Iv. InnovatIonsökologIen

Das bisherige Paradigma der Kultur- und Kreativwirtschaft krankt daran, dass es eine zu statische Sichtweise des Sektors produziert. Das neue Paradigma der Innovationsökologien betont stärker die dynamischen Komponenten der jeweiligen sozialen, kulturellen und technologischen Umwelten. Dadurch rückt die Schlüsselrolle, die das kreative Feld für die Innovationsfähigkeit auch anderer Branchen, Sektoren, Standorten und Regionen hat, in den Fokus. Auf der Basis von kontinuierlichem Wachstum der gesamtbranche Kultur- und Kreativwirtschaft erweitert der Begriff Innovationsökologie die Leistungs- und Anschlussfähigkeit der Kreativwirtschaft gerade für andere Branchen und gesellschaftliche Handlungsfelder. Der Ansatz zeigt, wie dadurch volkswirtschaftliche Effekte lanciert werden können, die wiederum rückwirkend die Branche Kultur- und Kreativwirtschaft stabilisieren und weiter entwickeln können.

1. Innovationsverständnisse in der Kultur- und Kreativwirtschaft

Ausgehend von der Kritik an einem technologischen Verständnis von Innovation und dem neuen Ansatz der Hidden Innovations herrschte in den letzten Jahren eher ein gefühlter Verdacht, dass in den Teilbranchen der Kreativwirtschaft wohl mehr Innovationspotential stecken müsse, als dies statistische Berichte zeigen. Neuentwicklungen von kulturellen Produkten, also Symbolen, Genres, Stilen und Codes, wurden im Kultursektor im Wesentlichen durch individuelle Werke zum Ausdruck gebracht. Experten und Kritiker bewerteten deren Leistungen und machten somit "Neues" in der Gesellschaft bekannt, Vervielfältigungen taten ihr Übriges, um dieses Neue medial in die Welt zu bringen. Dagegen war die Anwendung des Innovationsbegriffs auf den Kultursektor eher verpönt – maß man der Kultur und ihren Werken doch lange Zeit eine nicht-kommerzielle, wenn nicht gar antikommerzielle Funktion zu. Das Neue im Kultursektor war somit rückblickend betrachtet bis in die 1990er Jahre unbestimmt, unvorhersehbar und zu allererst Ausdruck sich wandelnder gesellschaftlich-technologischer Bedingungen. Es definierte sich insbesondere durch Distanz zum Markt.

Die veränderte Perspektive auf die Kultur- und Kreativwirtschaft seit den 1990er Jahren hat den Blick auf die Innovationsfähigkeit innerhalb der Kreativwirtschaft gerichtet. Angetrieben durch den Bericht der britischen NESTA im Jahr 2007 wurde die Frage laut, wie sich die Innovationsfähigkeit zum einen innerhalb der Kreativwirtschaft, zum anderen im Verhältnis zu anderen Branchen beantworten lässt. Grundannahme ist dabei die Feststellung des NESTA-Berichts, dass der Anteil der Hidden Innovations in der Kreativwirtschaft – wie im Dienstleistungssektor allgemein – besonders hoch ist, was die Bewertung der Innovationsleistungen von Unternehmen in der Kultur- und Kreativwirtschaft per se erschwert.

Zudem leistet die in Deutschland gängige Darstellung der Teilbranchen auf der Basis der Wirtschaftszweigsystematik per Definition keine Aussage über den innovatorischen Gehalt der Teilbranchen der Kreativwirtschaft. Zwar legen die Kreativwirtschaftsberichte in Deutschland einen starken Akzent auf den Prozess der Symbolproduktion, dabei wird aber keine systematische Auseinandersetzung mit dem Begriff von Innovation geführt. Erst die Pionierarbeit von NESTA und der unter der EU-Ratspräsidentschaft der Tschechischen Republik in der ersten Hälfte des Jahres 2009 ausgegebene Slogan "Creativity and Innovation" haben die Aufmerksamkeit auch in der Kreativwirtschaft auf dieses Feld gerichtet. Die parallele Fokussierung der EU-Politik auf Soziale Innovationen, sowie die Gründung eines Offices of Social Innovation durch US-Präsident Barack Obama haben das Thema nachdrücklich auf die Agenda gesetzt.

