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Claudia Jericho | CREATIVE.NRW

Seit über 25 Jahren arbeitet Claudia Jericho inzwischen für die Kultur- und Kreativwirtschaft. Bis 2012 leitete sie den Fachbereich des c/o pop Festival, die C’n’B – Creativity & Business Convention, und begleitete u.a. die Advance – International Web & Start-Up Conference sowie diverse Projekte bei ecce – european centre for creative economy. Seit 2016 war Claudia Jericho bei CREATIVE.NRW als Leiterin der Kölner Geschäftsstelle tätig und als Ansprechpartnerin für alle Netzwerke, Konzepte und Kooperationen unermüdliche Antreiberin und Kämpferin für die Belange der Kreativschaffenden. Nach über sechs erfolgreichen Jahren bricht sie nun auf zu neuen (europäischen) Ufern und wendet sich einem neuen, überaus spannenden Vorhaben zu. 

Als Mitglied des siegreichen Teams ICE – Innovation by Creative Economy, ein von CREATIVE.Board-Mitglied Bernd Fesel initiiertes und in NRW gestartetes internationales Konsortium, hat sie kürzlich die Ausschreibung des Europäischen Innovations- und Technologieinstituts (EIT) gewonnen und wird zukünftig federführend mit dazu beitragen, die neue europäische Innovation Community EIT Culture & Creativity aufzubauen. Ziel ist es, die europäischen Kreativindustrien zu stärken und umzugestalten, indem Kreative und Organisationen aus Bildung, Forschung und Wirtschaft zum größten Innovationsnetzwerk Europas vernetzt werden. Diese neue paneuropäische Partnerschaft kann mit bis zu 150 Mio. Euro an EIT-Mitteln im Rahmen des Programms Horizon Europe rechnen. 

Foto: David Frank. 

Im Rückblick auf die vergangenen sechs Jahre CREATIVE.NRW, was waren deine  persönlichen Meilensteine, welche waren die für dich wichtigsten Projekte?  

CREATIVE.NRW selbst war ein ganz wichtiger Meilenstein für mich und eine logische Folge meiner beruflichen Laufbahn. Um mein großes Interesse an der Vernetzung von Kunst und Wirtschaft auf die nächste Stufe zu bringen, war es im Nachhinein gesehen auch ein folgerichtiger Schritt, denn Möglichkeiten brauchen Rahmenbedingungen, und die setzt die Politik. Dafür, dass ich diesen Meilenstein mittlerweile vor bereits etwas mehr als sechs Jahren antreten konnte, möchte ich zunächst einen großen und herzlichen Dank aussprechen an Christian Boros, für mich seit über zwei Jahrzehnten bereits ein Partner in „Creative Crime“.

Als er mich damals angesprochen hat, ob ich hier die Geschäftsstelle des Kompetenzzentrums für eine aufsteigende Branche mit ~400.0000 Akteur:innen und ~40 Mrd. Umsatz (vor der Pandemie 2018) vor Ort entwickeln und betreuen möchte, war das für mich eine fantastische Chance. Aufbauend auf der tollen Arbeit, die Christian und sein Team um Carolin Paulus seit 2009 geleistet haben, nämlich die Kreativwirtschaft erst einmal zu erzählen und sichtbar zu machen, hatten wir hier 2016 eine sehr gute Ausgangslage. Auf dieser haben wir dann strukturelle Instrumente wie die CREATIVE.Spaces, Netzwerke für die geografische Vernetzung, und das CREATIVE.Board, kreativwirtschaftlich orientierte Verbände für die inhaltliche Vernetzung, aufgesetzt. Das waren sicherlich auch ganz wichtige Meilensteine, mit dieser Struktur die Branche zu systematisieren und zu adressieren.

Darüber hinaus gab es bei über 600 Veranstaltungen und Kooperationen natürlich jede Menge wichtige Projekte, hier wird es schwierig, alle zu nennen. Besonders beschäftigt haben mich immer Themen, die die Gesellschaft bewegt und entsprechend Wellen geschlagen haben. Ein gutes Beispiel ist die Thematik des Urheberrechts, deren europäische Richtlinie und nationale Umsetzung wir intensiv mit verschiedensten Formaten begleitet und auch ein wenig mitgestaltet haben. Es war erschütternd für mich zu sehen, wie sich hier am Ende die Fronten verhärtet haben, es im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod ging und wir aufgrund unserer Berichterstattung über die Belange der Kreativen und ihrer Rechte am eigenen Werk als „Feinde der Demokratie“ bezeichnet wurden – das hat Grenzen überschritten, aber eben auch gezeigt, wie fundamental Kreativwirtschaft wirkt.

