CREATIVE.Talk

Für die erste Ausgabe unseres neuen Gesprächsformat CREATIVE.TALK baten wir Christine Kubatta (Leiterin AMD Düsseldorf) und Prof. Dr. Rainer Zimmermann (FH Düsseldorf) zusammen an einem Tisch: Wir sprachen über Kirchtumdenken, Wertschöpfungs- und Verknappungsstrategien und die Wettbewerbsfähigkeit der Kultur- und Kreativwirtschaft in NRW.

Für die erste Ausgabe unseres neuen Gesprächsformat CREATIVE.TALK baten wir Christine Kubatta, Leiterin des AMD Standortes Düsseldorf, und Dr. Rainer Zimmermann, Professor für Design an der Fachhochschule Düsseldorf, zusammen an einem Tisch: Wir sprachen über Kirchtumdenken, Wertschöpfungs- und Verknappungsstrategien und darüber warum eine starke Marke fundamental für die Wettbewerbsfähigkeit der Kultur- und Kreativwirtschaft NRWs ist.

 

CREATIVE.NRW: Frau Kubatta, könnte eine starke Marke die Kreativwirtschaft in NRW weiter nach vorne bringen?

Kubatta: Natürlich braucht es eine starke Marke, gerade auch in Sachen Mode. Es braucht ein übergeordnetes Thema, das für die Kreativität in NRW steht. Düsseldorf vereint viele Themen in sich, zum einen die Mode, Design und Architektur. Das sind große Themen, die hier geballt zusammenstehen und das nicht nur in Düsseldorf, sondern in gesamt NRW. Das sollte man nutzbarer machen und auch mehr nach außen bringen.

Zimmermann: Die Frage ist immer: Über welche Marke reden wir hier? NRW hat eine starke Kreativwirtschaft – objektiv, alleine schon aufgrund der Bevölkerungsgröße auch im Vergleich zu Berlin oder Hamburg. Da brauchen wir uns nicht zu beschweren. Zweitens: Wir haben auch eine Plattformmarke, CREATIVE.NRW, die in der Binnenvernetzung einiges leistet. Aber: NRW ist keine Marke – das wissen wir seit 50 Jahren. Da hat es vielfältige Versuche gegeben, und es wird niemals so sein, dass NRW so sexy ist wie Berlin oder Hamburg oder London und Paris.

Kubatta: Warum nicht?

Zimmermann: Das liegt in der Natur der Sache. Es gibt Metropole-Brands aber Agglomerationen- oder Ballungsräume, die keinen Schwerpunkt, kein Kraftzentrum haben, werden nun einmal nicht als Marke wahrgenommen. Und deswegen sollten wir trennen: Reden wir über die Realität oder über die Wahrnehmung von Realität. In der Realität ist es ein extrem starker Standort und auch nach wie vor wettbewerbsfähig. In der Mode gegenüber Berlin vielleicht nicht mehr unbedingt, aber in anderen Bereichen wie der Werbe- oder Designwirtschaft und Musik. Das Problem ist, dass die Sichtbarkeit nicht gewährleistet ist und das liegt eben daran, dass NRW nicht sexy ist, um es mal salopp zu sagen.

Kubatta: Aber was ist denn sexy?

Zimmermann: Düsseldorf ist ein bisschen sexy, das wird allerdings in NRW eigentlich nicht akzeptiert. Köln ist sexy, die Zeche Zollverein ist auch noch ein bisschen sexy, dann ist aber auch schon Schluss. In der Realität gibt es auch in kleineren Städten gute Kreative, die gute Arbeit leisten, aber das wird nicht wahrgenommen. Das liegt weder an NRW noch an Dortmund. Das liegt schlicht und ergreifend an der Tatsache: Sexy sind Metropolen ab einer Einwohnerzahl von 3 Millionen – Punkt! Und da wir keine einzige 3-Millionen-Stadt haben, werden wir diese Form von Sexappeal nie produzieren.

