CreateMedia.NRW Gewinner

Judith Schanz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Industriedesign an der Folkwang Universität der Künste Essen, die gemeinsam mit dem Institut Arbeit und Technik (IAT) der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen Bocholt Recklinghausen das Projekt DigiMat durchführt. Das Forschungsprojekt ist 2016 als Gewinner aus dem Leitmarktwettbewerb CreateMedia.NRW hervorgegangen, dessen letzte Förderrunde mit Einreichschluss am 9. April gerade eingeläutet wurde. DigiMat stellt sich die Aufgabe, neue Geschäftsmodelle zu erarbeiten, die es vor allem kleinen und mittleren Unternehmen aus Handwerk und Design ermöglichen, neue Technologien für Innovationen und die Erschließung neuer Märkte zu nutzen. Im CREATIVE.Talk berichtet Projektmitarbeiterin Judith Schanz über die Ziele und Potenziale von DigiMat und die bisherigen Ergebnisse.

Frau Schanz, bei DigiMat geht es darum, Geschäftsmodelle zu erproben, die die digitale und materielle Produktion vereinen. Was war der Ausgangspunkt für Ihre Idee und welche Ziele verfolgen Sie mit dem Projekt?

In Deutschland wird die Digitalisierung der Wirtschaft häufig mit dem Schlagwort Industrie 4.0 konnotiert. Riesige Begriffe. Bereiche wie Prozessoptimierungen, Kommunikation, Marketing oder Automatisierung können alle unter diese Schlagwörter fallen. Oft wird ein Schreckensszenario entworfen, in dem es um das Überholt- und Abgehängtwerden oder Arbeitsplatzverluste geht. Die Diskussion um die Digitalisierung ist stark technikorientiert. Lokale Gegebenheiten und regionale Ressourcen und Fähigkeiten spielen eine relativ geringe Rolle. Die Nutzerperspektive findet wenig Beachtung. Wertschöpfungsketten sind beispielsweise in der Musikwirtschaft und im Buchhandel bzw. Verlagswesen durch neue Geschäftsmodelle schon völlig umgestaltet. 3-D-Druck, CNC-Steuerungsverfahren oder digitale Strickmaschinen zeigen, dass auch in der materiellen Produktion digitale Technologien längst Einzug gehalten haben. Genau hier ist der Ausgangspunkt von DigiMat.

Ziel von DigiMat ist es, ein bis zwei Geschäftsmodelle an der Schnittstelle digitale/materielle Produktion zu erarbeiten, welche Nutzerbedürfnisse erkennen und diese in geeignete Anwendungen übertragen. Großes Potenzial, sowohl in der Erarbeitung als auch in der Adaption solcher Geschäftsmodelle, sehen wir hier in der Vernetzung von kleinen und mittleren Handwerks- und Designunternehmen aus NRW.

Gibt es bereits am Markt erfolgreiche Geschäftsmodelle, die als Vorbild dienen?

Im Rahmen von DigiMat haben wir verschiedene Akteure besucht, die sich bereits erfolgreich an der Schnittstelle digitale/materielle Produktion positionieren. Zwei Konzepte davon will ich kurz vorstellen.

Die Londoner Firma Opendesk ist eine Online-Plattform, die zwischen Designern, Herstellern und Benutzern von Möbeln vermittelt. Designer aus der ganzen Welt stellen darauf Möbelentwürfe zur Verfügung, die von lokalen Herstellern heruntergeladen und per CNC-Fräse gefertigt werden können, genau dort, wo der Benutzer diese Möbel benötigt. Designer können wählen, unter welcher Lizenz sie ihre Entwürfe zur Verfügung stellen. Hersteller und Designer erhalten den Betrag, den sie für gerechtfertigt halten. Da hohe Transport- und Lagerkosten wegfallen, ist die Verteilung des Erlöses auf die Beteiligten ein ganz anderer. Die große Nachfrage und das wachsende Unternehmen Opendesk zeigen, dass dieser Open-Making-Ansatz sehr erfolgreich funktionieren kann.