Seither ist die Diskussion um eine Aufweichung und Erweiterung des bislang technologisch aufgeladenen Verständnisses von Innovation um kulturelle und soziale Dimensionen in Gang gekommen. Der damit eingeforderte Perspektivenwechsel löst die Kreativwirtschaft endgültig aus ihren kulturpolitischen und kulturalistischen Verankerungen und rückt sie stärker als bisher ins Zentrum gesellschafts- wie wirtschaftspolitischer Suchprozesse nach Quellen des Neuen.

Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Akzeptanz der kreativen Branchen im Verhältnis zur sonstigen Wirtschaft, sondern insbesondere auf die Förderfähigkeit der Kreativbranchen etwa durch EU- oder Bundesmittel. Bislang war es schwierig, Förderung für die Kultur- und Kreativwirtschaft unter Verweis auf besonders innovative Produkte und Prozesse zu erhalten. Das hat auch damit zu tun, dass die hier entwickelten Problemlösungen, Konzepte und Formate oft nach der Open-Source-Logik distribuiert und adaptiert werden, ohne dass daraus patentierbares geistiges Eigentum erwüchse. Obwohl sie den Grundstock für weitere immaterielle Produkte oder Dienstleistungen bilden, werden diese Innovationen selten als etwas originär Neues anerkannt, geschweige denn systematisch gefördert. Eine Erweiterung des Innovationsbegriffes verlangt auch, stärker auf diese spezifischen systemischen Kontextbedingungen von Innovationsprozessen – also deren Ökologien – in der Kreativbranche einzugehen und zu akzeptieren, dass die Möglichkeiten der Evaluation und Erfolgskontrolle eingeschränkt sind.

Der hier angestrebte Innovationsbegriff will einen Ausweg weisen aus der defensiven Standardargumentation, die Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft stets anhand von Umsätzen und Beschäftigungszahlen dingfest machen zu müssen. Er will stattdessen den Blick richten auf die externen und Spillover-Effekte, die dieser Sektor im Verborgenen generiert. Er will die Verantwortlichen ermutigen, verstärkt nach diesen fluiden Formen der Innovation zu suchen, und ihnen den Rücken dabei stärken, auch visionäre Projekte mit ungewissem Ausgang und nicht absehbaren Effekten zu fördern und zu initiieren.

Letztlich geht es auch um die Frage, wie neue Innovationen in der Kultur- und Kreativwirtschaft zu bewerten sind, wie sie als wirtschaftlich relevante Optionen angesprochen werden und welche Rolle dabei die Administration (vor allem Stadtplanung, Kultur- und Wirtschaftsförderung) spielen kann.

2. Von Project Ecologies zu Innovationsökologien

Wie gestalten sich nun diese Prozesse der Ideenfindung konkret und nach welchen Kriterien definiert man Innovationsökologien? Der Regionalökonom Gernot Grabher hat dafür zunächst den Begriff der Project Ecologies in Anschlag gebracht. Er beschreibt vorwiegend temporäre Zusammenschlüsse von verschiedenen Experten zur Bewältigung von Problem- und Fragestellungen. So hat beispielsweise der Choreograph William Forsythe mit Wissenschaftlern und IT-Designern gemeinsam die Internetplattform "Synchronous Objects for One Flat Thing, reproduced" gestaltet, um Tanz mit Web innovativ zu kombinieren.

