CREATIVE.Talk

Simone Jost-Westendorf ist Geschäftsführerin der Stiftung Vor Ort NRW in Düsseldorf, die sich für die Stärkung und Vielfalt des Lokaljournalismus in Nordrhein-Westfalen einsetzt. Vor Ort NRW ist 2015 unter dem Dach der Landesanstalt für Medien NRW gegründet worden und fördert die journalistische Weiterbildung sowie die Entwicklung und Umsetzung von innovativen digitaljournalistischen Projekten. Bevor sie nach Düsseldorf wechselte, war Simone Jost-Westendorf Redaktionschefin eines Berliner Online-Portals und betreute dort Digitalprojekte in Kooperation mit öffentlichen Trägern und wissenschaftlichen Institutionen. Seit 2000 arbeitete sie für den deutsch-französischen TV-Sender ARTE und leitete dort von 2003 bis 2008 die Redaktion von „ARTE Magazin“. Von Berlin aus war sie anschließend als freie Autorin und Producerin für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig.

Foto: Dorothea Näder/Vor Ort NRW

„Der Lokaljournalismus ist tot, es lebe der Lokaljournalismus!“ Würden Sie das so unterschreiben?

Im Prinzip schon. Der Lokaljournalismus wird schon seit Jahrzehnten totgeschrieben, aber das Interesse an lokalen Informationen ist weiterhin groß, und auch das Vertrauen in lokale und regionale Medien hat nicht maßgeblich nachgelassen. Doch wenn wir wollen, dass die heute junge Generation auch in Zukunft lokale Medien nutzt, sollten wir den Lokaljournalismus dringend modernisieren und digitalisieren. Die Chance ist einzigartig, aber die Zeit drängt.

Lokaljournalismus soll vor allem zu aktiver Teilhabe führen – aber wie steht die Gesellschaft zum Lokaljournalismus, und wieso muss er ständig um Anerkennung ringen?

Das Image des Lokaljournalismus ist leider nicht das beste. Lokaler Journalismus konkurriert nun einmal seit Jahren mit der gesamten Unterhaltungsindustrie im Netz. Das verändert auch die Zielgruppen des Lokalen und ihre Nutzungsmotive und Erwartungen. Das wurde in den Medienhäusern lange Zeit nicht ernst genug genommen. Deshalb ist es den Macherinnen und Machern kaum gelungen, entsprechend innovative Ideen, Formate und Geschäftsmodelle zu entwickeln, die da mithalten könnten.

Dabei muss die Berichterstattung keine Format-Korsagen mehr tragen, und Lokaljournalistinnen und -journalisten könnten online auf vielfältige Weise mit ihrem Publikum kommunizieren – und sollten das unbedingt auch tun. Das Netz eröffnet jedem kreativem Medienschaffendem neue Möglichkeiten, mit guten Geschichten und neuen Erzählweisen ein interessiertes Publikum zu erreichen.

Hinzu kommt, dass die Erlösquellen seit langem wegbrechen. Das führte leider in den vergangenen Jahren dazu, dass weniger ins Redaktionspersonal und somit in die Breite der Berichterstattung investiert wurde. Auch in dieser Hinsicht muss der Lokaljournalismus nachholen und sich besser aufstellen.

Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Aufgabe bzw. der größte Mehrwert des Lokaljournalismus?

Je besser Bürgerinnen und Bürger informiert sind, desto differenzierter können sie Entscheidungen treffen und an der Demokratie teilhaben. Da die Menschen gerade im lokalen Umfeld nach Orientierung und Antworten suchen, brauchen wir mehr denn je lokale Medienangebote, die ihre Aufgabe, Informationen zu gewichten und einzuordnen, konsequent wahrnehmen. Gerade in Zeiten, in denen das Vertrauen in Medien sinkt, können Lokalmedien zeigen, was sie stark macht: gründliche Recherche, eine große Bürgernähe und somit ein hoher Nutzwert für die Gesellschaft.