CREATIVE.NRW: Das Ruhrgebiet versucht sich ja gerade als "Metropole Ruhr" neu zu erfinden, was angesichts der unterschiedlichen kommunalen Interessen eine schwierige Aufgabe ist…

Zimmermann: Richtig: Die innere Fragmentierung, der Föderalismus, das alles sind Stärken, die eine sehr lebendige, pluralistische Szene auch innerhalb der Kreativwirtschaft produziert haben. Da muss man gar nicht traurig drüber sein. Mich wundert nur immer: Das Land sehnt sich nach Größe, nach Sichtbarkeit, möchte endlich mal in einem Atemzug mit den großen Metropolen genannt werden. Wenn das wirklich das Bedürfnis ist, dann müsste man eben einfach mal ein paar Städte fusionieren. Aber das ist politisch nicht gewünscht. Wir sind keine Metropole, wir wollen auch keine werden. Wir sind ein Flächenland mit einer sehr dezentralen und föderalistischen Struktur, und wir werden immer einen Mangel haben in der internationalen Wahrnehmung.

Kubatta: Ich glaube, dass vieles in der Außenwahrnehmung über Projekte geht – man muss Konvergenzen nach außen sichtbar machen. Es gibt hier viele Kreative und auch wirklich starke Kreative. Aber Düsseldorf betreibt zu wenig Anstrengungen, um das nach außen zu stellen. Alle reden von Kreativwirtschaft. Dass sie ein großer Wirtschaftsfaktor geworden ist, hat man inzwischen festgestellt, aber man muss eben einen lauteren Aufschlag machen, dann kann auch eine Stadt, die keine 12-Millionen-Metropole ist, interessant sein.

Zimmermann: Wir brauchen Plattformen, wir brauchen Lighthouse Events. Ein Beispiel: Das NRW-Forum ist ein interdisziplinärer Ort, wo Mode, Modefotografie, Design, Kunst, Musik und neue Medien zusammenfinden – ein Ort, an dem man die Schnittmengen und Berührungspunkte sieht. Insofern ist es ein sehr gutes Beispiel, und es hat ja auch in der Positionierung und in der Profilbildung für NRW einiges getan. Es hat vor allem auch Besucher aus dem Ausland angezogen.

CREATIVE.NRW: Während in Düsseldorf schon viele Kreative über den Mangel an bezahlbaren Räumen klagen, müssen die in anderen Städten entstehenden Kreativquartiere erst einmal gefüllt werden. Wie sollte die Politik mit diesem Thema umgehen?

Zimmermann: Cluster brauchen eine räumliche Bündelung, das ist wissenschaftlich unumstritten. Aber wir haben keine räumliche Bündelung. Es ist illusorisch, Dinge zu machen, die eine europaweite Aufmerksamkeit erzielen, in einer Stadt, die noch nicht einmal einen Flughafen hat. Aber ganz Nordrhein-Westfalen gönnt Düsseldorf das nicht – Düsseldorf soll kein Kraftzentrum werden, wir wollen lieber verteilen. Wir haben acht unterfinanzierte Studiengänge im Produkt- und Kommunikationsdesign – ich hätte lieber einen vernünftigen, der mit Zürich, dem Savannah Institute und der Konkurrenz in Skandinavien mithalten kann, als drei schlechte, drei mittelmäßige und vielleicht zwei, die einigermaßen gut sind. Das ist eine politische Entscheidung, ebenso wie zu sagen: Kompetenzen rund um das Buch und Literatur bündelt man in Köln. Und dann schauen wir mal, wo wir einen Schwerpunkt für die Musik bilden. Unsere Studierenden kommen aus ganz Nordrhein-Westfalen, aus ganz Deutschland und ganz Europa – Entfernungen spielen demnach keine große Rolle.

CREATIVE.NRW: Was wäre dann Ihr Wunsch an die Politik, um in den nächsten zehn Jahren den Kreativstandort in dieser Weise zu stärken?

Zimmermann: Wenn das Cluster weiterentwickelt werden soll – und wohlgemerkt: ich finde, wir sind auf einem sehr guten Weg, wir jammern auf hohem Niveau, insofern ist das ja keine traurige Botschaft – wenn man sich noch weiter verbessern will, geht das erstens über das Prinzip der räumlichen Bündelung. Man muss ein bisschen mehr kontrahieren und aus der Fläche heraus bestimmte Punkte zusammenziehen. Zweitens geht das über Veranstaltungen, Ausstellungen, Events, bei denen interdisziplinäre Kräfte zusammengeholt und Konvergenzen sichtbar werden. Das Beispiel NRW-Forum könnte man sich auch in die Messe oder in das K21 hineindenken oder in andere Orte. Und das dritte Prinzip ist die Zusammenarbeit, Kooperation, Kollaboration oder auch Coopetition zwischen Wirtschaft, Hochschulen und einzelnen Playern aus der Kreativwirtschaft.