Die regionalökonomische Analyse hochinnovativer Cluster wie Silicon Valley oder Silicon Alley in New York hat konkrete Räume, in denen sich mögliche innovative Prozesse vollziehen können, in den Fokus gerückt. Das Wissen solcher verdichteter Räume ist nicht in den einzelnen Unternehmen gespeichert, sondern zirkuliert zwischen den Köpfen und in den Kommunikationen der Menschen, die dort arbeiten. Wie einzelne Unternehmen von Open Innovation profitieren, so profitieren auch ganze Standorte und regionale Cluster davon, dass das Wissen unterschiedlicher aber verwandter Disziplinen in den offenen Austausch tritt. Dafür braucht es einen geeigneten Mix aus konkreten und virtuellen Räumen, die diese Zirkulation zulassen und begünstigen.

Offene Innovationssysteme versuchen, die bis dato als wenig innovationsrelevant eingeschätzten Akteure einzubinden und ihr Engagement für die Beantwortung von konkreten Problemen fruchtbar zu machen. Es sind nicht mehr exklusive Zirkel professioneller Entwickler, vielmehr hybride Gemeinschaften, die an Bedeutung gewinnen. In gemischten Konstellationen verwischen sich die Grenzen zwischen Expertenwissen und Laienwissen. Charles Leadbeater hat vor einigen Jahren den neuen Typus des enthusiastischen Laien mit professionellen Ambitionen als Pro-Am, als professionellen Amateur, charakterisiert.

Diesem Grenzgänger zwischen den Welten und Disziplinen kommt zukünftig die Aufgabe zu, nicht nur in vertrauten Wissens- und Praxis-Communities nach neuen Formen des Wissens zu suchen, sondern in diversen Peergroups, die einer eigenen Dynamik folgen. Diese Gemeinschaften werden nicht zwangsläufig auf Dauer gestellt, sondern konstellieren sich permanent neu. Korrespondierend mit dem Trend zur Projektifizierung der Wirtschaft manifestieren sich diese kreativen Wahlverwandschaften in temporären projekten, die ihre Fortsetzung an anderer Stelle finden. Der permanente Betastatus ist kennzeichnend für diese verflüssigten Formen der Vergesellschaftung.

Eine Schlüsselrolle nehmen dabei neue Formate des punktuellen und kontinuierlichen Austausches ein, die den Charakter sozialer bzw. versteckter Innovationen tragen. Barcamps, Un-Conferences, thematische Konferenzen und Festivals entstehen aus diesen Communities heraus und bilden das vitale Zentrum für Innovationen in der Kreativwirtschaft. Sie sind oft transdisziplinär angelegt und haben mit klassischen Branchenmessen nur noch wenig Gemeinsamkeit, erfüllen aber eine verwandte Funktion als Marktplatz für Neues. Neben diesen im Raum und in der Region verankerten Austauschformaten sind für diese Communities auch virtuelle Gemeinschaften konstitutiv. Obwohl sie sich losgelöst von realen Räumen organisieren, beziehen sie ihre soziale Kohärenz sowie ihre Protokolle der Interaktion (wie Sprachcodes, Stile, Umgangston, Grad der sozialen Nähe etc.) aus räumlich verankerten Konventionen. Das heißt, dass territoriale Gewohnheiten stärker in den Blick genommen werden müssen.

Die drei Aspekte hybride Gemeinschaften, temporäre Projekte und territoriale Gewohnheiten bilden gewissermaßen die Eckpfeiler dessen, was man mit Blick auf die Kultur- und Kreativwirtschaft als Innovationsökologien bezeichnen kann. Dieser Begriff trägt der Erkenntnis Rechnung, dass Innovationen künftig noch weniger als bisher am Reißbrett und in Forschungscontainern entstehen werden, sondern aus einem intakten und hochsensiblen Ökosystem hervorgehen. Wie in der Biologie sind die qualitativen Parameter, die dieses System kennzeichnen, Diversität (Artenvielfalt), die Stärke der Austauschbeziehungen (Stoffwechselkreisläufe) und kritische Masse (Ressourcen und Nährstoffe).

