CREATIVE.Talk

Richard Jung ist Professor für Kommunikationsdesign und Corporate Identity an der Hochschule Niederrhein. Bevor er 2006 an den Fachbereich Design nach Krefeld kam, war er Kreativdirektor in der Hamburger Werbeagentur Springer & Jacoby und danach Geschäftsführer Kreation der Agentur Scholz & Friends. Dort gründete und leitete Jung den Spezialbereich Forschung und Entwicklung. Im Rahmen von ADCFieldwork betreute er verschiedene Projekte von Designstudenten an der Hochschule Niederrhein.


Herr Jung, im Fokus von ADCFieldwork stehen innovative Ideen zu den Themen gesunde Ernährung, familienfreundliche Arbeitswelt und grüne Mobilität. Sind das nicht eher Themen für den Sozialwissenschaftler?

Warum? Sozial heißt doch nichts anderes als „gemeinsam, verbunden“ und beschreibt die wechselseitigen Beziehungen des Zusammenlebens. Ohne Kommunikation gibt es keine Verständigung und logischerweise auch keine menschlichen Beziehungen. Demnach ist soziales Denken und Handeln die originäre Tätigkeit eines Kommunikationsdesigners. Der Grund, warum Design im Allgemeinen und Kommunikationsdesign im Besonderen nicht als soziale Tätigkeit gesehen wird, liegt daran, dass viele leider auch an den Hochschulen der rapiden Entwicklung im Kommunikationsdesign noch nicht gefolgt sind oder folgen wollen. Kommunikationsdesign ist viel mehr als nur reine Gestaltungsfähigkeit mit Fläche, Farbe, Bild und Schrift. Es ist genau das, was der Name auch sagt: Gestaltung von Kommunikation und das nicht nur formal. Kommunikation stammt vom lateinischen „communicare“ und bedeutet „teilen, mitteilen“, aber auch „gemeinsam machen, vereinigen“. Sozial ist demnach ein Synonym für Kommunikation. So gesehen sind Designer heute Sozialwissenschaftler, mit dem großen Unterschied, dass sie nicht nur theoretisch denken, sondern auch praktisch machen können.

Wie, glauben Sie, hat sich der Blick der Studenten durch ADCFieldwork auf die eigenen beruflichen Möglichkeiten verändert?

Ach, wissen Sie, verändern kann man da eigentlich nicht viel. Die allermeisten Studenten wollen im Studium erst mal schauen, was da so auf sie zukommt. Sie wollen „irgendetwas mit Zeichnen“ machen oder „irgendetwas mit Werbung“ oder „irgendetwas mit Design“. Man will Design studieren, weil es „irgendwie cool“ ist, etwas Kreatives zu machen. Wenn man fragt, was „kreativ“ eigentlich ist, sind die Antworten oft sehr schwammig. Letztendlich wird „kreativ" mit „Kunst“ gleichgesetzt. Das Lehrangebot von ADCFieldwork und die damit verbundene Öffentlichkeitsarbeit korrigiert diese überkommene Vorstellung und Designer-Klischees. Das Projekt zeigt, welchen Beitrag Design zur sozialen Wertschöpfung leisten kann und eröffnet neue wirtschaftliche Perspektiven für die Branche und damit Einkommensmöglichkeiten für Designer.

Sind Designer in der Lage, die Komplexität unserer Gesellschaft zu reduzieren?

Ich würde sagen, das ist die Hauptaufgabe eines Designers. In der Reduzierung von Komplexität liegt die Wertschöpfung, denn die meisten gesellschaftlichen, aber auch ökonomischen Probleme entstehen durch Desorientierung, Unverständnis, Durcheinander und Chaos. Wie eingangs schon mal gesagt: Wenn ich Kommunikation gestalte, gestalte ich zwangsläufig Beziehungen, und wenn ich Beziehungen gestalte, bringe ich Übersicht, Ordnung, Perspektive und Einfachheit in komplexe Systeme. Wir reden hier über etwas, das den Beruf an und für sich ausmacht.

ADCFieldwork hat gezeigt, dass Designer auch gesellschaftspolitische Fragestellungen bearbeiten können. Was muss passieren, damit dieses interdisziplinäre Potenzial einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird?

Im Prinzip ist schon etwas passiert, das einer sehr breiten Öffentlichkeit dieses Potenzial bekannt gemacht hat, auch wenn es von den meisten nicht als solches wahrgenommen wird. Konkret: Der Apple-Gründer Steve Jobs repräsentiert das, was einen guten Designer heute ausmacht. Er war in der Lage, Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen von einer Sache zu begeistern. Er konnte Identität stiften und Sinn vermitteln, damit unterschiedliche Menschen und Kompetenzen effektiv und effizient gemeinsam an einem Projekt, beziehungsweise an Problemlösungen arbeiten. Er war kreativ, für ihn waren Probleme das Entdecken neuer Möglichkeiten. Er löste sie, indem er anders dachte und anders handelte als die meisten Menschen. Dabei orientierte er sich konsequent an ihren Bedürfnissen und stellte damit die soziale Komponente in den Mittelpunkt. Steve Jobs reduzierte Komplexität durch das Gestalten von Beziehungen. Er berücksichtigte konsequent ästhetische Kriterien bei der Entwicklung und Gestaltung eines Produktes und hatte dabei stets auch die ein Produkt begleitenden Dienstleistungen im Blick. Vor allem verstand er das, was heute immer wichtiger wird: das Interface, die Grenze zwischen der zunehmend digitalen Technik und der analogen, menschlichen Welt.  

Das alles sind die Eigenschaften und Fähigkeiten eines Designers, die der Öffentlichkeit, aber auch den Design-Studenten selbst eher unbewusst bekannt sind. Zugegeben, sie gehen weit über die bisherigen, herkömmlichen Anforderungen an einen Designer hinaus. Aber wir reden hier über ein Hochschulstudium und über die Anforderungen in einem sich exponentiell verändernden digitalen Zeitalter. 

Was muss der Designer der Zukunft können?

Ein Designer trägt heute wie auch in Zukunft zur Wertschöpfung bei und ordnet durch seine Arbeit das Durcheinander unserer Gesellschaft. Und das nicht nur in formaler Hinsicht. Grundsätzlich müssen wir uns von der überkommenen Berufsvorstellung verabschieden, dass der Designer ein bloß materieller Gestalter ist, oder es jemals war. Die Öffentlichkeit und die Akteure der Kreativwirtschaft selbst müssen endlich begreifen, was Design heute ist, und was ein guter Designer im 21. Jahrhundert leisten kann. Das Projekt ADCFieldwork und dessen Ergebnisse haben hierzu einen wesentlichen Beitrag geleistet.