CREATIVE.Talk

CREATIVE.NRW sprach mit Dr. Sebastian Olma (The Think Tank, Amsterdam) über aktuelle Diskussionen zu einem neuen Innovationsbegriff, neue Strategien für Unternehmen und die Notwendigkeit von mehr fluiden Netzwerkstrukturen zwischen Industrie, anderen Branchen und der Kreativwirtschaft. Für CREATIVE.NRW arbeitet Sebastian Olma derzeit an einem Handbuch zum Thema Innovationsökonomien, das im kommenden Frühjahr erscheinen wird.

Lieber Herr Olma, Sie verfolgen seit Jahren die internationale Diskussion um den Innovationsbegriff. Wie weit sind wir in Deutschland in dieser Debatte?

Man sollte sich erst einmal anschauen, vor welchem realwirtschaftlichen Hintergrund diese Debatte stattfindet. Deutschland steht derzeit wirtschaftlich im europäischen Vergleich hervorragend da. Nicht zuletzt der deutsche Außenhandelsüberschuss zeigt, dass deutsche Betriebe nach wie vor Produkte und Dienste hervorbringen, die im Ausland massiv und stabil nachgefragt werden. Vor allem bei den Gütern der klassischen Industrieproduktion ist Deutschland innovativ genug, um am Weltmarkt mitzuhalten.

Allerdings birgt der derzeitige Erfolg auch gewisse Gefahren in sich. Wir können davon ausgehen, dass gerade auf diese Bereiche in den kommenden Jahren strukturelle Veränderungen zukommen werden. Und diese werden sich gewiss nicht durch traditionelle Produktverbesserungen bewältigen lassen.

Sondern wie?

Im Kern geht es darum, den rein technologischen, auf Produktoptimierung angelegten Innovationsbegriff entschieden zu erweitern. Nachhaltiger Wettbewerbserfolg fußt heute und in der Zukunft auf der Fähigkeit von Unternehmen, sehr weitläufige Beobachtungen bei technologischen, kulturellen und organisatorischen Entwicklungen anzustellen und diese in Innovationsimpulse umzuwandeln.

Unter Wissenschaftlern spricht man in diesem Zusammenhang schon seit längerem von „Umweltbeobachtungssystemen“. Unternehmen, die in der heutigen hochdynamischen Wettbewerbssituation nachhaltig erfolgreich sein wollen, sind dazu angehalten, sich als komplexe Adaptionssysteme zu verstehen, die systematisch ihre Umwelt beobachten.

Wie sieht so eine hochadaptive Strategie für Unternehmen aus?

Es ist Unsinn, zu glauben, dass Unternehmen sich dauernd umkrempeln und neu erfinden müssten. Der wilde Aktionismus, wie er oft gepredigt wird, ist absolut fehl am Platze. Worum es geht, ist das Zulassen des richtigen Maßes an externem Input sowie dessen adäquate Verarbeitung. Will heißen: Relevante Entwicklungen in Nah und Fern mitzubekommen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Dabei kann kein Unternehmen dies heute ganz allein bewerkstelligen.

Henry Chesbrough, der Erfinder der „Offenen Innovation“, argumentiert, dass wir an einem Punkt der Wirtschaftsentwicklung angelangt sind, wo es für Unternehmen weder sinnvoll noch möglich ist, das gesamte für den Produktionsprozess relevante Wissen und die dazugehörigen Fertigkeiten intern zu besitzen.

Welche Rolle spielt die Kreativwirtschaft innerhalb dieser neuen Zusammenschlüsse?

Die Kreativwirtschaft ist eine politisch motivierte Reaktion auf die wachsende Bedeutung der sogenannten immateriellen, kognitiven, ästhetischen Dimensionen in der heutigen Ökonomie. Was sich dabei zunehmend als Trugschluss erweist, ist die Annahme, man müsste deshalb einen wohldefinierten Sektor abstecken, der dann homogen zu fördern wäre.

Wichtiger als die Debatten um die Definition ist, dass in der Kreativwirtschaft auf der technologischen, sozialen und kulturellen Höhe unserer Zeit Prozesse und Verfahren entwickelt werden, die von großer Bedeutung für das gesamtwirtschaftliche Gefüge sind. Statt also unter dem neuen Label der „Offenen Innovation“ altbackene Kooperationsverträge zu schließen, wäre es für sowohl den Mittelstand als auch die Großbetriebe angezeigt, sich in wirklich offene und dynamische Netzwerkverbindungen zu begeben.

Sie meinen also im Sinne einer Innovationsökologie?

Von mir aus kann man diese Netzwerke auch Ökologien nennen. Allerdings ist es vielleicht auch an der Zeit, die Biologiemetaphern hinter uns zu lassen, um nachzuschauen, was an der Schnittstelle zwischen traditionell ausgerichteten Unternehmen und kreativen Netzwerken bereits passiert und wo die Potentiale liegen.

Ehrlich gesagt spreche ich in diesem Zusammenhang lieber von Innovationsökonomien. Innovationsökonomien formen sich genau dort, wo die kluge Verbindung von Realwirtschaft und kreativer Netzwerkökonomie der wirtschaftlichen Praxis einen Update verpasst.

Und konkret heißt das?

Ganz einfach: Ein besseres Umweltbeobachtungssystem als ein heterogenes Netzwerk kreativer Köpfe gibt es nicht. Vor allem in der Kreativwirtschaft können Unternehmen die Kompetenzen finden, die ihnen zur Erschließung neuer Technologien und Organisationsformen intern fehlen.

Allerdings ist es dazu notwendig, dass sich etablierte Unternehmen auf Augenhöhe mit den Akteuren der Netzwerkökonomie einlassen. Es erfordert in der Tat eine gewisse Öffnung zumindest spezifischer Teilgebiete des Unternehmens.

In den Niederlanden macht beispielsweise seit einigen Jahren das Unternehmen Seats2meet von sich reden, das gratis Arbeitsplätze für freischaffende Unternehmer und Coworker zu Verfügung stellt. Die an das Unternehmen bis dato zurückgeflossene Innovationsleistung ist enorm: Seats2meet war in der Lage, sein gesamtes Geschäftsmodell derart zu modernisieren, dass es sich innerhalb weniger Jahre über ganz Holland ausbreiten konnte und nun bis nach Japan und Indien expandiert. So wurde aus einem traditionellen Office Centre selbst ein weltweit erfolgreiches Geschäftsmodell.