Schnitt-, Kreuzungs- und Berührungsstellen, an denen unterschiedlichste Kulturen, Sprachen und Ideen aufeinanderprallen, sind für diese Innovationsökologien enorm wichtig. Der US-Amerikaner Frans Johansson landet bei der Suche nach Vorbildern für diesen Clash of Disciplines abermals in der Renaissance des 15. Jahrhunderts. Als "Medici-Effekt" beschreibt er das innovative Feuerwerk, das dadurch entstand, dass die wohlhabende Fürstenfamilie der Medici Bildhauer, Wissenschaftler, Philosophen, Maler, Finanzfachleute und Architekten zur Zusammenarbeit nach Florenz einlud. Dieses erste Barcamp, unconference Offene Konferenz-Formate, deren Ablauf und Inhalte von den Teilnehmern selbst bestimmt werden zur Förderung der Diskussionslust und Kreativität der Teilnehmer organisierte, komplexe, kreative Milieu entwickelte eine neue Sichtweise auf die Welt – die Renaissance. Die Stadt war seit diesem Moment eine andere und begründete ein beispiellos innovatives Zeitalter.

Der Ansatz der Innovationsökologien verlangt danach, das Potential der kreativen Akteure grundsätzlicher als bisher aus der Branchenlogik der Kreativwirtschaft herauszulösen und auf ihre Schnittstellenfähigkeit hin zu überprüfen. Kreative Arbeiter könnten verstärkt ihre Rolle als Spezialisten für die Organisation von Wandel wahrnehmen und so in neue Austauschbeziehungen zu anderen Transformationsbereichen der Gesellschaft eintreten. Die einzelnen Sub-Genres der Kultur- und Kreativwirtschaft könnten stärker daraufhin befragt werden, wie sie Innovationen in anderen Wirtschaftsbereichen inspirieren und katalysieren könnten. Diese Sichtweise kann Politik und Verwaltung neue Perspektiven an die Hand geben, wenn sie das Handlungsfeld Kultur- und Kreativwirtschaft ausbauen und dessen Leistungsfähigkeit demonstrieren will.

3. Kreative Klimapolitik

Mit dem neuen Paradigma der Innovationsökologien verändert sich auch das politische Handlungsfeld und seine Eingriffsrhetoriken. Ausgehend von der Ökologie-Metapher sich wechselseitig befruchtender Stoffwechselkreisläufe kann die Rolle der Politik nicht mehr mit der des Landschaftsgärtners verglichen werden, der einen Park kultiviert, geschweigedenn mit der des Landwirts, der großflächig Ländereien ökonomisch-effizient mit Monokulturen bewirtschaftet. Vielmehr geht es zunächst um eine Sensibilisierung für die komplexen Beziehungsgeflechte, Stoffwechselkreisläufe und Wertschöpfungsketten kreativer Ökosysteme. Daraus leitet sich – um im Bild zu bleiben – eine neue Form von Klimapolitik ab, die diese eigenwilligen Ökosysteme wachsen und die entsprechenden Biotope gedeihen lässt.

Recycling und Redesigning in Herford
Gebrauchte Möbel oder Möbelteile, die nicht weiterverwendet werden können, landen meistens auf dem Sperrmüll. In Herford aber entwickelt das Projekt Re-Design in Tischlerwerkstätten qualitativ hochwertige neue Produkte aus alten und gebrauchten Materialien. Unter fachkundiger Anleitung von Designern werden nach Gesichtspunkten eines ansprechenden Designs aus Alt- bzw. Abfallholz "neue" Möbel oder Gebrauchsgegenstände re-designed und gebaut: Sessel, Sofas, Tische, Regale, Stellwände, alles, was sich auch in kleiner Serie produzieren lässt. Zusätzlich zu dem Gedanken der Wiederverwertung und Neunutzung entstehen durch das Projekt neue Arbeitsplätze im Handwerk und Qualifizierungsmöglichkeiten für neue Berufe. Der Erfolg von ReDesign führte bereits dazu, dass Produktserien ausdifferenziert wurden. So wurden so genannte eco-Möbel mit einem Qualitätslabel ausgestattet, womit der Grundstein für ein bundesweites Netzwerk gelegt werden konnte, in dem erstmals kreative Recyclingprodukte in Kleinserien produziert werden. Mit dem 2007 erstmals von der RecyclingBörse! ausgelobten bundesweiten RecyclingDesignpreis werden Designer/innen aufgefordert und angeregt, das große Potential des Re-Designs zu nutzen und weiter zu entwickeln.