Spannend, relevant und vor allem zukunftsweisend wurde es für mich aber immer dann, wenn wir es wirklich geschafft haben, nachhaltig Einfluss in anderen Bereichen zu entfalten oder besonders diverse Zielgruppe in einen produktiven und ergebnisgetriebenen Austausch zu bringen. Im Idealfall konnten wir dann tatsächlich eigene, individuelle Wertschöpfungsketten erschließen, Best Practices kreieren, die so wichtig sind für die Anschaulichkeit der Wirksamkeit der Kultur und der Kreativwirtschaft – damit andere inspiriert sind und folgen können.

Hier erinnere ich mich beispielsweise an ein Barcamp mit den offenen Kommunen NRW, in dem kommunale Institutionen und Initiativen Herausforderungen gepitcht haben, die dann mit kreativen Teams vor Ort bearbeitet und vom Publikum direkt prämiert wurden – und zwar mit der Begleitung der potenziellen Realisierung. Im Grunde war das bereits ein Vorläufer unseres neuen CREATIVE.Challenges Formats. 

Das Gewinnerprojekt war damals eine smarte Litfaßsäule, die Wuppertals Urbane Gärten als temporären Ort entwickeln wollte. Wir haben dann auch die Realisierung begleitet, und leider konnte das aus verschiedenen Gründen nicht zu Ende geführt werden. Etwas tatsächlich mit erweiterten Ressourcen und einem angepassten Serviceportfolio zu unterstützen und das zur Marktreife – inklusive (finanzieller) Beteiligungsmöglichkeiten – zu führen, das wird das Ziel der nächsten Stufe kreativwirtschaftlicher Förderung oder ganz neu-deutsch gesagt des kreativen Empowerments sein.

Wohin hat sich in deinen Augen die Kultur- und Kreativwirtschaft in NRW in den letzten Jahren entwickelt, was ihre Relevanz, Sichtbarkeit, aber auch das eigene Selbstbewusstsein als Branche betrifft? 

Die Kultur- und Kreativwirtschaft, aber auch die Politik haben ein neues Bewusstsein für die Relevanz kreativwirtschaftlicher Akteur:innen und Leistungen entwickelt, und damit einhergehend ist auch eine neue Sichtbarkeit entstanden. Gefühlt würde ich sagen, sie ist dem Kindergarten entwachsen, ein Bild, das aber auch zeigt, dass noch viel zu tun ist.

Meines Erachtens ist das neue (Selbst)Bewusstsein der Branche Folge diverser Wechselwirkungen, aber meine Perspektive ist immer vor allem eine systematische und systemische, und ich würde ich daher sagen, dass das auch viel mit der zunehmenden Strukturbildung zu tun. Im Grunde war bereits der erste Schritt in diese Richtung die Definition der Branche selbst, die ja auch ein Gebilde aus in Deutschland elf (in anderen Ländern mehr) Sektoren darstellt. Hier hat man Wirtschaftskraft aggregiert, die in Europa mit 5,5 % zur Bruttowertschöpfung beiträgt und mit 12 Mio. Erwerbstätigen eine der großen Branchen darstellt. 

Besonders hat sich die Bedeutung der Strukturbildung in der Corona-Zeit gezeigt, denn diese Vernetzung benötigt es zwingend, um sich Gehör zu verschaffen. Auch so etwas wie die privatwirtschaftliche Koalition Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland (k3d) verdanken sich dieser Notwendigkeit. 

Die Strukturen haben auch maßgeblich für eine Bewusstseinsbildung über die Relevanz und Spezifikationen der Kultur- und Kreativwirtschaft beigetragen und dafür gesorgt, dass Förderprogramme so zugeschnitten wurden, dass sie die Branche überhaupt erreichen. Letztlich ist es ganz einfach: mehr Struktur, mehr Gewicht, mehr Gehör, mehr Macht, mehr Geld, mehr Wirksamkeit.

Das vom EIT beauftragte Konsortium ICE – Innovation by Creative Economy, ein Zusammenschluss von 50 Partner:innen aus 20 Ländern, hast du mit entwickelt. 150 Millionen für Kultur und Kreativität, die europäischen Kultur- und Kreativsektoren stärken und umgestalten, das hört sich nach einer sehr großen Aufgabe an. Wie kann sie gelingen? 

