VIII. Die Vier Szenarios



SZENARIO CO-FABBING – „BAUT KLEINE GEILE FIRMEN.

Physische Produkte entstehen in einem Klima der strukturellen Offenheit und des kollektiven Aufbruchs. Die nächste industrielle Revolution besteht darin, dass sich die Regeln des sozialen Webs hier auch in der Welt der Atome ausspielen und Produktinnovationen auf der Basis demokratischer Designprozesse entstehen. Die Disziplinen der Kultur- und Kreativwirtschaft werden zu kollaborativ produzierenden „reative Industries“, in denen kein Backstein auf dem anderen bleibt und nichts mehr an die Industriekultur rauchender Schlote erinnert.



Co-Fabbing Welt

Es herrscht Aufbruchstimmung, Zukunftsoptimismus und ein allgemeines Klima der Offenheit und Toleranz. Eine Rückbesinnung auf die Realwirtschaft hat die Ökonomie weniger krisenanfällig gemacht und auf einen stabilen, wenn auch flacheren Wachstumspfad geführt. Durch eine aktive Einwanderungspolitik haben die europäischen Länder ihren Bevölkerungsrückgang annähernd ausgeglichen, unterstützt von den entsprechenden Regelungen bezüglich freizügiger Mobilität in der Europäischen Union. Die größere ethnische Diversität führt nicht zu Abschottung, vielmehr befruchten und durchdringen sich die Kulturen gegenseitig mit Ideen. Europa ist zudem Vorreiter beim Umbau zu regionaleren Produktionsweisen, die mit klimapolitischen Zielen vereinbar sind.

Das Web hat die Wirklichkeit überformt. Was ursprünglich im digitalen Raum erprobt wurde – offene Kommunikation, Selbstermächtigung des Einzelnen und Partizipation der Vielen –, findet nun auch in der realen Welt statt. Die Zivilgesellschaft setzt dabei aber nicht allein auf Eigeninitiative, sondern fordert den Staat heraus, sich aktiv in die Umbauprozesse einzumischen, Infrastruktur und öffentliche Güter in großem Ausmaß zur Verfügung zu stellen. Nur so, hat sich gezeigt, kann der Anpassungsdruck produktiv aufgefangen, soziale Spannungen entschärft und multi-ethnische Konflikte vermieden werden. Migranten sorgen zudem für einen regen Austausch mit internationalen Märkten und Produktionsstandorten.

Nordrhein-Westfalen hat die Zeichen der Zeit frühzeitig erkannt und nun eine Vorreiterrolle in den Bereichen partizipativer Stadtentwicklung inne. Mit Rückgriff auf die im Schmelztigel Ruhrgebiet lebendige Erfahrung mit der Integration von Zuwanderern, konnte sich das ganze Land zu einem offenen Gesellschaftslabor wandeln, das qualifizierte Fachkräfte, Wissensarbeiter und Entrepreneure aus aller Welt anlockt. Allerdings bereitet die Reform der Sozialsysteme und öffentlichen Finanzen nach wie vor Probleme, weil neue Arbeitsformen, wachsende Soloselbstständigkeit und kleinteilige Produktion dem großzügig umverteilenden Sozialstaat weitgehend die Basis entzogen haben.

Co-Fabbing Ökonomie

Industrielle Massenproduktion findet schwerpunktmäßig in anderen Teilen der Welt statt. Die Räume, die der Rückgang der klassischen Industriebranchen in Nordrhein- Westfalen eröffnet hat, sind von transnationalen Start-Ups, innovativen Mittelständlern und Entrepreneuren besetzt worden, die – häufig in temporären Projekt-Allianzen – hochspezialisiert und flexibel sowohl für den internationalen Markt, als auch für eine individualisierte regionale Nachfrage produzieren. Auch Unternehmen aus den Benelux- Ländern haben sich durch die offene Politik des Landes vermehrt hier angesiedelt. Produziert werden am Hochlohnstandort vor allem Kleinserien und Prototypen. Customizing, Maßanfertigung und die Individualisierung industrieller Produkte spielen eine immer größere Rolle. Dadurch kommt es zu neuen Verbindungen von Handwerk, Design, Wissenschaft und den Künsten.

Der wachsende Anteil der Wertschöpfung mittelständischer und kleiner Firmen basiert auch dort, wo am Ende ein physisches Produkt herauskommt, immer stärker auf Innovationen, Know-How, Wissens- und Designdienstleistungen. Die Arbeitsteilung hat deshalb enorm zugenommen und bietet viele Nischen für kreative Spezialisten und Support-Unternehmen. Auch bislang größere Unternehmen haben ihre Organisation zu kleineren Einheiten umgestaltet, die zeitlich und räumlich flexibel in Projekten arbeiten. Auch beim Design dieser Prozesse und Organisationsformen ist Kreativität und Design Thinking gefragt. Viele Erwerbstätige gehen nicht mehr nur einem Beruf nach, sondern haben ihr Hobby zu einer zusätzlichen Einnahmequelle transformiert und erzielen über ein breit gefächertes Portfolio von Aktivitäten ein robustes Einkommen.

