Technologieinnovation

Entwicklungsimpulse aus der Kreativwirtschaft

Die 2010 in Köln gegründete Dingfabrik versteht sich als Kombination von offener Werkstatt, Hackerspace und FabLab. In der kurzen Zeit ihres Bestehens hat sich im Umfeld der Dingfabrik ein Milieu etabliert, aus dem ständig neue Geschäftsideen entstehen und oft auch verwirklicht werden. Dadurch gelingt es der Dingfabrik zunehmend, auch jenseits der Kreativwirtschaft und der Region innovative Impulse zu setzen. In Kooperation mit Partnern aus der Region, zu denen auch mittelständische Unternehmen zählen, wurde zuletzt eine neuartige Anzeigetafel für den Sankt Petersburger Flughafen entwickelt. Im Bereich des 3D-Drucks beteiligen sich Mitglieder der Dingfabrik an der Entwicklung von Geschäftsmodellen rund um Angebote für Privatanwender und kleine Unternehmen.

Eine der Stärken der Akteure innerhalb der Kreativwirtschaft liegt im Experimentieren mit neuen Technologien. Makerspaces, FabLabs und ähnliche Einrichtungen fungieren oft als Laboratorien, in denen technikbegeisterte Tüftler und Aktivisten jedweder Couleur die Möglichkeiten neuer Technologien ausloten und potenzielle Anwendungsoptionen erforschen. Gerade weil in den Gemeinschaften und Szenen, die sich in diesen Kontexten bilden, der Geschäftssinn oft hinter purem Entdeckergeist beziehungsweise künstlerischen und sozialen Motivationen zurücktritt, erweisen sich derartige Orte regelmäßig als hochgradig innovativ.

Die Kölner Dingfabrik ist solch ein innovativer Ort. Auf fünfhundert Quadrat­metern im Kellergeschoss am Erzberger Platz (Update: Die Dingfabrik sitzt mittlerweile in der Fritz-Voigt-Str. 1 in Köln-Ehrenfeld) hecken die mittlerweile siebzig Mitglieder des Vereins ihre Projekte aus, führen Workshops durch und veranstalten Vorträge, Konzerte, kleine Bühnenstücke und Ausstellungen. Einer der Initiatoren der Ding­fabrik ist der diplomierte Maschinenbauer Alexander Speckmann. Im Sommer 2012 entwarf der als Multitalent bekannte Kölner gemeinsam mit dem Software-Entwickler Martin Wisniowski für das Evoke-Festival eine Kunstinstallation, bei der mit Hilfe des sogenannten Projection Mapping digitale Bilder und Filmsequenzen auf Verpackungskartons projiziert wurden. Durch einen Artikel auf Spiegel Online über Installation bekam die Northern Capital Gateway, Betreibergesellschaft des neuen Terminals am Sankt Petersburger Flughafen Pulkovo, Wind von den Umtrieben der beiden Dingfabrikanten. Dirk Rebhan, der im Namen der Fraport AG die Informationstechnologie auf dem Flughafen organisiert, trat an Axel Speckmann und Martin Wisniowski mit der Frage heran, ob sich diese Technologie nicht auch für eine innovative Anzeigetafel eignen würde.

Nun handelt es sich beim Projection Mapping nicht um eine brandneue Technologie. „In der Kunst- und Designwelt“, so Alexander Speckmann, „wird mit dieser Technologie seit mehreren Jahren experimentiert. Man begegnet ihr auch gelegentlich bei aufwändigeren Produktvorstellungen, Konzertveranstaltungen oder Theaterinszenierungen.“ Als Bestandteil einer dauerhaften Installation ist die Technologie bisher jedoch kaum in Erscheinung getreten.

Dies ändert sich nun durch die Zusammenarbeit der Dingfabrikanten mit den Betreibern des Petersburger Flughafens. Nach einer kurzen Konzeptionsphase schlugen sie dem Flughafenbetreiber das Modell eines überdimensionalen Orlov-Diamanten – wegen der historischen Verbindung mit Sankt Petersburg – vor, der an der Vorderseite allerlei Flugdaten und andere relevante Informationen bietet und diese dann, entsprechend farblich kodiert, über die Fläche des gesamten Objekts weiterkommuniziert. Beispielsweise würde der soeben gelandete KLM-Flug zu einer Blaufärbung des „Diamanten” führen, der letzte Aufruf eines Lufthansa- Flugs ihn in Gelb tauchen und die verspätete Air Berlin-Maschine das Ganze im prägnanten Rot erstrahlen lassen. Northern Capital Gateway waren vom Entwurf begeistert und gaben die Diamantanzeige bei der von Speckmann & Co. neu gegründeten Flying Orlov UG in Auftrag.

Bei der Flying Orlov UG handelt es sich um einen Zusammenschluss von Akteuren aus dem Umfeld der Dingfabrik. Mit dabei sind neben Maschinenbau-Ingenieur Speckmann und Programmierer Wisniowski die Designagentur Exelsia und die beiden Architekten von Superartitecture. Als Partner aus der Region kamen dann noch die Kölner Unternehmen Responsive Design Studio, Kompetenzcenter- Metall GmbH, Tischlerei Bächer GmbH und die Langenfelder M&M Blechtechnik GmbH dazu.