recyclingboerse.org

Damit ist nicht der Rückzug des Staates gemeint, im Gegenteil! Es gibt für ihn durchaus eine Rolle als aktivierender und ermöglichender Staat. Er kann – quasi als Primus inter pares – den Wandel selbst mit auslösen und Innovationen innerhalb der Kultur- und Kreativwirtschaft einfordern, wo es den Akteuren aus dem Feld an Initiative mangelt. Unter Umständen ist es erforderlich, dass er dafür mit ins Risiko geht, nach dem Trial- and-Error-Prinzip verfährt und aus Misserfolgen lernt. Bei einer Branche, die wie keine andere nach der Logik des Hit-driven Business funktioniert – ein Hit subventioniert zahllose Fehlschläge – ist ein gut gemischtes Portfolio auch für die Politik der entscheidende Erfolgsfaktor.

An anderen Stellen wiederum ist Nicht-Einmischung gefragt, zumindest was die operative Ebene betrifft. Dieses Steuerungsverständnis lässt sich als Kontextsteuerung fassen und gleicht – cum grano salis – eher dem Bild eines Feng-Shui-Gärtners, der einen Garten so anlegt und arrangiert, dass die Energieströme ungehindert fließen können – und ansonsten sich selbst überlässt. Kontextspezifische Steuerungspolitiken zielen auf die Verbesserung der Rahmenbedingungen dieser Biotope, in denen sich kollektive Möglichkeiten entwickeln können. Weil die Bedürfnisse der Kultur- und Kreativwirtschaft in vielen Punkten deckungsgleich mit dem Rest der Bevölkerung sind, ist der Parameter Lebensqualität ein guter Näherungswert für eine Politik, die auch die Protagonisten der Kultur- und Kreativwirtschaft stärker als bis dato anerkennt. Oder anders: Orte mit intakter Infrastruktur, öffentlichen Grünflächen und einer funktionierenden regionalen Kreislaufwirtschaft sind auch solche, an denen sich Kreative wohlfühlen. Sie bedürfen keiner gesonderten Ansiedlungspolitik.

Überhaupt sollte man sich von dem Gedanken verabschieden, die kreative Klasse mittels Leuchttürmen anzulocken. Sie kommt entweder von selbst oder gar nicht. Aussichtsreicher erscheint dabei das Unterfangen, Allianzen und Achsen mit anderen Städten und Standorten zu bilden, die komplementäre Qualitäten aufweisen und das eigene Portfolio ergänzen. Solche kreativen Städtepartnerschaften ergeben sich von selbst, aber lassen sich durch öffentliche Politik ausbauen und flankieren. Als historisches Vorbild bietet sich die Hanse an. Obwohl sie im Wettbewerb standen, profitierten größere und kleinere Hansestädte von den regen Austauschbeziehungen, ohne dass eine der anderen das Wasser abgrub. Heute könnte man ein solches Modell der kooperativen Standortkonkurrenz als Coopetition bezeichnen.