Einen anderen Zugang zu digitalen Fertigungsverfahren und materieller Produktion bieten Fablabs, die wir in Dortmund, Bottrop, Berlin, Barcelona und Mailand besucht haben. Diese Werkstätten wurden initiiert vom MIT Center for Bits and Atoms mit dem Ziel, Technologie öffentlich zugänglich zu machen sowie Wissen und Fertigkeiten auszutauschen und zu vernetzen. Alle Fablabs bieten eine Grundausstattung wie Lasercutter, CNC-Fräsen, 3-D-Drucker und weitere Werkzeuge wie Kreis-, Bandsägen oder Winkelschleifer und haben oft noch weitere Spezialgebiete wie Textilien oder Biodesign. Jedes Fablab hat zudem weitere Angebote von Artist-in-Residence-Programmen, Workshops, Firmenfortbildungen über Vortragsabende bis hin zu groß angelegten Forschungsprojekten. Fablabs sind also Orte, die zum einen Wissen und Zugang zu Technologie schaffen und diese weiterentwickeln und die zum anderen den Diskurs vorantreiben, Positionen zur Technologienutzung immer wieder auszuloten.

Im September 2017 hat bereits die DigiMat-Digitalwerkstatt #1 stattgefunden, Anfang diesen Jahres wird es eine zweite Ausgabe geben. Welche Ergebnisse konnten Sie aus dem ersten Workshop ziehen und wie geht es nun weiter?

Teilnehmende der Digitalwerkstatt #1 waren 20 Vertreter aus Handwerk und Design, sowohl aus Unternehmen als auch Selbständige, sowie Vertreter aus Bildung und Forschung. Es waren beispielsweise ein Schumachermeister, Designer mit Tischler- oder Kfz-Mechaniker-Hintergrund sowie Schneiderinnen anwesend. Der Schwerpunkt der ersten Digitalwerkstatt lag auf der Ermittlung von Bedarfen der anwesenden Unternehmen, die sich ergeben, wenn sie sich an der Schnittstelle digitale/materielle Produktion vernetzen. Hervorgehoben wurde dabei, dass die neuen Geschäftsmodelle die involvierten Gewerke weiterentwickeln und deren Fortbestand fördern sollen. Für eine unternehmensübergreifende Zusammenarbeit müsse Vertrauen aufgebaut und Skepsis überwunden werden, es brauche dafür geeignete Mechanismen wie zum Beispiel Reallabore. Der Knotenpunkt zwischen Handwerk und Design solle an die Fertigungsprozesse geknüpft werden, da diese zu den typischen Aktivitäten im Handwerk zählen. Die Wertschöpfung der neuen Geschäftsmodelle solle größtenteils in NRW stattfinden.

Inhalt der Digitalwerkstatt #2 wird sein, die Charakteristika und Fähigkeiten der beteiligten Unternehmen aus Handwerk und Design für Entwurf und Herstellung mit digitalen Fertigungsverfahren im Verbund herauszuarbeiten. Basierend darauf werden in der Digitalwerkstatt #3, die im Frühjahr kommen wird, konkrete Anwendungen für neue Geschäftsmodelle entwickelt.

Folgend auf die Digitalwerkstätten #1 bis #3 werden wir Mitte 2018 ein Reallabor starten. Mit Unternehmen aus Handwerk und Design werden die Anwendungsfelder aus den Digitalwerkstätten detailliert und deren potenzielle Nutzer charakterisiert. Eine Wertschöpfungskette wird aufgestellt, Entwürfe werden entwickelt und in Prototypen umgesetzt. In einem iterativ angelegten Prozess werden die Wertschöpfungsketten und die Prototypen im Rahmen von vier Workshops bewertet und etwaige Anpassungen vorgenommen und erprobt.

Handwerk und Design stehen im Zuge der Digitalisierung vor unterschiedlichen Herausforderungen. Wie sehen die aus, und inwiefern könnten die beiden Branchen voneinander profitieren?

Digitalisierung ist ja, wie eingangs erwähnt, ein riesiges Feld. Für kleine und mittlere Unternehmen, die wir in diesem Projekt adressieren, ist es manchmal schwer, die Relevanz und Bedeutung von Technologien wie 3-D-Druck & Co. einzuschätzen. Oft werden diese Technologien von Hypes und damit einhergehenden überhöhten Erwartungen begleitet. Durch die Vernetzung von Design und Handwerk in unserem Reallabor werden die technologischen Möglichkeiten erfahrbar und bewertbar. Die Eintrittsschwelle kann so gesenkt werden.

Digitale Fertigungsverfahren können dazu führen, dass Handwerksbetriebe in Dienstleistungen gedrängt werden, bei denen ein Großteil der handwerklichen Fertigkeiten und des Spezialwissens nicht mehr benötigt wird und somit nach und nach verlorengeht. Bei DigiMat sind Unternehmen aktiv an der Aufstellung von neuen Geschäftsmodellen beteiligt und erarbeiten mit uns, welche Rolle die digitale Fertigung dabei einnehmen soll. Ziel ist, sie so einzusetzen, dass Handwerkstraditionen nicht verlorengehen, sondern weiterentwickelt und fortgeführt werden.