Der Siegeszug von Rapid-Prototyping und Fabbing kam überraschend, hatte aber eine durchschlagende Wirkung auf die gesamte Wirtschaftsstruktur und hat die Spielregeln von Produktion und Konsum nachhaltig verändert. Weil die Nadelöhre von Massenproduktion und Vertrieb wegfielen, wurden auf einmal alle Märkte zu Long Tail-Märkten mit einer enormer Vielfalt an hochspezialisierten Produkten, die aber teilweise lokal geerdet sind. Über Prosuming und Customer-Co-Creation werden Endkunden stärker in das Design ihrer Produkte einbezogen und erwarten das auch. Heimarbeit wird mit High-Tech kombiniert, altes Wissen trifft auf Neues. Öffentlich zugängliche Fab Labs und Bürgerwerkstätten sind neben die immer noch vorhandenen hierarchisch organisierten Produktionsstätten getreten. Freischaffende Bastler, Tüftler und Gestalter kooperieren untereinander und mit Unternehmen auf offenen Innovationsplattformen. Tauschringe, Bartering und Alternativwährungen kommen ins Spiel, wo das Geld knapp ist.

Co-Fabbing Kultur- und Kreativwirtschaft

Nordrhein-Westfalen bildet als größtes Bundesland einen nachfragestarken Binnenmarkt für smarte, hochwertige und gut auf die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung zugeschnittene Produkte, die zudem den Anforderungen von Nachhaltigkeit besser entsprechen. Die plurale Kultur mit ihren Ethno-Komponenten bedarf kultureller Transferleistungen und bietet zahllose Nischen, in denen spezialisierte Anbieter ihren Markt finden. Gleichzeitig profitiert der Standort von den vielen Luftwurzeln und interkulturellen Verbindungen seiner multikulturellen Bevölkerungsstruktur, so ist Ethno-Marketing zu einer hiesigen Spezialdisziplin geworden.

Die Kreativwirtschaft bildet Zentrum und Drehscheibe zahlreicher branchenübergreifender Netzwerke. Ihre Angehörigen fungieren als Schnittstellenakteure, inspirieren, moderieren und katalysieren Innovationsprozesse und Pionierprojekte. Innovationen kommen oft ungefragt von überraschender Seite, wenn etwa bildende Künstler im Verbund mit Gamedesignern ökologische Projekte entwerfen. Die klassischen Kultureinrichtungen wie Theater und Museen liefern als Diskursorte den sozialen Kitt, der für das Verständnis der Ethnien und Milieus untereinander sorgt. Sie spielen aber auch eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Verbindungslinien mit anderen Zentren und Weltregionen herzustellen, den Austausch mit den Herkunftsländern der Zuwanderer zu unterstützen oder den Pollenflug zwischen Künsten und Wissenschaft proaktiv zu befördern. Generell wird die Kultur- und Kreativwirtschaft als Katalysator für Innovationen anerkannt und alimentiert, auch wenn das wirtschaftliche Volumen, das dort direkt generiert wird, überschaubar ist.

Leitlinie der Kulturpolitik und Wirtschaftsförderung ist: ermöglichen statt steuern, unterstützen statt dirigieren, Rahmenbedingungen optimieren statt eingreifen, Vertrauen statt Bürokratie. Vorhandene Freiräume und Leerstände dürfen von der kreativen Szene nach eigenen Vorstellungen umgestaltet werden. Teilweise darf sie ganze Viertel besetzen und dafür Verantwortung übernehmen – auch in Form von Eigentumsbeteiligungen und Public-Private-Partnerships. Voraussetzung dafür ist, dass Politik und Verwaltung sich öffnen, Bürokratie abbauen und von der Kreativwirtschaft lernen, wie man offene Bottom-up- und Partizipationsprozesse gestaltet. Dazu zählt auch, Einwanderung und Einbürgerung zu erleichtern, internationale Abschlüsse besser anzuerkennen etc. Weil die Gefahr bestand, dass schlecht ausgebildete Kräfte abgehängt und Migranten sich abschotten würden, war ein offener Zugang zu Bildung zentral für das Gelingen. Dabei halfen alternative Formen von Bildung – online wie offline –, die neue Zugänge schufen und traditionelle Institutionen ergänzten. Mittlerweile ist sogar der Wissenstourismus zu den universitären und außeruniversitären Bildungseinrichtungen zu einem erheblichen Wirtschaftsfaktor geworden.



Team Co-Fabbing