CREATIVE.Talk

Als Zukunftsforscher beschäftigt sich Klaus Burmeister seit drei Jahrzehnten mit den Herausforderungen für Wirtschaft und Gesellschaft. 1997 gründete er mit Z_punkt ein Beratungsunternehmen für strategische Zukunftsfragen. 2014 rief er das foresightlab in Düsseldorf ins Leben. Der Prozess der digitalen Transformation, gesellschaftliche Umbrüche und deren aktive Mitgestaltung stehen bei seiner Arbeit im Zentrum. In seinem 2016 veröffentlichten Buch „Stadt als System“ versammelt er Trends und Herausforderungen für die Zukunft urbaner Räume. Einen Einblick in die Zukunft der Stadt gibt Klaus Burmeister in seinem Vortrag am 28. September in Köln bei der Veranstaltung „Wir bauen eine smARTe City“, die CREATIVE.NRW und Web de Cologne in Kooperation mit dem Rotonda Business Club und der Architektenkammer NRW veranstalten. Im CREATIVE.Talk erklärt er, warum man Städte als Organismus begreifen muss und wie sie dem gesellschaftlichen Wandel begegnen können.

Herr Burmeister, Sie beschäftigen sich mit der Zukunft unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Was sind die größten Herausforderungen, denen wir aktuell, insbesondere im urbanen Raum begegnen müssen?

Es gibt eine hohe Kontinuität in den Herausforderungen für den urbanen Raum. Zentral sind immer noch die alten Fragen des Wohnens und des sozialen Zusammenlebens. Die fehlenden finanziellen Ressourcen für die Infrastruktur sind ein weiteres Dauerthema. War es früher der Straßenausbau, sind es heute der Straßen- und der Breitbandausbau. Aus meiner Sicht ist die größte Herausforderung, den urbanen Raum neu zu denken. Was meine ich damit? Wenn der vor kurzem verabschiedete Bundesverkehrswegeplan die Investitionen von 300 Milliarden Euro in Teer und Beton bis 2030 zementiert und die Verantwortlichen in den Ländern jubeln, weil ihre Länderhaushalte entlastet werden, dann zeigt sich eine erstaunliche Zukunftsblindheit. Natürlich müssen marode Brücken und Verkehrswege saniert werden. Wenn aber nicht gleichzeitig und vorausschauend in den Aufbau „intelligenter Mobilitätsinfrastrukturen“ für autonome Verkehrssysteme investiert wird, bleiben die raumentlastenden Potenziale intermodaler und postfossiler Mobilitätssysteme ungenutzt. Die zentrale Herausforderung für den urbanen Raum ist es, gerade in Umbruchzeiten das Neue vorzudenken und Weichenstellungen für die Zukunft zu finden, die Optionen offenhalten. Mobilität ist nur ein Beispiel für die Notwendigkeit von Systeminnovationen.

Sie bezeichnen die Stadt als „Reallabor“ par excellence, um neue Modelle für das Leben und Wirtschaften zu erproben. Viele Großstädte entwickeln dementsprechend innovative Konzepte für eine sogenannte Smart City. Was zeichnet eine „intelligente Stadt“ aus?

Städte sind nicht intelligent. Im besten Falle können sie dazu beitragen, dass intelligente Lösungen entwickelt werden. Die Crux ist: Hierfür werden eigene Ideen für die Stadt der Zukunft benötigt. Die „Smart City“ ist oft ein Container, chic verpackt, gefüllt mit den alten Problemen und den technisch getriebenen Lösungsversprechen meist großer IT-Konzerne, wie Siemens oder Cisco. Technik war noch nie die Lösung für soziale Probleme, und Smart Cities erfordern immer beides, technische und soziale Innovationen. Zurück zu Ihrer Frage: Eine intelligente Stadt wäre aus meiner Sicht eine Stadt, die die Gestaltung als einen permanenten, diskursiven und kollaborativen Prozess versteht. Eine, die ihre kreativen Potenziale nicht nur kennt und schätzt, sondern auch nutzt. Die sich als Ermöglicher begreift, die wie ein Organismus bereits auf schwache Signale reagiert, bereit ist zu Neuem, die lernt und delegieren kann. Mir geht es nicht um einen praxisfernen Katalog wohlklingender Attribute, sondern darum, eine Idee von der Stadt zu haben und sie als System zu begreifen – mit den ganzen Begrenzungen, die das beinhaltet.

Die Digitalisierung ist ein Treiber für gesellschaftliche Umbrüche. Welche Potenziale und welche möglichen Risiken bieten speziell digitale Technologien für die Stadt von morgen?