Auf lokaler Ebene bis hinunter zum einzelnen Stadtteil erfordert kreative Klimapolitik eine intensive Beziehungspflege zwischen staatlichen Akteuren, den einzelnen Sektoren, Stakeholdern und Machern vor Ort. Will die Politik die Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft auf Augenhöhe erreichen, muss sie die Codes bedienen, mit denen untereinander kommuniziert wird. Und zwar ganz konkret in der Praxis der öffentlichen Verwaltungen, deren Abläufe besser als bisher auf die Bedarfe, Zeitbudgets und Kommunikationsfähigkeiten des Bürgers abzustimmen sind, wie dies in Holland oder Skandinavien schon der Fall ist. Am Erscheinungsbild der öffentlichen Hand zeigt sich, wie offen Verwaltung für die Ansprüche aber auch den Input kreativer Akteure und Szenen beim Design von Servicedienstleistungen ist. Die Geografin Ilse Helbrecht hat diese Dimension als Look & Feel angesprochen und weist darauf hin, wie Szenewerte einer Stadt anerkannt werden oder nicht: Ästhetik und Design sind daher wichtig und müssen stimmen.

Darüber hinaus verfügen Staat und Kommunen über Möglichkeiten und Mittel zur Initiierung und Kanalisierung von Aktivitäten, die den Entscheidern selbst oft gar nicht bewusst sind, weil sie immer zuerst an Geld und Fördertöpfe denken. Sie können Hürden beseitigen, verschiedene Parteien an einen Tisch bringen und andere, feinstofflichere Ressourcen als nur Geld in Umlauf bringen. Zu diesen öffentlichen Gütern gehören etwa Know-How, Kommunikationskanäle, nicht zuletzt Räume und Flächen. Physische Allmendegüter, wie Raum, öffentliche Kultur- und Bildungseinrichtungen, Bibliotheken oder kommunale Schwimmbäder unterliegen traditionell einer gewissen Rivalität. Bei anderen wie Kommunikation oder Datenmaterial ist diese Rivalität ausgeschaltet.

Gerade beim statistischen Datenmaterial zeigt sich, dass die öffentliche Hand auf ungehobenen Schätzen sitzt, die oft aus schierer Unkenntnis noch nicht gewinnbringend und kreativitätsfördernd zugänglich gemacht und zirkuliert wurden. Die Open-Data-Bewegung fordert in jüngster Zeit den Zugriff auf dieses Material vehement ein, um auf Basis eines digital verfügbaren öffentlichen Datenbestands eigene Visualisierungen, Anwendungen und interaktive Applikationen zu programmieren. Landkarten, Sozialstatistiken etc. werden in Mash ups zu erkenntnisstiftenden und nutzwertigen Angeboten, auf die nicht selten funktionsfähige Geschäftsmodelle aufsetzen. Dieses ohnehin vorhandene Datenmaterial aufzubereiten und nach den gängigen Regeln vollständig, zeitnah, nicht- diskriminierend und lizenzfrei in Umlauf zu bringen, erfordert wenig Aufwand und kann zum Ausgangspunkt einer Entwicklung werden, an deren Ende nicht nur monetärer Mehrwert, sondern eine stärkere Identifikation und Partizipation zwischen Bürgern und Gemeinwesen entsteht.

Jedes einzelne Mosaiksteinchen dieser Politik scheint wenig Durchschlagskraft zu haben – aber zusammen ergeben sie das Bild einer vitalen Kultur- und Kreativwirtschaft, deren Dynamik und Innovationskraft sich unter anderem staatlichem Handeln verdankt. Wer Innovationen und Wachstum will, wird um diese neue Klimapolitik nicht herumkommen. Ein erster Hinweis darauf, dass die Botschaft in der Politik ankommt, findet sich im EU-Grünbuch aus diesem Jahr. Darin werden mehr Experimentier- und Innovationsspielräume eingefordert. Die EU will die Kreativwirtschaft als Katalysator für Innovation und Strukturwandel stärken. "Wir haben verstanden" bedeutet in diesem Zusammenhang auch zu akzeptieren, dass die Kleinteiligkeit dieser Politik kein Manko ist, sondern notwendig, um sich den Strukturen der Kultur- und Kreativwirtschaft anzuverwandeln.