Anschließend an die letzte Frage, ist das ein großartiges Zeichen und auch wiederum eine Folge dieser skizzierten Entwicklungen. Die gewachsene Struktur auf europäischer Ebene liegt auch in der visionären Arbeit von ecce – european centre for creative economy in Dortmund unter Prof. Dieter Gorny und Bernd Fesel begründet, die schon vor 12 Jahren ECBN – European Creative Business Network aufgesetzt haben, einen Zusammenschluss von mittlerweile 175 kreativwirtschaftlichen Fördereinrichtungen aus 44 Ländern. Die Lobbyarbeit des ECBN hat wesentlich dazu beigetragen, dass dieser große Fördertopf, die nächste Innovation Community des EIT für die Kreativwirtschaft, erschlossen wurde. Zusätzlich hat das Europäische Parlament auf Initiative von Dr. Christian Ehler beschlossen, dass rund 2,34 Mrd. Euro aus dem europäischen Förderprogramm Horizon Europe für die Kreativwirtschaft bereitgestellt werden – nebst weiteren Fördertöpfen.

Diese so zu übersetzen, dass die jeweiligen Förderbudgets passend für die Branche gemacht werden, dafür zu sorgen, dass sie sich synergetisch entfalten, dass diese Programme orchestriert, verknüpft und vereinfacht in den Markt transferiert werden, um dort Innovationen hervorzubringen, wird der Schlüssel für das Gelingen sein.

Dafür müssen alle bestmöglich zusammenarbeiten, und wenn ich alle sage, meine ich Organisationen und Menschen aus den Bereichen Forschung, Ausbildung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Und genau das soll und wird diese neue Community machen, indem sie diese Akteur:innen vernetzt, in Austausch bringt, Strategien und Handlungskorridore entwickelt und Calls, Projekte und andere Formate zur Beteiligung und Geschäftsentwicklung aufsetzt – für die wirtschaftlichen, aber auch die nicht-technischen, sozialen, künstlerischen Innovationen und Cross-Innovationen, die wir so dringend benötigen, um die Triple Transition, die grüne, digitale und soziale Transformation zu bewältigen. Dafür werden Kultur und Kreativwirtschaft die Schlüssel und maßgeblichen Treiberinnen sein.

Ganz entscheidend für das Gelingen ist aber vor allem auch das richtige Vorgehen, indem die Beteiligten aktiv eingebunden werden. Wir haben das bereits beim Aufbau des Konsortiums erlebt, der ein längerer Prozess war. Wir haben alle 50 und noch viel mehr Partner ko-kreativ eingebunden und so auf deren Stärken und Kompetenzen aufgesetzt. Dass sich hier nun die einflussreichsten Markt- und Meinungsmacher:innen, die Top-Player in Europa in einer Struktur zusammenschließen, das entwickelt bereits jetzt einen immensen Magnetismus und damit eine phänomenale potenzielle Durchschlagskraft. Wenn das nun richtig gespielt wird, dann kann dieses Vorhaben tatsächlich eine mächtige Bewegung begründen, die das gesamte Potenzial Europas für die notwendigen Veränderungen mobilisiert: die Kultur und die Kreativwirtschaft als Gamechanger – the time is now!

Das ICE Consortium wurde in NRW gestartet. Welche Effekte wird das Projekt in Zukunft, insbesondere für den Standort NRW und die hier ansässige Kultur- und Kreativwirtschaft haben? 

Zunächst einmal profitiert NRW von der Ansiedlung des Hauptquartiers in NRW, alleine das setzt schon ein wichtiges Signal und positioniert das Land als Schaltzentrale der europäischen Kultur und Kreativwirtschaft. Dies ist eine immense Chance, die aber auch mit Voraussetzungen einhergeht.

Weitere gesteuerte Vernetzungen und eine neue Stufe der wirtschaftlichen Unterstützung sollten hier erfolgen, um den Erfolg herbeizuführen. Für diese zentralen Aufgaben der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Innovationsförderung müssen relevante Budgets allokiert werden, sonst wird das nichts, denn auch wenn Zauberer:innen zur Kreativwirtschaft gehören, ist das noch lange nicht das Kerngeschäft der Kreativen.

Hier spielt natürlich auch die Gesamtentwicklung mit hinein – Pandemie, destabilisierte Demokratien, Krieg –, hier werden Gelder umgeschichtet, und es droht auf einem neuen Niveau das zu passieren, was schon die ganze Zeit passiert: Die Kultur- und Kreativwirtschaft wird unterpriorisiert in Anbetracht der anderen Themen, Herausforderungen und Probleme. Dem muss man auf allen Ebenen entgegenwirken, und hier kommen dann eben auch die Landes- und die kommunale Ebene ins Spiel.

Damit wirklich nachhaltige Ansiedlung-, Beschäftigungs- und Innovationseffekte in NRW zu verzeichnen sind, muss hier zunächst einmal investiert werden. Die EIT C&C bringt dafür europäische Ko-Finanzierung und trägt sie in ihren Programmen ins Land. Das Land wiederum muss sich gleichzeitig auch dazu bekennen, und dieses Bekenntnis ist auch finanzieller Natur.

