Das Leben als Feldversuch

Mit dem Tod von Steve Jobs verliert die Welt nicht nur einen hervorragenden Unternehmer, sondern auch einen außergewöhnlichen Kreativen. Denn Jobs verkörperte zwei völlig unterschiedliche menschliche Typologien. Auf der einen Seite den erfolgsbesessenen, teils skrupellos agierenden Unternehmer, jemanden, der es auf Wirkung im Markt abgesehen hat. Andererseits steckte in ihm aber auch der feinsinnige Ästhet und Kreative. Um sich zu überzeugen, reicht ein Blick auf sein materielles Erbe: Mac, iPod, iPhone.

Im Ergebnis entsteht aus dieser Mischung das prototypische Bild sowohl eines neuen Unternehmers als auch das eines neuen Kreativen. Es entsteht das Vorbild eines Menschen, der das Beste aus diesen beiden Typologien zu einem neuen Typus vereint. So ein Über-Kreativer ist dann auch einer, der sich mit der Gestaltung von Medien und Kunstwerken nicht begnügt. Dafür steckt zu viel unternehmerischer Größenwahn in ihm. Also wird die Welt zum Gestaltungsobjekt erklärt. Dann geht es nicht nur um die Frage, wie das Objekt aussieht, sondern um die Frage, welche Prozesse es innerhalb der Welt gestaltet. So einer bekommt natürlich unsere Aufmerksamkeit. Mehr als alle, die nur ihren Job verrichten. Egal, ob als Kreativer oder als Kaufmann.

Wirft man einen Blick in die Geschichte, wird außerdem klar: Solche Kreativen gab es schon immer. Historisch gehören DaVinci und Goethe in die gleiche Kiste. Gerne würde ich die Aufmerksamkeit auch noch auf Richard Buckminster Fuller lenken. Er war Architekt, Ingenieur, Automobilbauer, Irrer, Erfinder des „geodätischen Domes“ und zahlreicher Analogien über die Art, wie dieser Planet zu führen sei. Von ihm stammt der Begriff „Raumschiff Erde“. Von ihm können wir auch lernen, dass zum Kreativen nicht nur der Wille zur Gestaltung von Gegenständen gehört, sondern auch der Wille zur Gestaltung des eigenen Lebens. Als in den zwanziger Jahren seine Tochter Alexandra mit nur vier Jahren an Polio starb und damit auch sein Wille zu leben, griff er nach einem intellektuellen Strohhalm und erklärte den Rest seines Lebens zum Experiment. Auch hier also die Erweiterung der kreativen und unternehmerischen Kampfzone. Einer, der nicht nur Logos gestalten will, sondern das Leben.

Es klingt schon fast beängstigend. Aber in Wirklichkeit brauchen wir solche Denkweisen dringender als alles Andere. Die des Gestalters und die des Einwirkenden. Denn es macht unser Handeln verantwortungsvoller. Darin liegt sozusagen die Kehrseite des Beuys‘schen Dogmas des Künstlers, der wir im Grunde alle sind: Wenn wir alle Künstler sind, schaffen wir auch ständig das Kunstwerk des eigenen Lebens.
Von wo werden diese neuen Kreativen in Zukunft kommen? Kann man Menschen lehren, so weit über den Tellerrand ihrer eigenen Existenz hinauszuschauen, dass sie mit ihren Fähigkeiten weiter denken als bis zum nächsten Geschäftsbericht? Ganz egal, ob es um die darin abgedruckten Zahlen oder deren Gestaltung geht?

In Kooperation mit CREATIVE.NRW hat der Art Directors Club für Deutschland ein einzigartiges Projekt umgesetzt. Es heißt ADCFieldwork und befasst sich mit der Frage, zu welchen Ergebnissen junge Kreative kommen, wenn man sie an die Lösung der großen Probleme unserer Gesellschaft lässt. Interessanterweise werden aus den jungen Studenten große Visionäre, die ihre Ideen zum Teil bis in das letzte operative Detail denken. Am Ende sind nicht nur über 240 grandiose Ideen entstanden, sondern viele, viele Konzepte für spannende Start-ups. Wir müssen uns also keine Sorgen machen. Die neuen kreativen Unternehmer sind zwar noch nicht an den Hebeln der Macht, aber schon lange unter uns. Und ich wage mal ganz ungeprüft die Behauptung, dass ihnen die Zukunft der Welt gehört. Wer möchte, kann sich davon ein eigenes Bild machen. Und zwar ab dem 5. November 2011 im Forum NRW in Düsseldorf.