Eine der Stärken der ­Akteure innerhalb der ­Kreativwirtschaft liegt im Experimentieren mit ­neuen Technologien.

Gemeinsam mit den Partnern konnte das junge interdisziplinäre Team innerhalb kurzer Zeit die nicht unerheblichen technischen Herausforderungen des fliegenden Orlov lösen. Der Betreibergesellschaft des Petersburger Flughafens ging es vor allem um die ästhetische Aufbereitung oder sogar Emotionalisierung der Flugdaten. Oberflächlich betrachtet handelt es sich beim Orlov dann auch ‚lediglich‘ um ein acht Meter langes und vier Meter breites Schmuckobjekt, das von nun an den Sankt Petersburger Flughafen verziert. Tatsächlich ist es eine ästhetisierte Hightech-Konstruktion, die es aus dem Blickwinkel technischer Neuerung durchaus in sich hat. Neben der bereits erwähnten Technologie des Projection Mapping ist auch die Konstruktion der mehrdimensionalen Anzeige überaus innovativ. Sie beruht auf algorithmischer Modellierung und Konstruktion. Über dieses Verfahren gewinnt die Olov-Anzeige ihre spezifische mathematische Ästhetik. Durch die enge Zusammenarbeit zwischen den Konstrukteuren und den Fertigern konnten die lasergeschnittenen und computergesteuert gebogenen Einzelteile derart optimiert werden, dass die zum ersten Entwurf ermittelten Produktionskosten um mehr als fünfzig Prozent gesenkt und das Objekt damit innerhalb des vorgegebenen Budgets realisiert werden konnte. Ab Mai 2014 erstrahlt die diamantene Anzeige unter der Decke des Flughafens Pulkovo und präsentiert Reisenden und poten- tiellen Kunden ein derzeit einzigartiges Exportprodukt nordrhein-westfälischer Innovationsökonomien.

Zuhause in Köln arbeitet Alexander Speckmann bereits am nächsten größeren Projekt: Gemeinsam mit dem Investor Dr. Wolfgang Höper, Prof. Dr. Kai Thierhoff von der Rheinischen Fachhochschule Köln und zwei weiteren Partnern hat er eine GmbH gegründet, um ein nachhaltiges und dynamisches Geschäftsmodell rund um das Thema 3D-Drucken zu entwickeln. Bislang war der 3D-Druck vor allem in den Forschungs- und Produktentwicklungsabteilungen von Flug- und Fahrzeugherstellern und bei Prototypenbauern vertreten. Seit der Verbreitung erschwinglicher Kunststoffdrucker und Druckdienstleistern mit Versandhandel interessieren sich zunehmend auch Designer, Architekten und Privatpersonen für die Technologie und ihre Produkte. Allround-Maschinen, die beliebige Dinge materialisieren können und in jedem Haushalt stehen, bleiben zwar voraussichtlich noch einige Jahre eine unerreichte Vision. Derzeit können aber mit etwas Einarbeitung schon praktische und kostengünstige Plastikobjekte zuhause gefertigt werden. Alexander Speckmann:

„Viele der günstigen 3D-Drucker sind für Einsteiger schwer bedienbar, und bei der Fülle an Neuentwicklungen ist es mit viel Aufwand verbunden, einen geeigneten Drucker zu finden. Hinzu kommen unzählige Drucktechniken und Materialien, die über Dienstleister genutzt werden können. Der Markt rund um Drucker, Druckdienstleistungen und gedruckte Produkte ist in starker Bewegung.“

Aufgrund seiner vielfältigen Erfahrung mit der neuen Technologie im Kontext der Dingfabrik ist sich Alexander Speckmann des Potenzials von 3D-Druck durchaus bewusst, weiß aber auch um die Volatilität bei der Entwicklung und Adaption der Technologie. Mit der 3D Printcenter GmbH ist nun die Einrichtung eines Laden- lokals in der Kölner Innenstadt geplant, das das Angebot von 3D-Druckservice mit dem Verkauf von Geräten und Beratung kombiniert. Worum es Alexander Speckmann dabei geht, ist auch „die Professionalisierung der Beratungsleistung, die bei uns in der Dingfabrik regelmäßig abgefragt wird, die wir aber eigentlich gar nicht erbringen können und möchten.“

Mit dem 3D-Printshop haben die verschiedenen Partner nun einen Weg gefunden, um die unvorhersehbaren Entwicklungsbewegungen des neuen Marktes aus einer Erstanwenderposition weiter aktiv zu verfolgen und mitzugestalten. Gleichzeitig bieten sie Endverbrauchern und dem regionalen Mittelstand eine Anlaufstelle, wo man sich unter professioneller Anleitung mit den Möglichkeiten der neuen Technologie auseinandersetzen kann.

Dingfabrik Köln e.V.

Die Dingfabrik Köln ist eines der ersten FabLabs in NRW. Es bietet die Möglichkeit, eine individuelle Idee für ein neues Produkt oder eine technische Entwicklung direkt in einen Prototypen umzusetzen und ist somit eine Fabrik, in der fast alles hergestellt und gelernt werden kann. Der Verein Dingfabrik steht für allgemeinen interdisziplinären Austausch in Workshops und Vorträgen und sorgt für die Bereitstellung von computerisierten Werkzeugmaschinen und einer Bastelwerkstatt.