Radikale rein!

Probleme können nicht mit derselben Denkweise gelöst werden, mit der sie entstanden sind, wissen wir von Albert Einstein. Wenn man sich umschaut und umhört, scheint es in unserer Welt an Problemen nicht zu mangeln: Bankenkrise, Schuldenkrise, Eurokrise, Haushaltskrise, Wirtschaftskrise, nicht zu vergessen Ressourcenknappheit und Klimawandel – die Liste ließe sich lange fortsetzen. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass wir nicht mehr das Richtige tun – und dass wir keine Ahnung haben, was das Richtige ist… Denn Lösungen in dem Sinne, dass sich die Probleme wie Tütensuppe in Wohlgefallen auflösen,  sind nicht in Sicht. Und solche Lösungen sind, das wiederum lehrt uns Bazon Brock, auch gar nicht möglich.

Die großen Probleme sind a priori nicht lösbar – jede vermeintliche Lösung führt zu neuen Problemen, und diese sind zuweilen gravierender als das Ausgangsproblem. Wir müssen also Wege finden, mit diesen Problemen zu leben, mit ihnen umzugehen. Dafür müssen wir die Denkweise wechseln – und genau das ist die Kernkompetenz von Künstlern und Kreativen. Gewissheiten in Frage stellen, in Alternativen denken, abseits der Norm, von Grund auf anders und neu, im besten Sinne radikal: Das können Kreative. Und diese Fähigkeiten sind für uns in Deutschland, für Wirtschaft und Gesellschaft, heute wichtiger denn je. Den globalen Preiswettbewerb können unsere Unternehmen nicht mehr gewinnen – im Wettbewerb der Ideen hat das Land der „Dichter und Denker“ noch eine Chance, aber auch hier holen andere Länder auf. Nur mit wirklich neuen und wirklich relevanten Produkten und Konzepten können in Zukunft noch Erfolge erzielt werden – und dafür brauchen Unternehmen Menschen, die radikal anders denken.

Kreative müssen heute nicht mehr „nur“ Künstler, Musiker, Grafikdesigner oder Produktgestalter werden – auch das ist wichtig, aber in wirklich kreativen Köpfen steckt Potenzial für mehr. Das erfordert natürlich auch von den Kreativen ein Umdenken: Wie Katja Kullmann in unserem „Radical Thinking“-Panel auf der C´n´B in Köln ganz richtig gesagt hat, müssen sich Kreative heute mehr Gedanken darüber machen, was ihr Tun in der Welt bewegt; und dafür müssen sich mit Themen befassen, die weit abseits dessen liegen, was bislang zu ihren Berufsbildern gehörte. Doch dann stehen ihnen vollkommen neue Perspektiven offen. Auf der C´n’B habe ich gefordert, dass jedes Unternehmen einen Kreativen als „Radikalitätsbeauftragten“ einstellen sollte, der in einer Querschnittsfunktion das gesamte Unternehmen durchleuchtet und gemeinsam mit den Fachleuten der jeweiligen Disziplinen nach neuen Prozessen, neuen Konzepten, neuen Lösungen, neuen Produkten sucht. Mehr noch: Wir brauchen für unsere gesamte Gesellschaft einen neuen Radikalenerlass, nur dass es heute nicht mehr heißt: „Radikale raus!“, sondern: „Radikale rein!“.

Unsere Gesellschaft lechzt förmlich nach neuen Arten des Lebens und Arbeitens, oder besser: des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens, die die Bedürfnisse des Einzelnen mit denen der Wirtschaft, der Gesellschaft und auch der Umwelt in Einklang bringen. Coworking, Crowdsourcing, Crowdfunding, Urban Gardening: Das sind nur einige Beispiele für neue Konzepte, die maßgeblich aus der Kreativwirtschaft angestoßen wurden und werden. Und ich bin sicher: Gerade die Kreativen aus NRW haben noch viele Ideen, wie wir alle in Zukunft gut leben können. Öffnen Sie also die Fenster, lassen Sie den frischen Wind des radikalen Denkens hinein, machen Sie auch die Türen auf, damit er sich überall, bis in die letzten Ritzen verbreiten kann. Atmen Sie dann noch einmal tief durch – und legen Sie los…

Christian Boros
Clustermanager CREATIVE.NRW