Die Unternehmen aus Handwerk und Design, mit denen wir bei DigiMat zusammenarbeiten, sind überwiegend kleinbetrieblich organisiert. Individuelle und problemspezifische Lösungen spielen eine zentrale Rolle für den Erfolg auf dem Markt. Kurz dargestellt, wurde durch die Industrialisierung die Tätigkeit des Entwerfens von der Tätigkeit des Produzierens getrennt. Der Beruf des Industriedesigners entstand. Davor waren Handwerksgewerke für beides zuständig. Eine Kooperation an der Schnittstelle digitale/materielle Produktion bietet die Möglichkeit, Handwerk und Design und somit Entwurf und Produktion wieder zusammenzubringen. Individuelle Anwendungen können dadurch lokal entworfen, entwickelt und produziert werden, genau dort, wo auch der Bedarf für diese besteht.

Der Leitmarktwettbewerb fördert insbesondere Projekte, die eine Brücke zwischen Medien- und Kreativwirtschaft und anderen Branchen schlagen. Welches Potenzial steckt Ihrer Meinung nach in der interdisziplinären Zusammenarbeit?

Allgemein denke ich, dass interdisziplinäres Arbeiten dazu führt, dass die Fertigkeiten der einzelnen Beteiligten sich multiplizieren. Bei DigiMat forschen wir daran, wie wir Design mit Handwerk verbinden können, so dass beide voneinander profitieren.

Designer agieren oft generalistisch und sind in der Lage, Akteure und Wissen zu vernetzen. Handwerker sind in einem Bereich spezialisiert, alle Schritte durchzuführen, die notwendig sind, um Gebrauchsgegenstände zu fertigen. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Handwerk und Design bietet an der Schnittstelle digitale/materielle Produktion die Chance, neue Denkweisen und andere Perspektiven einzunehmen. Dieser Verbund birgt ein großes Potenzial, bestehende Nutzerbedürfnisse in Produkte und Dienstleistungen zu übersetzen, die für beide Disziplinen gewinnbringend neue Märkte erschließen.

Das Projekt DigiMat wird als Kooperation verschiedener Akteure durchgeführt. Wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen? Welche unterschiedlichen Interessen und Kompetenzen bringen Sie mit? Und wie ergänzen sich diese?

Im Vorhaben DigiMat kooperieren das Institut für Arbeit und Technik (IAT) der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen Bocholt Recklinghausen und die Folkwang Universität der Künste Essen. Nach der Ausschreibung des Leitmarktwettbewerbs CreateMedia.NRW in 2015 hat uns das IAT angefragt, ob wir Interesse an einer gemeinsamen Bewerbung haben.

Das IAT erforscht neue Innovationsformen. Dazu gehört die Entwicklung unterstützender Instrumente und Strategien zur Innovationsförderung ebenso wie die Erforschung des verbundenen sektoralen und regionalen Wandels. Die Arbeitsgruppe „Gestaltung & Innovation“ der Folkwang Universität versteht Industrial Design als einen Prozess, der zur disziplinübergreifenden Generierung von Innovationen führt. Industrial Design bedeutet dabei, Technologien durch Gestaltung sinnvoll und verantwortungsbewusst in nutzerorientierte, soziale und kulturelle Zusammenhänge einzubetten.

Beide Institutionen nehmen unterschiedliche Perspektiven zu Innovationen ein. Das IAT beschäftigt sich schon länger mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf das Handwerk, wir an der Folkwang Universität mit Technologieanwendung. Beides zusammenzuführen war der Ausgangspunkt für das Thema des Förderantrags.

Vom IAT arbeiten Judith Terstriep, Wirtschaftwissenschaftlerin, und Maria Rabadjieva, Sozialwissenschaftlerin, mit. An der Folkwang Universität sind wir Industriedesignerinnen, meine Kollegin Anke Bernotat hat zudem eine Tischlerausbildung. Durch unsere verschiedenen Disziplinen können wir die DigiMat-Zwischenergebnisse aus ökonomischer, sozialer, ästhetischer, nutzerzentrierter und handwerklicher Sicht reflektieren und weiterführen.

Unterstützt werden wir von CREATIVE.NRW und Design Metropole Ruhr, die uns Kontakte zu Unternehmen aus der Kreativwirtschaft sowie aus dem Handwerk vermitteln und uns Feedback zu unseren Methoden und Ergebnissen geben.

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