Die disruptiven Potenziale der digitalen Transformation sind bereits manifest in der Stadt erfahrbar. Es sind die gelben DHL-Fahrzeuge, die die Stadt zum mobilen Warenverteilzentrum machen, es ist der Einzelhandel, der sich in den Zentren konzentriert und gegen die attraktiven Online-Angebote für Echtzeit-Konsumenten Strategien sucht. Es sind in den Großstädten die smarten neuen Bürokonzepte und die Coworking Offices der Gründerszene, die für den digitalen Wandel der Arbeitswelten stehen. Erstaunlich ist, dass mobiles Arbeiten nicht, wie vermutet, die Pendlerströme reduziert, ganz im Gegenteil. Hier zeigt sich exemplarisch, dass Potenziale sich nur entfalten, wenn dafür die Rahmenbedingungen und entsprechende Anreize richtig gesetzt werden, wie z.B. die Abschaffung der Pendlerpauschale oder verbesserte Taktzeiten im ÖPNV. Es benötigt die Entfaltung von Gestaltungswillen und -ideen und die dazu gehörige Gestaltungsmacht. Die Potenziale liegen auf der Hand und werden spätestens seit der Telecities Initiative der EU Mitte der 90ziger Jahre breit diskutiert. Ich möchte nur einen Punkt hervorheben, der m. E. bisher zu wenig Aufmerksamkeit erfährt: die Open-Data-Portale des Bundes und auch der Städte, wie Hamburg oder Berlin. Die Idee einer freien Nutzung öffentlicher Daten könnte die Städte zu einem neuen Mitspieler bei der Entwicklung mobiler Dienste machen und die Gründerszene stärken.

Das ganzheitliche Konzept einer Smart City bietet einen idealen Nährboden für Innovationen und erfordert kreative Methoden. Wie können Akteure der Kreativwirtschaft zur zukünftigen Stadtentwicklung beitragen, und welche Handlungsfelder ergeben sich für sie? Können Sie Beispiele für gelungene kreative Projekte nennen?

Ob wir immer von einem ganzheitlichen Konzept der Smart City ausgehen dürfen, bezweifle ich. Ihre Frage ist aber durchaus berechtigt, sie zeigt aber auch die Tücken auf. In der Regel gibt es kein geschlossenes Konzept und nicht den einen Akteur, der ein Smart-City-Konzept mit allen Beteiligten umsetzt. Die Situation ist wesentlich unübersichtlicher, und eine einfache Antwort auf Ihre Frage gibt es nicht. Was auf der anderen Seite den Handlungsbedarf kennzeichnet. Es existieren etliche Initiativen von Städten wie Köln, Düsseldorf oder Wuppertal, die sich die Digitalisierung der Stadt auf ihre Fahnen schreiben. In der Regel werden diese getrieben durch nationale und/oder europäische Forschungsprogramme sowie unternehmerische Initiativen. Für die Kreativwirtschaft sind die Förderkriterien meist nicht förderlich, und es ist oft schwierig, mit eigenen Ideen in vorhandene Netzwerke vorzudringen. Wünschenswert wäre auf städtischer oder regionaler Ebene die Entwicklung von Cross-Innovation-Ansätzen zwischen Verwaltung, Unternehmen und Kreativwirtschaft. Damit könnte themenspezifisch entlang von Zielbildern und Roadmaps gemeinsam an neuen Lösungen gearbeitet werden, die entweder in öffentliche Förderprogramme einfließen oder privatwirtschaftliche Investitionen freisetzen. 

Wie steht es um die Städte in NRW? Wird das kreative Potenzial ihrer Akteure für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung bereits ausreichend genutzt?

Aus meiner Sicht ein klares Nein. Ich sage das, obwohl es wie immer gute Beispiele vor Ort gibt. Ich möchte hier nur die Initiative von 25 Wuppertaler Einzelhändlern nennen, die nach Ablauf der Förderung mit einem Verein die Online-Plattform weiterführen, oder Projekte wie „Digitale Region“ von Co:laboratory und Bertelsmann Stiftung oder Forschungsprojekte wie Cowerk, die direkt an das vorhandene, aber noch weitgehend ungenutzte kreative Potenzial offener Werkstätten und Fablabs ansetzen.

Wie sieht Ihr Wunschszenario für eine Stadt der Zukunft aus? Wo liegt Ihrer Meinung nach der größte Handlungsbedarf?

Städte sind Reallabore. Sie reagieren auf Herausforderungen und interagieren permanent mit ihrer Umwelt. Sie sind nur als System wirklich zu erfassen und zu begreifen. Städte sind für mich wie ein Organismus, der dann gut arbeitet, wenn die Stoff-, Waren- und Informationskreisläufe möglichst friktionsfrei funktionieren und die Selbsterhaltungskräfte gestärkt werden. Mein Wunschszenario wäre es, wenn die Städte ihre Vielfalt besser nutzen. Wenn sie den Wandel als die Regel begreifen und die Gestaltungsperspektiven als einen kontinuierlichen Diskursprozess organisieren. Die Stadt als Gemeinwesen in ihrer demokratischen Verfasstheit hat auch die Aufgabe, eine gleichberechtigte Teilhabe am städtischen Geschehen zu gewährleisten, um damit den sozialen Zusammenhalt dauerhaft zu ermöglichen. Es mag etwas altmodisch klingen, aber Städte sind immer noch die Agoren für eine gelingende Bürgergesellschaft und die Keimzelle einer lebendigen Demokratie.

Den größten Handlungsbedarf sehe ich tatsächlich in der Freisetzung von kreativen Ideen. Es werden mehr Freiräume zum Erproben benötigt, dazu gehört das Risiko zum Scheitern. Oder anders gesagt: Open Innovation, Co-Creation und Kooperation mit allen Akteuren sind die essentiellen Bestandteile systemischer Innovationen, und genau die müssen wir bewältigen, in allen zentralen Handlungsfeldern, von der Mobilität über die Energie bis zur Arbeit. In einer Zeit, in der wir „mehr herstellen, als wir uns vorstellen können“ (Günther Anders), benötigen wir vor allem Ideen und Kreativität.

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