Wieso haben Sie das Förderprogamm „Reinvent Local Media“ ins Leben gerufen, und was beinhaltet es?

Um gezielt Innovation im Journalismus zu fördern, wollen wir Journalistinnen und Journalisten ermutigen und dabei begleiten, Neues auszuprobieren und Experimente zu wagen. Dementsprechend besteht „Reinvent Local Media“ aus vier Teilen, die aufeinander aufbauen: dem Local Media Innovation Day im April, einem mehrtägigen Idea-Sprint im Juni, einem Hackathon im Juli sowie einem mehrmonatigen Fellowship für Mediengründerinnen und -gründer, das im Herbst beginnt. Damit möchten wir Teams, die für eine Idee brennen, helfen, ihr Projekt strukturiert voranzubringen und ein zum Projekt passendes Geschäftsmodell zu entwickeln.

Wichtig ist es uns auch, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Gründung eines Start-ups durchaus eine berufliche Option für Journalistinnen und Journalisten ist. Festanstellungen in Redaktionen sind längst nicht mehr der klassische Berufsweg. Neben der Freiberuflichkeit, also dem Arbeiten für meist verschiedene Auftraggeber, ist die Gründung eines eigenen Projekts eine weitere Möglichkeit.

Mit unserem Programm bringen wir diejenigen zusammen, die es für ein journalistisches Start-up braucht: Journalistinnen und Journalisten, Designerinnen und Designer, Entwicklerinnen und Entwickler, Business-Expertinnen und -experten.

Der Idea Sprint und der Local Media Innovation Day haben nun bereits stattgefunden – gibt es bereits erste Erkenntnisse?

Die wichtigste Erkenntnis ist die Bestätigung, dass nicht nur das Interesse an Innovation in den Medien groß ist, sondern dass es in Nordrhein-Westfalen auch das Potenzial dafür gibt. Der Zuspruch zu unseren Veranstaltungen war groß, und es war ein Vergnügen zu erleben, mit wie viel Leidenschaft und Mut die motivierten Teams Ideen entwickelt haben.

Nun liegt es an uns, sie auf diesem Weg weiter zu begleiten. Viele von ihnen werden an unserem ersten NRW-weiten Hackathon vom 12. bis 14. Juli teilnehmen und brennen schon jetzt darauf, sich für unser Fellowship zu bewerben, das im Herbst startet.   

Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit Start-ups sinnvolle Innovationen für den Journalismus hervorbringen können, und welche Rolle spielen dabei die großen, alteingesessenen Medienkonzerne?

Es braucht Zeit, Raum und Geld. Und den Mut, Neues auszuprobieren, sich immer wieder neu zu erfinden, sich an neue Technologien und an die Bedürfnisse und Nutzungsgewohnheiten des Publikums anzupassen, ohne sich anzubiedern. Das gilt für Start-up-Gründerinnen und -gründer übrigens genauso wie für große Medienhäuser, denn auch dort werden Experimente gewagt, wichtig ist allerdings, dass diejenigen, die motiviert sind, nicht ausgebremst werden, dass ihnen Freiräume eröffnet werden und dass auch das Scheitern einer Idee als wichtiger Schritt aufgefasst wird. Je professioneller und ausgeprägter die Fehlerkultur, desto höher die Lernkurve.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Lokaljournalismus?

Für die Zukunft wünsche ich mir mehr Mut zu Experimenten. User sollten das Gefühl haben, dass Lokaljournalismus unverzichtbar ist, dass wir viele Stimmen im Lokaljournalismus brauchen, dass sie selbst mit ihrer Stimme beitragen können und auch gehört werden. Damit Lokaljournalismus an Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Relevanz gewinnt, müssen Journalisten wissen, welche Themen ihr Publikum bewegen. Sie sollten Debatten nicht nur anstoßen, sondern auch an ihnen teilhaben. Moderner, zeitgemäßer Journalismus lebt vom Austausch mit seinen Usern. Wo könnte das besser gelingen als auf lokaler Ebene?

 

Mehr Informationen zu Vor Ort NRW