind. Aber das wird dann auch ganz schnell ein Instrument für Beteiligung, denn wenn wir wissen, wo der Schuh drückt, können wir auch Vorschläge entwickeln – für die Politik, die Zivilgesellschaft, aber auch die Bürger selber.

Daten gehören zu den „Hidden Values“ – den immateriellen, nicht-monetären Werten –, die wir auch bei unserer Veranstaltung in und mit Utopiastadt Wuppertal diskutieren. Welchen Wert haben Ihre Daten für die Stadt Wuppertal und unsere Gesellschaft allgemein?

Wir haben natürlich, auch mit ca. 2.000 Teilnehmern, bisher noch überhaupt nicht das volle Potenzial der Erfassung von Glücksdaten in einer Stadt und darüber hinaus genutzt. Aber klar: Mehr Wissen über die Wahrnehmungen der Bürger – das ist enorm wertvoll für Politik, für Verwaltung, das kriegen wir immer wieder gespiegelt, der Oberbürgermeister ist da sehr interessiert. Und auch über unser Projekt hinaus, wir arbeiten ja alle pausenlos mit Annahmen darüber, was Menschen glücklich macht: ein Haus im Grünen oder die lebendige Innenstadt? Freie Fahrt auf der Stadtautobahn oder grüne Straßen, auf denen Kinder spielen? Auf der Basis unserer Annahmen dazu werden zentrale Entscheidungen getroffen, aber in der Breite wissen wir das eigentlich gar nicht. Mehr über subjektive Einschätzungen der Bürger zu wissen hilft immer, vielleicht sogar beim Umgang mit populistischen Strömungen. Allerdings: Der Datenschutz ist da ein riesiges Thema, das haben wir bei unserem Projekt gut gelöst, aber je weiter man das fasst, desto vorsichtiger muss man sein.

Im Idealfall schaffen wir es, bestimmte Hidden Values noch besser sichtbar zu machen: Spielplätze, Grünflächen, Nachbarschaften – alles Dinge und Orte, die Wert schaffen, aber monetär kaum zu fassen sind.

Gibt es bereits erste Erkenntnisse aus den bisherigen Erhebungen und wenn ja, konnten daraus schon konkrete Handlungsempfehlungen für Wuppertal und andere Städte abgeleitet werden?

Wir konnten schon so einiges aus den Daten rausziehen, von der Einsicht, dass Wuppertal durchaus glücklich ist, über die Unterscheidung mehr oder weniger glücklicher Stadtteile bis hin zum Zusammenhang zwischen Zufriedenheit und der medizinischen Versorgung. Konkret im Sinne von Handlungsempfehlungen wird es, wenn sich zeigt, dass Autofahrer, je öfter sie fahren, unzufriedener werden mit den Straßen, die Nutzer des ÖPNV aber zufriedener mit dessen Infrastruktur. Oder da, wo konkrete Projekte abgefragt wurden wie der Bau einer Seilbahn, der positiv bewertet wurde. Man kann übrigens auch selber mit den Daten spielen, unter gluecklich-in-wuppertal.de findet man ein Live-Dashboard, in dem man einzelne Gruppen vergleichen und recht tief in die Daten eindringen kann.

Apropos Daten und der Umgang mit ihnen: Wie sollte eine Datenkultur Ihrer Meinung nach aussehen, damit sie unsere Gesellschaft lebenswert und zukunftsfähig macht?

Wir müssen auf jeden Fall weg von dem Drang vieler Unternehmen, sich möglichst gute Datenmonopole zu sichern, das macht mich schon als Ökonomen ganz verrückt. Der Zugang zu Daten muss viel offener werden, überall dort, wo Persönlichkeitsrechte nicht betroffen sind. Aber auch dort, wo es um personenbezogene Daten geht: Natürlich kann der Browserverlauf eines jeden von uns nicht öffentlich sein, aber jetzt ist es ja so, dass er den großen Digitalunternehmen sowieso zur Verfügung steht, diese zur Herausgabe zu zwingen, finde ich gar nicht so absurd. Die Open-Data-Bewegung ist da auf einem guten Weg, auch viele Städte stellen mehr und mehr Daten in den richtigen Formaten ins Netz.

Wir brauchen nicht zwingend überall mehr Daten, aber wir brauchen die richtigen Daten, um unsere Ziele als Gesellschaft zu erreichen. Bisher messen wir oft ganz andere Dinge, als wir eigentlich wollen, nur weil die Daten einfacher verfügbar sind. Wir wollen eine lebenswerte, glückliche Gesellschaft, aber steuern diese primär mit Wirtschaftskennzahlen. Dabei brauchen wir eben Daten über Glück, über dessen Einflussfaktoren und über die Ressourcen, die wir bei unserem Streben nach Glück verbrauchen.

 

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