CREATIVE.NRW @ SXSW

Auch 2018 war Nordrhein-Westfalen wieder mit einer Delegation von knapp 70 Teilnehmern bei der SXSW in Austin vertreten, um sich über die neuesten Trends zu informieren, sich international zu vernetzen und dem globalen Publikum die Köpfe und Konzepte „made in NRW“ zu zeigen. Als Festival und Konferenz der Superlative ist die SXSW ein Melting Pot der Ideen und Visionen. Claudia Jericho war für CREATIVE.NRW dabei und hat einen kleinen Bericht mitgebracht.

Nein, sagt der Fahrer, der mit seinem überdimensionalen Pickup eine unserer letzten Fahrten absolviert, er wolle weder Lyft noch andere Dienste probieren, er sei eben eher der „Uber type of guy“. So funktioniert Brand Building im digitalen Zeitalter; mit dem Aufbau eines „Community Feelings“, bei dem man sich um die anderen Fahrer kümmert, mit dem man sicherstellt, dass sie fit im Einsatz sind oder auch, ob sich ein „hitting the road“ lohnt, und bei dem man das regelmäßige Angebot der Plattform wertschätzt, Pizza für alle Uber-Fahrer auszugeben.

Wie das aus der Unternehmensperspektive aussieht, konnte man dann bei der SXSW von Bozoma Saint John, Chief Brand Officer von Uber, erfahren. Sie will die durchaus von Herausforderungen geprägte Unternehmensgeschichte neu erzählen und sie mit den „Human Resources“ im Zentrum wahrhaft human machen, womit hier einmal wieder deutlich wurde, dass die Amerikaner ein besonderes Händchen für Geschichten haben, die den einzelnen Menschen und sein Schicksal ins Zentrum stellen.

Viele Geschichten erzählt die SXSW, aber auch, wie man sie schreibt, und so ist das richtige Storytelling das Gebot der Stunde. Aber hierbei geht es nicht nur um die schnelle Story, sondern um das, was wirklich dahinter steckt. Kunden und Zielgruppen wollen zunehmend wissen, dass „Context over Content“ und damit letztendlich wiederum „Purpose over Storytelling“ steht, weiß Carla Buzasi, Trendforscherin beim World’s Global Style Network – sie kennt die „Anatomie der Trends“. Immer geht es um die Authentizität, das „Wahr“-hafte, das sich unterscheidet und in Zeiten der exponentiellen Möglichkeiten Identifikation und Orientierung schafft. Ob dies bei Buzzfeed und seinem Creators Programm das Engagement junger Influencerinnen betrifft, die mit großem und dabei ganz bewusstem Einfluss eine Generation junger Frauen prägen, oder die neuen „Localvists“, die, so Buzasi, das Schicksal aktiv in die Hand nehmen und mit ihrem Engagement die Welt zu einer besseren machen wollen.

Fotos: CREATIVE.NRW

Der „Social Impact“ ist hier so präsent wie kaum ein anderes Thema. Der unbedingte Wille zum positiven Wirken und Machen spiegelt sich auch in den ganzen Repair-, Re- und Upcycling-Initiativen, die, so Jane Ní Dhulchaointigh, Erfinderin des formbaren Klebstoffes sugru, zentral für ein sinnhaft erfülltes Leben sind: „Wer macht, ist glücklich.“

Und hier blitzt dann auch wieder der große amerikanische Traum durch, dessen Strahlkraft in gegenwärtigen politischen Zeiten so gering scheint. Wie elektrisiert ist die Atmosphäre, wenn Amerika all seine Power bündelt, um den großen Aufbruch zu visionieren. Nicht weniger als das gelobte Land will es sein, wenn sich die große Werbeindustrie versammelt, um mit der Initiative „The Promised Land“ eine globale Marketingkampagne für das ins Leben zu rufen, was Amerika (einst) wirklich aus- und groß gemacht hat: Vielfalt. Und wenn hier auch noch die Hollywood-Prominenz an Bord kommt und auf einmal Matthew McConaughey auf der Bühne die erste Aktion auswählt, dann meint man fast, dass hier einmal wieder ein Grundstein für eine neue Ära gelegt sein könnte.

Kaum ein Trend, so Buzasi, oder auch eine Selbstverständlichkeit, wie es der Mit-Initiator von „The Promised Land“ Roy Spence umschreibt, ist so allgegenwärtig wie die Diversity. Dass sie unser Leben schon seit jeher bestimmt, zeigt auf sehr eindringliche Weise Walter Isaacson, der Biograf von Leonardo Da Vinci, dessen Werk gerade auch durch seine Vielfalt so umfassend prägend wurde.

Ganz groß zeigt sich auch die Themenvielfalt zur künstlichen Intelligenz, der die großartige Liesl Yearsley, CEO bei Akin und Mitgründerin von Cognea, eine humane Zukunft prophezeit. Dies sei auch wichtig, meint Yearsley in einer Diskussion zu Humanising Autonomy, denn der Umgang damit wird auch den Umgang in der Gesellschaft generell prägen. Wenn die Hälfte aller Interaktionen bald mit künstlicher Intelligenz stattfindet, hat dies großen Einfluss auf Respekt und Wertschätzung der Menschen untereinander.

