CREATIVE.Talk

CREATIVE.NRW sprach mit Volker Bertelmann (Hauschka) über Karrierewege, das Moment des Scheiterns als Kernelement kreativer Arbeit sowie über die Subkultur Nordrhein-Westfalens als Nukleus eines erfolgreichen Kreativsektors.

Sie stammen aus Kreuztal, sind in Düsseldorf zu Hause, spielen vor Publikum in Deutschland und der Welt und haben in Ihrer Biografie doch immer wieder einige einschneidende Richtungswechsel vollzogen. Was ist rückblickend Ihr Erfolgsrezept, um als Kreativer auf dem Musikmarkt bestehen zu können?


Es gibt meiner Meinung nach kein Rezept. Ich glaube, zwei Dinge sind mir klar geworden. Ich kann nur stetigen Erfolg haben, wenn ich das mache, was mir Spaß macht und ich natürlicherweise ich bin. Wenn ich von Natur aus kein Popstar bin, sollte ich auch keiner werden – es macht keinen Sinn und führt nur zu Schieflagen. 

Allerdings muss man auch einen extrem langen Atem haben. Auf dem Weg zu dem, was man wirklich machen will, liegen viele unliebsame oder anstrengende Herausforderungen. Ich habe eigentlich durch alle Fehlentscheidungen sehr viel gelernt und weiß dadurch heute zumindest, was ich nicht mehr machen möchte.

Ihre Musik bedient sich zahlreicher Zufälle und spielt mit diesen. Das Prinzip der sogenannten Serendipität ist ein Kernelement kreativer Arbeit. Wie kann der Umgang mit dem Zufall auch außerhalb dieser kreativen Karrieren bzw. in Ihrem Fall der musikalischen Arbeit gestärkt werden?

Ich glaube, der Umgang mit dem Zufall kann auch als Umgang mit Fehlern umdefiniert werden. Ich finde, es kann nur Neues, Innovatives und Individuelles geben, wenn man den Mut hat, Fehler zu begehen und Risiken einzugehen. In der heutigen Zeit ist kaum Zeit für Korrekturen, daher hat man oft nur eine Chance.

Gute Arbeit braucht mehr Chancen und ebenso die Zeit für Korrekturen. Insofern ist das Prinzip des Wagnisses eins meiner Grundprinzipien – und es hält mich lebendig.

Neues keimt oft in den Zwischenräumen und in noch nicht etablierten Strukturen, ungewollt oder in subkulturellen Nischen. Wie schätzen Sie hier das Potential in NRW ein? Gibt es besondere subkulturelle Szenen?

Natürlich gibt es subkulturelles Potential und zwar nicht zu knapp. Ich finde sogar, dass NRW eine unglaublich gute Mischung aus sehr prägender, aber auch sehr unprätentiöser Subkultur hat. Düsseldorf, Köln, das Ruhrgebiet sind für mich Orte, an denen vieles wachsen kann, ohne den Druck zu haben, hip oder gerade aktuell zu sein. Meine Erfahrung ist, dass  die Dinge oft nicht in den großen Metropolen dieser Welt entstanden sind, sondern in Orten wie Düsseldorf oder Köln, und sie werden dann zu Netzwerken in die Metropolen gebracht. Also, ich hoffe, es geht weiter so in NRW, und man denkt nicht, man muss unbedingt in Berlin sein, um coole Dinge zu machen.

Sie touren gerade durch die USA. Phänomene wie das verfallende Detroit ziehen Start-up-Firmen an. Die einstige Pleite der amerikanischen Autostadt scheint mittlerweile große Chancen zu bieten. Auch in NRW sind die vom Strukturwandel gezeichneten Gebiete in einem kontinuierlichen Wandel. Wie sind Ihre Eindrücke basierend auf Touren und der Arbeit zu Hause?

Ich finde, der Verfall und das Scheitern haben immer etwas von einem Neustart und einer großen Chance. Ich finde es oft schwer, bestehende, manchmal sehr verkrustete Strukturen aufzubrechen. Man kann dies manchmal an politischen Prozessen beobachten, in denen durch viel Lobbyistentum Kompromisse erwirkt werden, die vielmehr nur eine Reaktion sind, jedoch nichts verändern.

Neuanfänge haben zumindest den Vorteil, dass sich die Interessengruppen erst noch finden müssen, und im Falle von Detroit ist das vielleicht nur eine Frage der Zeit. Aber ich finde es hoffnungsvoll, dass es Möglichkeiten wie in Detroit, aber auch im Leben selbst gibt, die einen zwingen, über Prozesse nachzudenken und sie eventuell zu verbessern oder ganz anders anzugehen.

Beschreiben Sie Düsseldorfs Musikszene in einem kurzen Satz…

Klein, lebendig und vielseitig – und es gibt immer wieder tolle Künstler, die bekannt werden und die Musikwelt prägen.