Seit ich letzte Woche auf unserer Veranstaltung der CREATIVE.Challenges unsere neue Wirtschaftsministerin Mona Neubaur dazu gehört habe, weiß ich aber: Wir sind hier auf dem richtigen Weg. In freier Rede hat sie ein enthusiastisches Plädoyer für die fundamentalen Gestaltungskräfte der Kultur- und Kreativwirtschaft gehalten, die in jeder Zelle des Systems – auch in denen der Politik und Administration – aktiviert und wirksam werden müssen, gerade für die grüne Transformation. Hier gilt es nun, entsprechende Prozesse und Mechanismen, Systeme und Infrastrukturen zu schaffen, wo sich Förderquellen und Inhalte in fruchtbarer, wirkungsvoller Art begegnen können.

Zu all dem werden wir beitragen: die EIT C&C Hand in Hand mit den Förderinstitutionen vor Ort wie PCI – Promoting Creative Industries, dem Netzwerk der öffentlichen Fördereinrichtungen in Deutschland, und eben ganz besonders CREATIVE.NRW.

Entscheidend ist natürlich, dass alle dieses neue Bewusstsein auch in die Tat umsetzen: Eine florierende Kultur und Kreativwirtschaft hängt am Ende auch von jedem einzelnen Beteiligten, von den vielen kreativen Akteur:innen und Unternehmen selbst ab, die wir hoffen, damit erreichen und aktivieren zu können.

Auswirkungen sollen letztlich viele wahrzunehmen, zu spüren sein, insgesamt aber sollte sich unsere Wirtschaft und Gesellschaft zu einer attraktiveren, nachhaltigeren, friedlicheren und für jeden produktiveren und erfüllenderen Wirklichkeit entwickeln – ganz besonders natürlich in unserem kreativen NRW.

Den Schnittstellen zwischen Kunst, Kreativität und Wirtschaft hast du dich in deinen bisherigen beruflichen Stationen immer mit großer Leidenschaft gewidmet. Was wünschst du dir persönlich für die kommenden Jahre, was sind die größten Herausforderungen in diesem Bereich, die es zu bewältigen gilt? 

Es ist diese ewige Mischung aus Freiheit und Führung, Inhalten und Strukturen, Kultur und Wirtschaft, die es immer wieder in Wechselwirkung und Balance zu bringen gilt. Dies spiegelt sich auch in allen Prinzipien wider, egal wohin man schaut, und ich führe das jetzt schon eng, wenn ich die UNESCO-Konvention der kulturellen Vielfalt anspreche, die Kultur mit ihrer kulturellen und unternehmerischen Seite meint als zwei Seiten einer Medaille, oder die gar nicht mehr so ganz neuen Erkenntnisse zu nicht-technologischen Innovationen, anerkennend die soziale und auch künstlerische Dimension, die Innovation eben genauso ausmachen.

Ich könnte mich nicht glücklicher schätzen, diese Komponenten jetzt auf einem solch hohen Level in Austausch bringen, an einem solch großen Rad drehen zu dürfen. Und gleichzeitig geht es eben immer wieder, wie schon erwähnt, um Menschen, um ihre Bedürfnisse, Wünsche, ihre Anforderungen und Ängste. Menschen und Strukturen in einen Einklang zu bringen, dass ein Vielklang daraus entsteht, Menschen Strukturen zu geben, in denen sie sich entfalten können, und gleichzeitig damit die Strukturen zielführend und sinnstiftend weiterzuentwickeln, das ist meines Erachtens die große Kunst, die meinen Handlungsbereich, aber auch meine Leidenschaft beschreibt.

Dass ich dies mit Klarheit und Fokus, Offenheit und Inspiration, Wärme und Humor für mich und für möglichst viele Menschen bereitstellen kann, und auch dass sich Arbeit wie gutes Leben anfühlt, das wäre mein Wunsch. 

Allen Partner:innen und Kolleg:innen möchte ich ganz herzlichen Dank aussprechen, für die gemeinsame Arbeit, für spannende Gespräche, inspirierende Momente und hilfreiche Unterstützung und für die großartige Zeit, die wir zusammen erlebt haben.

Meinem Nachfolgerteam bei CREATIVE.NRW, das fast in der gleichen und bewährten Form bestehen bleibt, wünsche ich alles Gute und viele kreative Erfolge, und ich freue mich schon sehr auf die Zusammenarbeit in neuen Zusammenhängen. 

 

(Ergänzender Hinweis von Claudia Jericho: Kultur- und Kreativwirtschaft mit Bindestrich, wenn die wirtschaftlichen Teilaspekte gemeint sind. Kultur und Kreativwirtschaft, wenn die gesamte Branche gemeint ist, denn Kultur ist mehr als Kulturwirtschaft.)

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