Mit über 70.000 Besuchern allein beim Kongressteil und über 2.000 Veranstaltungen ist auch die SXSW selbst ein dynamisch schillernder Ausdruck der Vielfalt. Über 5.000 Experten zeigen die Ideen, Projekte und auch die Kunst von morgen, die in realen aber auch in virtuellen Räumen zu Hause sind. Ob inszeniert oder projiziert, augmented, virtuell oder auch mixed, die Vielfalt der Realitäten dehnt sich zunehmend ins Unendliche aus. Zwar braucht es nach Expertenmeinung, so wird auf einem von Fast Company geleiteten Panel deutlich, bis zum Ankommen von VR im Mainstream noch drei bis fünf Jahre. Ebenso sind aber alle überzeugt, dass VR als Medium wie Kino bzw. Film nicht nur ein Trend ist, der schon bald durch „the next big thing“ abgelöst wird. Was es dafür braucht, sind neue Tools für das Gestalten und Experimentieren, spezielles Wissen um die Konsumenten und ein entsprechend ausgerichtetes Marketing sowie Plattformen, die VR-Content aggregieren. Es wird vermutet, dass solche Plattformen zukünftig von den bereits etablierten Medienunternehmen zur Verfügung gestellt werden. Bleibt zu hoffen, dass bei dieser großen Welle die Kreativen als Urheber und gegebenenfalls auch die Verwerter ihrer Werke eine angemessene Vergütung erhalten werden.

Wenn sich die Kreativen allerdings ganz aktiv einmischen, wie beispielsweise in die städtischen Herausforderungen, wird wieder einmal deutlich, welche zentrale Rolle gerade die kreativen Denk- und Handlungsweisen spielen. Durch „Performing the City“ ließen sich mit dem Einsatz von Künstlern und performativen Methoden bei der Frage des Umgangs mit öffentlichen Schwimmbädern in Austin auf einmal Probleme völlig anders angehen und lösen. Dass die City smART wird, wenn auch hier ein Dialog der Vielfalt geführt wird, wissen wir ja schon lange und zeigen dies mit unseren Aktivitäten zum Thema.

Ob allerdings die Plattformökonomie, wie wir sie heute kennen, auch in einigen Jahren so aussehen wird wie heute, darüber kann und muss man spekulieren. Denn vor allem der Vormarsch dezentraler Verteilungssysteme wie der Blockchain – auch bei der SXSW ein großes Thema – kann, wenn es auf die bisher ungelösten Fragen Antworten gibt, die Wirtschaftsordnung nochmals ganz neu schreiben. Hier wird dann jeder auch im digitalen Sinne seines eigenen Glückes Schmied und der Vertreiber seiner eigenen Inhalte: für die kreativen Akteure und Produzenten eine große Chance.

Nicht nur die Blockchain steht für einen der wichtigen Aspekte der zukünftigen Wirtschaft. Wichtige Eckpfeiler derselben sind auch die vielen skalierbaren Ideen und Projekte. Start-ups präsentieren ihre Geschäftsmodelle auf dem gesamten SXSW Festival - sowohl auf dem Interactive-Teil des Festivals, der die digitalen und großen gesellschaftlichen Entwicklungen in den Blick nimmt, aber ebenso bei den beiden anderen  Programmteilen, dem Film- sowie dem Musik-Festival.

Für das Interactive-Festival haben auch wir aus NRW einige vielversprechende Start-ups mitgebracht und erfolgreich vorgestellt, zum einen auf dem deutschen Messestand und zum anderen auf einer eigenen Veranstaltung mit den Partnern StartupAmsterdam, Business France und der Wirtschaftsförderung Brüssel/Wallonia: Unternehmen mit Lösungen für Bilderkennung wie Nyris, die Verschlüsselungssoftware Crytomator, Sugartrends, die lokale Läden auf einer Plattform zusammenbringen, ShareDnC, die flexible Büromöglichkeiten offeriert, Perspective Daily, die auch mal die positiven Geschichten dieser Welt erzählen, Radbonus, mit denen Fahrradfahren nicht nur gesund, sondern auch belohnt wird, oder auch evrbit, die eine Synchronisationstechnologie von VR und Sound entwickelt haben und mit denen wir letztes Jahr auch schon ein VR-Kino ohne Kopfhörer realisiert haben. Und nicht zuletzt war das tolle VR-Erlebnis des WDR, „Meet the Miner“, bei dem man die Erfahrungen unter Tage mit allen Sinnen nachfühlen und erleben konnte, ein hochfrequentiertes Highlight.

Wer für all die Ideen nicht genug Zeit zu haben glaubt, dem seien die aktuellen Erkenntnisse im Bereich Bio Hacking z.B. von Jamie Metzl, unter anderem Autor des Buches Eternal Sonata: A Thriller of the Near Future, ans Herz gelegt: Die neuesten Trends für ein längeres Leben sind neben einigen interessanten Mitteln wie beispielsweise das Medikament Metformin aber dann am Ende doch Business as Usual: Bewegung, gesund essen, soziale Strukturen und einen Lebenssinn finden.

Das wissen wir in der Kreativwirtschaft natürlich schon lange. Und in diesem Sinne: Wir machen weiter.