Kleinteiligkeit und Diversität haben den Vorteil, in Krisenzeiten besser gegen die Unwuchten des Marktes gefeit zu sein, als hochgezüchtete Monokulturen. Die letzte Finanzkrise hat die Kultur- und Kreativwirtschaft besser überstanden als manch andere Branche. Auch daraus kann eine kreative Klimapolitik Lehren ziehen. Die Ökosysteme der Kultur- und Kreativwirtschaft geben konkrete Hinweise, wie im Nachgang globaler Krisen und in Erwartung kommender Umbrüche wirtschaftliche und gesellschaftliche Resilienz organisiert werden kann. Robustes und nachhaltiges Wachstum erwächst heute nicht mehr aus einzelnen Industrien und Branchen, sondern aus Innovationsökologien. Wer es fördern will, muss diese hegen, pflegen und schützen – und dabei lineares Effizienzdenken mitunter temporär außer acht lassen.

Lehrgebiet Service-Design in Köln Gut 2.000 Euro investiert die deutsche produzierende Industrie jährlich im Schnitt pro Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung. Im Dienstleistungssektor dagegen belaufen sich diese Investitionen bloß auf circa 65 Euro pro Mitarbeiter und Jahr! Dementsprechend sind Disfunktionalitäten keine Seltenheit im Kontakt mit Dienstleistern: Endlose Wartezeiten, nicht eingehaltene Termine, Unfreundlichkeiten, Unzuverlässigkeit und die Tortur unsinnig erscheinender Formalien bestimmen oft den Service-Alltag aus Sicht der Kunden. Auf der anderen Seite klagen Dienstleistungsanbieter über mangelnde Preisbereitschaft der Kunden, über massiv schwankende Auslastungen und schlecht motivierte Mitarbeiter. Um diesen Missständen entgegen zu treten, entstehen seit Mitte der 90er Jahre in Deutschland neue Schwerpunkte in Forschung und Lehre. So auch das Lehrgebiet Service-Design in Köln. Service-Design betrachtet Dienstleistungen als Produkte, die ebenso wie gegenständliche Produkte systematisch entwickelt und gestaltet werden müssen. Und wie bei gegenständlichen Produkten geht es hier um die Gestaltung von Funktionalität und Form – aber eben die von unsichtbaren Produkten, von Service. Es geht um die Entwicklung innovativer und kundenorientierter Strategien, um die Erarbeitung effizienter und funktionaler Abläufe und um die Gestaltung eines formvollendeten Interface zum Kunden.

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415m über NN – DENKFABRIK in Lüdenscheid Die südwestfälische Denkfabrik entsteht mitten im Zentrum Lüdenscheids, unter Einbeziehung des Bahnhofareals. Das Vorhaben sieht den Aus- und Umbau zu einem hochwertigen Standort für Dienstleistung, Gewerbe, Bildung und Forschung vor. Zusammen mit dem Ausbau des Bildungsnetzwerkes soll auch dieses Quartier städtebaulich attraktiver werden. Zahlreiche Bildungs- und Forschungseinrichtungen, darunter die Phänomenta, das Kunstoffinstitut (KIMW), das Institut für Umformtechnik (IfU) oder das Deutsche Institut für angewandte Lichttechnik (DIAL) haben ihren Sitz in Lüdenscheid. Ihre Arbeit ist national wie international von hoher Bedeutung für Wirtschaft und Wissenschaft. Ziel des Projektes ist die bessere Verbindung von Produzenten und Wissenschaft im Stadtzentrum. Das innovative technische Potential dieser Region soll lokal konzentriert werden und einen bis dato fehlenden Ankerpunkt erhalten, der Angebote für lebenslanges Lernen zur Stärkung der südwestfälischen, technologieorientierten Wirtschaftsbranchen ermöglicht. Eingerahmt wird dieses Vorhaben durch die REGIONALE in NRW, die seit 1997 Ausdruck der regionalisierten Strukturpolitik des Landes ist.

luedenscheid.de